Messinsturmente zeigen den Leitungsdruck von Rohrleitungen des Gaspeichers der Stadtwerke Kiel | picture alliance/dpa

Pleitegefahr wegen Gaspreisen Was Energieversorgern drohen könnte

Stand: 28.06.2022 08:12 Uhr

Wirtschaftsminister Habeck fürchtet eine Kettenreaktion, falls Energieunternehmen wegen der hohen Gaspreise Pleite gehen. Was das für Verbraucher bedeutet und wie sich ein Dominoeffekt verhindern ließe.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Seit Mitte Juni sind die russischen Gaslieferungen nach Deutschland stark reduziert. Vergangene Woche rief Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) daher die zweite Krisenstufe im Notfallplan Gas aus. Neben einem drohenden Engpass im kommenden Winter sieht der Vizekanzler die Gefahr einer Kettenreaktion.

Till Bücker

Demnach bestehe ein hohes Risiko, "dass Energieversorger möglicherweise in eine ökonomische Lage kommen, wo sie nicht mehr Geld am Markt aufnehmen können, um Gas einzukaufen". Falls die Preissprünge so groß sind, "dass die Unternehmen umfallen", könne es eine Art "Lehman Brothers-Effekt" im Energiemarkt geben - mit Folgen für Stadtwerke, Unternehmen und Verbraucher.

Was passiert nach dem 11. Juli?

Im Jahr 2008 hatte die Pleite der US-Bank Lehman Brothers zu einem Dominoeffekt geführt und die globale Finanzkrise ausgelöst. Die Aktienkurse an den globalen Börsen stürzten ab, und das mangelnde Vertrauen zwischen verschiedenen Banken sowie Unternehmen ließ den Handel einbrechen. Viele Menschen verloren ihren Job oder Ersparnisse. Ein solches Lehman-Szenario mit weltweiter Wirkung befürchtet Andreas Schröder, Leiter der Energieanalyse beim Energiemarktforscher ICIS, noch nicht. "Die Gasspeicher können uns eine Zeit lang retten. Außerdem gibt es auf der Nachfrageseite noch unerschöpftes Potenzial, mehr Energie einzusparen", sagt der Experte gegenüber tagesschau.de. Damit gebe es noch Optionen, die den Gasmangel lindern können.

Einen Dominoeffekt auf dem Energiemarkt hält er dagegen für möglich, sollte Russland den Gashahn nach dem Wartungsintervall im kommenden Monat nicht wieder aufdrehen: "Wenn Nord Stream 1 unerwartet und komplett eingestellt wird und die Mengen nicht ersatzweise über die Ukraine und Polen geliefert werden, bekommen wir deutschlandweit ein Problem. Noch sind wir auf die Mengen angewiesen." Am 11. Juli kommt es zu einer geplanten Reparatur der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1. Normalerweise gilt der mehrtägige Termin als Routine - in der momentanen Situation nicht.

Konzerne müssten zu hohen Preisen nachkaufen

Für manche Energieversorger wären die ausbleibenden Lieferungen besonders katastrophal. "Die Risiken betreffen vor allem Unternehmen wie Uniper, die eigentlich große Mengen Gas aus Russland beziehen und vertraglich langfristig gebunden sind, diese an Kunden auszuliefern", so Hans-Wilhelm Schiffer, Leiter der Redaktionsgruppe "Energie für Deutschland" des Berliner Weltenergierats, gegenüber tagesschau.de. Diese Konzerne wären dann gezwungen, das Gas auf dem freien Markt zu sehr hohen Preisen nachzukaufen. Je nach Vertragsgestaltung seien außerdem Strafzahlungen möglich, sollte eine Ersatzbeschaffung über die ausgelasteten LNG-Terminals nicht funktionieren.

Generell sei die Gasbranche in die Lieferketten Upstream (Gewinnung), Midstream (Transport und Weiterverkauf) und Downstream (Vermarktung und Zustellung) aufgeteilt, so ICIS-Experte Schröder. Es gebe nur wenige Direkt-Kunden von Gazprom. Dazu zählten Großunternehmen wie Uniper und Wingas (eine Ex-Tochter von Gazprom) in Deutschland, ENI in Italien und Engie in Frankreich.

"Diese Großkunden kaufen als klassische Midstream-Akteure das Gas aus Russland über große Langfristverträge zu Fixpreisen und verkaufen es dann über kleinere Verträge an eine große Zahl von Kunden - Industrieunternehmen oder Gasanbieter wie die Stadtwerke", erläutert der Fachmann. Diese leiten den Brennstoff schließlich an die regionalen Endkunden weiter.

Gasanbieter können hohe Kosten nicht weitergeben

Dem Vergleichsportal Verivox zufolge gibt es in Deutschland mehr als 900 verschiedene Gasanbieter. Im Schnitt buhlen inzwischen über 100 Firmen pro Region um die Gunst der Kunden. Sie würden derzeit stark leiden, da sie ihr Gas über langfristige Verträge beziehen, deren Preise direkt die Marktpreise reflektieren, so Schröder. "Die Stadtwerke können die Preise nicht direkt an ihre Endverbraucher weitergeben." Zwar seien sie in der Lage, die Abschlags-Vorauszahlungen zu erhöhen, die große Abrechnung erfolge aber erst nach dem Ablesen der Zählerstände am Jahresende.

Immer mehr Gaslieferanten arbeiten überregional oder sogar bundesweit, schreibt Verivox auf seiner Website. Mit problematischen Folgen rechnet Schröder jedoch vor allem, falls viele Versorger einer Region wegen der Gaskrise zeitgleich aus dem Markt ausscheiden: "Wenn ein Grundversorger für eine ganze Stadt ausfällt, kann ein Domino-Effekt entstehen." Bei einem flächendeckenden Mangel würden die Preise in dem Gebiet kurzfristig explosionsartig steigen. So kämen auch Endkunden im Gewerbe und Kleinindustrie in Schieflage und müssten schlimmstenfalls Insolvenz anmelden, warnt Schröder.

Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, rechnet "Stand heute" nicht mit Pleiten von Stadtwerken, sagte er am Freitag im ZDF. Auch Habeck will diesen "Dominoeffekt, der zu einer schweren Rezession führen würde" verhindern. Aber wie könnte das gehen?

Treuhänderschaft und Preisanpassungsklausel als Möglichkeiten

"Zunächst einmal gibt es das Energiesicherungsgesetz, das bei einem Ausfall kritischer Infrastruktur wie der Gasversorgung die Treuhandverwaltung von schwächelnden Unternehmen erlaubt", sagt Martin Brandis, Referent für Energieberatung der Verbraucherzentralen, im Gespräch mit tagesschau.de. Vor einigen Monaten hat die Bundesregierung von diesem Instrument bereits Gebrauch gemacht: Um die durch Sanktionen gegen Russland ins Straucheln geratene deutsche Gazprom-Tochter Gazprom Germania vor der Insolvenz zu retten, wurde die Bundesnetzagentur Anfang April als Treuhänderin eingesetzt. Außerdem erhält die Firma ein Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) - eine weitere Maßnahme, um Insolvenzen zu verhindern.

An den hohen Preisen ändert das allerdings nichts. "Derzeit ist eine Weitergabe der hohen Kosten an die Kunden bei bestehenden vertraglichen Bindungen rechtlich noch nicht möglich", so Experte Schiffer, Dozent für Technologie der Energierohstoffe an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Das könne sich durch die Aktivierung der sogenannten Preisanpassungsklausel ändern. Mitte Mai hatte der Bundestag eine Novelle des Energiesicherungsgesetztes beschlossen: Es enthält nun in dem Paragrafen 24 eine Regelung, die Energieunternehmen bei einer Gaskrise - also in der zweiten oder dritten Stufe des Notfallplans Gas - berechtigt, die Preise direkt zu erhöhen.

"Die Preisanpassungsklausel ist ein Mittel, um notleidende Unternehmen vor dem Konkurs zu retten, bevor die Last der hohen Marktpreise zum existenziellen Problem wird", so der Experte Schröder. Sie sei ein wichtiges Mittel, um eine potenzielle Pleitewelle zu verhindern. Für Endkunden sei es "zwar nicht schön, aber letztlich würden sie einfach direkter mit den wahren Preisen konfrontiert statt erst am Jahresende".

Gashahn wird nicht gleich abgedreht

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordert, dass die Bundesregierung zusätzliche Regelungen trifft, um die Energieversorgung auch für private Haushalte sicherzustellen, deren wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht ausreichend ist. "Dies betrifft insbesondere die Zahlungsfähigkeit von Haushalten mit geringem Einkommen. Energiesperren müssen für entsprechende private Haushalte ausgesetzt werden", so der vzbv in einer Stellungnahme.

Dennoch sei auch das Überleben der Anbieter ein Baustein für die Versorgungssicherheit, so Brandis. Sollte ein Endlieferant bei einer Insolvenz nicht mehr liefern können, hat das für die Verbraucher Folgen. Automatisch abgedreht wird der Gashahn aber nicht. "In solch einem Fall übernimmt der Grundversorger die sogenannte Ersatzversorgung und ist dazu verpflichtet, die Energie weiter zu liefern", erklärt der Verbraucherschützer. Grundversorger sei stets der Energielieferant, der in einem Gebiet die meisten Endkunden hat - in der Regel die Stadtwerke. Die Regelungen beim Strom seien identisch.

Die Ersatzversorgung beginnt ohne Vertragsabschluss ab dem Zeitpunkt, an dem der Netzbetreiber dem Grundversorger einen Gasverbraucher hierfür zuordnet, heißt es von der Bundesnetzagentur. Sie erfolge maximal drei Monate lang. Nach Ablauf einer Frist sollten die Haushalte einen neuen Lieferanten beauftragt haben. "Der Wechsel in die reguläre Grundversorgung, was preislich für Haushalte keinen Unterschied zur Ersatzversorgung macht, ist relativ einfach", sagt Brandis.

Was Verbraucher beim Ausfall des Anbieters tun sollten

Auf die Kunden könnten dabei allerdings Mehrkosten zukommen. "Grundversorger sind deutlich teurer als andere Tarife", sagt Experte Schröder. Nach Angaben der Verbraucherzentralen konnten die Deutschen 2021 bei einem Verbrauch von 18.000 Kilowattstunden im Schnitt rund 60 Euro sparen, wenn sie aus einem Grundversorgungstarif in einen Tarif eines verbraucherfreundlichen Anbieters wechselten. In einigen Städten konnte die Ersparnis sogar dreistellige Beträge erreichen.

Das hat sich laut Brandis durch die Turbulenzen auf den Energiemärkten mittlerweile jedoch geändert. "In der aktuellen Marktlage ist der Grundversorger in vielen Kommunen der preisgünstigste Versorger." Etwa in München, Berlin, Stuttgart und Dortmund hat der örtliche Grundversorger derzeit das günstigste Angebot, wie Vergleichsportale wie Verivox und Check24 zeigen.

Und dennoch: "Grundsätzlich ist es immer richtig, den Markt zu beobachten und Preise zu vergleichen", rät Brandis. Normalerweise könne der Anbieter ohne Fristen gewechselt werden. Bei einem Versorgungsengpass seien die Möglichkeiten, den Vertrag zu wechseln, allerdings eingeschränkt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. Juni 2022 um 22:15 Uhr.