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Neue Regeln für Konzerne Vorstände sollen weiblicher werden

Stand: 30.08.2021 17:30 Uhr

Die ersten DAX-Konzerne haben auf die neuen gesetzlichen Vorgaben reagiert und Frauen in ihren Vorstand geholt. Doch vor allem in bestimmten Branchen tun sich die Unternehmen noch schwer damit.

Von Anne-Catherine Beck, ARD-Börsenredaktion

Die Einführung des Zweiten Führungspositionen-Gesetzes hat zahlreiche deutsche Großkonzerne unter Zugzwang gebracht. Börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten und mehr als drei Vorständen müssen bei Nachbesetzungen in der Top-Management-Etage mindestens eine Frau in den Vorstand holen. So sehen es die neuen Regeln vor, die im August in Kraft getreten sind.

Im Januar 2021 hatte das Bundeskabinett einen ersten Gesetzesentwurf zum sogenannten Zweiten Führungspositionen-Gesetz vorgelegt. Seitdem hat sich auf den Führungsebenen der größten deutschen Unternehmen einiges getan. Während vor Beginn des Gesetzgebungsverfahrens noch zehn der 30 DAX-Konzerne keine Frau in ihren Vorständen hatten, so sind es mit Delivery Hero, Deutsche Wohnen, Linde und MTU inzwischen nur noch vier, wobei Delivery Hero, Deutsche Wohnen und Linde von dem Gesetz nicht betroffen sind: Sie hatten ihre Rechtsform bereits vor Jahren in eine europäische Aktiengesellschaft umgewandelt. Gewerkschaftern zufolge dient der Wechsel in die SE nicht selten dem Zweck, die Mitbestimmung zu umgehen.

Adidas, Bayer, E.ON, Infineon und SAP beriefen nach Ankündigung der Bundesregierung, eine Quote durchzusetzen, noch im Frühjahr jeweils eine Frau in ihre Vorstände - der Softwarekonzern SAP sogar gleich zwei. Auch beim Baustoffkonzern HeidelbergCement wird sich die Lage bald ändern: Im September wird erstmals eine Frau in den Vorstand berufen.

Gezielte Suche an Universitäten und in Schulen

Schwer tun sich mit den neuen Vorgaben vor allem technikorientierte Unternehmen wie der Triebwerksbauer MTU. Das gilt sowohl für Führungspositionen, als auch die Belegschaft insgesamt. "In der Steigerung des Frauenanteils sehen wir eine enorme Herausforderung", heißt es von dem Münchner Konzern. Mit einer derzeitigen Frauenquote von 11,5 Prozent in Führungspositionen sind Frauen bei MTU deutlich unterrepräsentiert. Dies liege am noch immer geringen Interesse von Frauen an naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen sowie am Geschäft mit Triebwerken.

Um die Frauen-Zielquote von 25 Prozent bis zum Jahr 2022 zu erreichen, versucht MTU bereits in Schulen und Universitäten, für einen Job im Unternehmen geeignete Jugendliche oder Studentinnen zu gewinnen. Dazu habe das Unternehmen Förderprogramme für naturwissenschaftliche Fächer ins Leben gerufen, heißt es.

Training zu Denkmustern

Der Darmstädter Technologiekonzern Merck wird seit Mai 2021 als erster DAX-Konzern überhaupt von einer Frau geleitet. Der Frauenanteil bei Führungskräften liegt dort aktuell bei 35 Prozent. Um ihn weiter auszubauen, habe das Unternehmen konkrete Maßnahmen erarbeitet, heißt es bei Merck. "Bereits heute sorgt unter anderem die stärkere Präsenz von Frauen in Leadership-Programmen dafür, dass weibliche Kandidaten bei Stellenbesetzungen größere Beachtung finden." Flexible Modelle zur Gestaltung der Arbeit leisteten einen Beitrag, den Frauenanteil im Unternehmen zu erhöhen. So können Mitarbeitende in Absprache mit ihren Teams und Vorgesetzten sowohl die Arbeitszeit als auch den Arbeitsort frei wählen.

Eine weitere Maßnahme ist nach Angaben des Unternehmens ein Persönlichkeitstraining zu unbewussten Denkmustern sowie deren Auswirkungen auf den Arbeitsalltag. Das Ziel: Frauen sollen vor Vorurteilen geschützt werden - und davor, unterschätzt zu werden. "Ein mögliches unbewusstes Vorurteil könnte dazu führen, dass Führungskräfte jene Mitarbeitende besser bewerten oder befördern, die ihnen schlichtweg ähnlicher sind", so der Konzern.

Meist nur eine Frau im Vorstand 

Manche Expertinnen halten die neuen gesetzlichen Vorgaben indes noch für unzureichend. So kritisiert Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass das Gesetz lediglich eine Frau im Vorstand vorsieht. "Die Forschung zeigt, dass es in größeren Gremien eine kritische Masse von etwa einem Drittel Frauen braucht, damit sich in der Kultur etwas verändert“, sagt Wrohlich.

Insgesamt liegt der Frauenanteil in den Vorständen der 30 DAX-Unternehmen bei 17,6 Prozent. In den meisten Fällen ist neben zahlreichen männlichen Vorstandsmitgliedern nur genau eine Frau im Top-Management vertreten. Zu den Ausnahmen gehören etwa BASF, SAP sowie die Deutsche Telekom mit zwei oder mehr Frauen im Vorstand.

"Ganz gute Dynamik"

Wiebke Ankersen von der Stiftung Allbright, die den Frauenanteil in Führungspositionen in regelmäßigen Berichten dokumentiert, hält das neue Gesetz immerhin für einen symbolischen Meilenstein - auch wenn langfristig deutlich mehr Frauen in den Vorständen nötig seien. In zahlreicher Unternehmen sei ein Umdenken festzustellen: "Wir sehen derzeit eine ganz gute Dynamik bei der Rekrutierung von Frauen für die Konzernvorstände", sagt Ankersen. Seit September 2020 ist der Frauenanteil in den DAX-Vorständen von 12,8 Prozent auf derzeit 17,6 Prozent gestiegen. 

Insgesamt sei ein wachsendes Bewusstsein in der Gesellschaft festzustellen - und ein steigender öffentlichen Druck auf die Unternehmen. Nun komme es vor allem auf die konkreten Maßnahmen der einzelnen Unternehmen an, so Ankersen. Sie seien in der Verantwortung, Werte wie Vielfalt und Chancengleichheit als strategische Unternehmensziele fest zu verankern.