Chemieanlagen auf dem Werksgelände von BASF in Ludwigshafen | dpa
Analyse

Hoher Bedarf der Industrie Wie ein Gasembargo die Chemiebranche träfe

Stand: 30.03.2022 08:03 Uhr

Kaum eine Branche ist so stark auf Gas angewiesen wie die Chemie. Ein Stopp der Lieferungen aus Russland hätte für die mehr als 2000 Unternehmen Folgen, die in der gesamten Gesellschaft spürbar wären.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Wie gut, dass es gerade Frühling geworden ist: Die nächste Heizperiode ist noch weit weg. Naheliegend, dass die meisten Verbraucher bei Erdgas erstmal an die eigenen vier Wände denken und wortwörtlich erschauern bei dem Gedanken, sie könnten ihre Wohnräume im Winter nicht mehr heizen. Die Regierung arbeitet daran, die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu reduzieren, nur von heute auf morgen wird das nicht funktionieren. Aber das Problem ist noch viel weitreichender.

Peter Sonnenberg

Gas hält deutsche Wirtschaft am Laufen

Kaum eine andere Branche braucht so viel Gas wie die Chemieindustrie. Gas ist in doppelter Hinsicht unverzichtbar: Für die mehr als 2000 chemisch-pharmazeutischen Unternehmen in Deutschland ist es der wichtigste Energieträger, aber auch Rohstoff für viele Produkte, zum Beispiel für die Basischemikalie Ammoniak. Die 2,5 Millionen Tonnen Ammoniak, die mithilfe von Gas und Wasserstoff jedes Jahr hergestellt werden, sind Ausgangsstoff für Düngemittel oder medizinische Produkte.

Doch als Rohstoff wird firmenübergreifend nur gut ein Viertel des Erdgases genutzt. Der weitaus größere Teil, 99 Terrawattstunden, sind für die Energiegewinnung in Form von Dampf und Strom vonnöten. "Mit einem kurzfristig einsetzenden und länger anhaltenden Lieferausfall würden wir spätestens im Herbst Versorgungsengpässe erwarten, die auch unsere Industrie betreffen. Damit wären dann tiefe Einschnitte in das Produktionsniveau der Branche verbunden. Und zwar nicht nur bei großen energieintensiven Unternehmen, sondern auch im Mittelstand", sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der chemischen Industrie (VCI).

Ausbleibendes Gas zieht fast alle Branchen in die Krise

Wird der kontinuierliche Nachschub an Gas unterbrochen, müssten Produktionsstraßen gedrosselt oder - wo das nicht geht - heruntergefahren werden. Solche Abschaltvorgänge großer Anlagen können Wochen in Anspruch nehmen und sind sehr kostspielig. Unterbrochene Lieferketten würden unzählige nachgelagerte Branchen mit in Produktionsengpässe ziehen: Landwirtschaft, Ernährung, Automobil, Kosmetik und Hygiene, Bauwesen, Pharma oder Elektronik - um nur einige zu nennen.

Am Beispiel der BASF in Ludwigshafen, dem größten Chemiekonzern weltweit, wird klar, dass Chemie direkt oder indirekt jeden betrifft. Am Standort Ludwigshafen werden sowohl medizinische Produkte wie Desinfektions- oder Reinigungsmittel und Schutzanzüge hergestellt, wie auch Produkte des alltäglichen Lebens, Verpackungen für Lebensmittel oder Hygieneartikel.

"Eine Reduzierung der Erdgasversorgung auf unter die Hälfte des heutigen Bedarfs würde zu einer vollständigen Einstellung der Betriebstätigkeit führen. Bei deutlicher Einschränkung oder Einstellung der Produktion ist mit erheblichen Auswirkungen auf die Grundversorgung der Bevölkerung nicht nur in Deutschland und damit auf das Gemeinwesen zu rechnen", erklärt BASF-Unternehmenssprecherin Daniela Rechenberger. Erdgas würde auch als Rohstoff für die Herstellung von Acetylen verwendet. Es ist unter anderem Ausgangsstoff für Kunststoffe, Arzneimittel, Lösemittel, Elektrochemikalien sowie hochelastische Textilfasern, die wiederum Vorprodukte für die Automobil-, Pharma-, Bau-, Konsumgüter- und Textilindustrie sind.

Ausfall von Düngemitteln befürchtet

Und die BASF produziert Düngemittel für die Landwirtschaft. Russland ist ein bedeutender Exporteur von Düngemitteln und hat bereits mit der Reduzierung der Exportmenge gedroht. Sollte aufgrund von Gasmangel auch noch die deutsche Düngemittelproduktion ins Stocken geraten, geriete die Landwirtschaft - nach einer kurzen Übergangszeit aufgrund von Lagerhaltung - in große Schwierigkeiten.

Joachim Ruckwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, sagt zu diesem Szenario: "Momentan gibt es zwar erste Engpässe, aber die diesjährige Ernte sehe ich nicht gefährdet. Sollten zukünftig Dünge- und Pflanzenschutzmittel nur noch begrenzt verfügbar sein, würde dies zu massiven Ernteeinbußen führen." Mittelfristig dürften dann auch die Lebensmittelpreise steigen. Denn Diesel, Tierfutter und jetzt Düngemittel trieben auch die Produktionskosten der Landwirte in die Höhe.

"Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit steht auf dem Spiel"

Ruckwieds Konsequenz aus der drohenden Gasknappheit: "Deutschland muss nicht nur eine Gasreserve, sondern auch eine Reserve für Düngemittel anlegen, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen." Deutschland sei - anders als Länder in Nordafrika oder Arabien - für eine Übergangszeit in der Lage, Versorgungsengpässe zum Beispiel bei Brotweizen durch teure Zukäufe auf dem Weltmarkt auszugleichen. Erst im nächsten Jahr würde es sich an den Regalen zeigen, wie gravierend der Gasmangel zu Ernterückgängen geführt haben wird.

Sollte Gas hierzulande tatsächlich knapp werden, sagt VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup, dann habe das längerfristige Folgen: "Anders als in der Finanz- und Coronakrise würde sich bei einer Industriekrise durch einen längeren Ausfall von Erdgas Deutschland nicht relativ schnell wieder erholen. Dann steht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieses Landes auf dem Spiel."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. März 2022 um 22:15 Uhr.