Friseurin bei der Arbeit | dpa

Demonstration gegen Lockdown Friseure sehen ihre Existenz bedroht

Stand: 10.02.2021 08:16 Uhr

Immer mehr Wirtschaftsbranchen dringen auf ein schnelles Ende des Lockdowns - vor allem die Friseure. Bei der Kundschaft wachsen die Haare und in den Salons die Sorgen. 

Von Axel John, SWR 

Im Salon von Jürgen Falkenstein in der Mainzer Innenstadt scheint die Zeit seit dem 15. Dezember stehen geblieben zu sein. Scheren und Kämme liegen akkurat auf den Frisiertischen. Kein einziges Haar liegt auf dem Boden. Niemand ist im Laden. "Unser Betrieb hat alle Hygienestandards erfüllt. Wenn ich bei Spaziergängen sehe, wie teils auf dem Bau ohne Abstand und ohne Masken gearbeitet wird, dann ist die Zwangsschließung für uns ungerecht. Die Politik lässt uns im Stich", fasst der 55-Jährige seine Gemütslage zusammen. Falkenstein ist Chef des ältesten Friseursalons in Mainz.

Axel John

Frust im Familienbetrieb 

Krisen hat der Familienbetrieb, der 1897 gegründet wurde, einige erlebt. In den vergangenen Jahrzehnten drückten Billiganbieter die Preise in der Branche. "Wegen unserer Tradition und einer hohen Qualität konnten wir unseren Kundenstamm bislang halten. Mir ist es auch sehr wichtig, meine Mitarbeiter gut zu entlohnen. Sie sollen sich für später eine ordentliche Rente aufbauen können." Das wird in der Pandemie aber immer schwerer. Falkensteins sieben Mitarbeiter sind zwar in Kurzarbeit. Dennoch hat er laufende Kosten für seinen Betrieb im Wartestand. 

Friseur Jürgen Falkenstein | SWR

Enttäuscht von der Politik: Friseur Jürgen Falkenstein. Bild: SWR

Auf die nahe Zukunft schaut Friseur Falkenstein mit Sorge. "Die Pandemie wird uns noch lange begleiten. Wenn die Abstandsregeln weiter gelten, können wir nur wenige Kunden im Salon haben. Das drückt die Einnahmen. Dann müsste ich die Preise nach oben setzen. Kommen die Kunden dann weiter?" Der Friseurmeister zuckt ratlos mit den Schultern. 

Falkenstein glaubt, dass die Schwarzarbeit boome. "Ich gehe durch Mainz und sehe, wer selbst mal bei sich geschnitten hat oder wer beim Profi war. Auch ich bekomme ständig lukrative Angebote, Haare mal so zu schneiden. Ich mache das aber nicht, auch weil ich einen Ruf in der Region zu verlieren habe." Kollegen, die schwarz Hand am Kopf der Kunden anlegen, will er nicht verurteilen. "Die Not ist groß. Ich kenne schon einige, die jetzt in die Arbeitslosigkeit gehen." Vor dem Treffen im Kanzleramt will er mit Kollegen in Mainz für eine schnelle Öffnung der Friseurbetriebe demonstrieren. Das Plakat liegt in seinem Salon schon bereit. 

Manche lösen ihre Altersvorsorge auf 

Dirk Egner will den Unmut auf die Straße bringen. Er organisiert die Demonstration in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. Auch aus Hessen und Baden-Württemberg werden Teilnehmer erwartet. Egner ist Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Alzey-Worms. Er ist zuständig für 16 Innungen - darunter das Baugewerbe, Zahntechniker und auch Friseure. "Ich habe einen guten Überblick über die Berufsgruppen. Nirgendwo ist die Lage so schlimm wie bei den Friseuren."

Viele lösten inzwischen sogar ihre Altersvorsorge auf. "Zahlreiche Friseure sind beim Überbrückungsgeld II nicht anspruchsberechtigt. Den Antrag auf Überbrückungsgeld III gibt es aber erst frühestens Ende Februar. Die Leute kommen nicht mehr über die Runden", warnt Egner. "Gesundheitsminister Spahn hat im September gesagt, mit dem damaligen Wissen hätte man die Friseure im Frühjahr nicht schließen müssen. Warum wurden wir jetzt wieder dicht gemacht?"

Laut Berufsgenossenschaft hat es nur sehr wenige Corona-Fälle in den rund 80.600 Friseurbetrieben in ganz Deutschland gegeben. Egner dringt deshalb auf eine schnelle Wiedereröffnung am 15. Februar. 

"Brauchen jetzt schnell ein verlässliches Signal" 

Auf dieses Datum hofft auch der Präsident des Zentralverbandes des Friseurhandwerkes, Harald Esser. In Köln erreichen ihn täglich neue Hiobsbotschaften aus dem ganzen Land. Esser schätzt, dass inzwischen ein Drittel aller Friseurbetriebe in Deutschland in ihrer Existenz bedroht ist. "Die Salons hatten im vergangenen Jahr bis zu 30 Prozent weniger Umsatz - und das bei einer sehr geringen Gewinnspanne. Deshalb brauchen wir jetzt vor allem schnell finanzielle Hilfen."

Die Insolvenz der größten Friseurkette Klier in Deutschland sei ein mahnendes Beispiel, was der Branche noch bevorstehen könnte. "Noch halten viele Inhaber durch. Aber wir brauchen jetzt von der Politik ein verlässliches Signal, wann es wieder losgeht." 

Klage gegen Zwangsschließung 

Friseur Guido Wirtz aus der Eifel möchte nicht mehr auf die Bundesregierung warten. Er will eine Öffnung für den 15. Februar juristisch erzwingen. Beim Verwaltungsgericht Mainz liegt ein Eilantrag mit seiner Klage gegen die Zwangsschließung vor. "Ich will den Druck erhöhen. Wie soll ich als Unternehmer planen, wenn die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten alle 14 Tage zusammenkommen und wieder irgendetwas beschließen?"

In anderen Bundesländern haben Friseure ähnliche Klagen eingereicht. Auch Wirtz sagt, dass er trotz laufender Ausgaben und fehlender Einnahmen durch die staatlichen Hilfsprogramme falle. "Ich klage nicht nur für mich, sondern für alle meine Kollegen. Es muss jetzt etwas passieren. Ich hoffe auf das Gericht. Die Politik hat für mich keine Verlässlichkeit mehr." 

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell Baden-Württemberg am 10. Februar 2021 um 18:00 Uhr.