Ford-Mitarbeiter bei einer Kundgebung nach Bekanntwerden der Entscheidung gegen den Standort Saarlouis | dpa

Ford-Votum gegen Saarlouis "Wir fühlen uns belogen und betrogen"

Stand: 22.06.2022 18:07 Uhr

Ford wird seine neuen E-Auto-Modelle in Valencia produzieren. Die Entscheidung fiel gegen das Werk in Saarlouis, wo nach 2025 keine Autos mehr vom Band rollen. Die 4600 Beschäftigten sind empört. Ihre Zukunft ist offen.

Von Céline Kuklik, SR

Ein rhythmisches Klatschen mit Papierfächern der Gewerkschaft IG Metall, das Schrillen von Trillerpfeifen und Tröten von Druckluftfanfaren mischen sich in einer Halle auf dem Werksgelände von Ford in Saarlouis. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, mit dem die Beschäftigten des Autobauers bei einer Betriebsversammlung ihrem Frust Luft machen. "Das Management hat uns mit leeren Versprechungen hingehalten. Wir fühlen uns belogen und betrogen vom Ford-Europa-Management", sagte der Betriebsratsvorsitzende Markus Thal.

Nach einem zähen Bieterverfahren ist die Entscheidung des Ford-Konzerns auf den Standort im spanischen Valencia gefallen. Es wird künftig zwei neue E-Auto-Modelle produzieren. Seine Zukunft ist damit wohl gesichert. Das Werk im Saarland mit seinen etwa 4600 Beschäftigten und circa 2000 weiteren der ansässigen Zulieferer geht dagegen leer aus.

Mitarbeitende sitzen bei der Betriebsversammlung des Ford-Werks in Saarlouis | Frauke Feldmann/SR

Auf der Betriebsversammlung in Saarlouis wurden die Mitarbeitenden informiert. Bild: Frauke Feldmann/SR

"Harte Entscheidungen" nötig

Ford-Europa-Chef Stuart Rowley erklärte in einem telefonischen Pressegespräch, die Entscheidung sei nach einem umfassenden Konsultationsprozess mit beiden Standorten gefallen. Zwei Milliarden Dollar wird der Konzern in die Produktion von E-Autos am Standort Köln investieren. Dort soll die Produktion Ende des kommenden Jahres starten. Ford habe sich vorgenommen, ein nachhaltiges Geschäft in Europa aufzubauen, begründete Konzernchef Jim Farley die Entscheidung in einer Mitteilung. "Dies erfordert Konzentration und harte Entscheidungen."

Das Werk in Valencia sei das "am besten positionierte Werk für die Produktion von Fahrzeugen auf Basis einer Ford Elektro-Fahrzeugarchitektur der nächsten Generation", heißt es. Ab 2026 will der US-Autobauer in Europa jährlich mehr als zwei Millionen Elektroautos bauen und eine bereinigte operative Marge von zehn Prozent erzielen.

Suche nach Zukunftsoptionen für Saarlouis

Die Entscheidung für Valencia als "präferierten Standort" bedeute aber nicht das Ende für den Standort in Saarlouis, betonte Rowley. Der Konzern habe eine Task Force eingerichtet, um mit der Belegschaft und auch der Landesregierung Lösungen zu finden, wie das Werk fortbestehen kann. Konkrete Vorschläge legte er aber noch nicht vor. Autos sollen nach 2025 jedenfalls nicht mehr vom Band rollen.

Auf beide Standorte kämen bedeutende Restrukturierungen zu, so der Ford-Europa-Chef. Denn für den Bau von E-Autos wird weniger Personal benötigt. Wie viele Stellen gestrichen werden, nannte er auch auf mehrfache Nachfrage nicht.

Beschäftigte wollen weiterkämpfen

Am Nachmittag brachen knapp 2500 Beschäftigte zu einem Demonstrationszug vor dem Saarlouiser Werk auf. Sie fürchten um ihre Existenz, wenn Mitte 2025 die Produktion des Verbrenner-Modells Ford Focus ausläuft. "Die Metallerinnen und Metaller werden sich mit allen Mitteln gegen die Abwicklung des Ford-Standortes zur Wehr setzen", erklärte der Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte, Jörg Köhlinger. Wenn das Management nicht einlenke, werde Ford "den Widerstand eines ganzen Bundeslandes" zu spüren bekommen.

Der Konzern hat den Beschäftigten in den vergangenen Jahren viel abverlangt, um trotz Pandemie und Halbleitermangel weiter wettbewerbsfähig zu bleiben: keine Nachtschichten mehr, Kurzarbeit und nach Angaben des Betriebsratsvorsitzenden Thal einen Abbau von 2500 Stellen. "Ohne Perspektive für Saarlouis werden wir die Konzernentscheidung nicht akzeptieren", sagte der Geschäftsführer der IG Metall Völklingen, Lars Desgranges.

"Entscheidung von Ford ist eine Farce"

Auch aus der Politik gibt es scharfe Kritik. "Die Entscheidung von Ford ist eine Farce", erklärten die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Wirtschaftsminister Jürgen Barke. "Nach allem, was wir wissen, können wir selbstbewusst sagen: Der Standort Saarlouis liegt unter dem Strich deutlich vorn. So drängt sich der Eindruck auf: Das Verfahren war nie fair."

Saarlands Ministerpräsidentin Rehlinger spricht mit Ford-Beschäftigten in Saarlouis | Frauke Feldmann/SR

Saarlands Ministerpräsidentin Rehlinger sprach vor Ort mit Ford-Beschäftigten. Bild: Frauke Feldmann/SR

Mitte Mai waren die beiden SPD-Politiker noch zur Konzernspitze ins US-amerikanische Detroit gereist, um für den Standort zu werben. Das vorgelegte Angebot hatte nach Angaben der Ministerpräsidentin einen Gesamtumfang von nahezu einer Milliarde Euro.

Rehlinger erklärte sich weiter offen für eine Zusammenarbeit mit Ford, das müsse aber auch der Konzern wollen. "Wir haben immer für die Arbeitsplätze gekämpft - nicht in allererster Linie für einen Automobilhersteller. Wenn dieser dazu nicht mehr willens oder in der Lage ist, werden wir uns nach Alternativen umsehen." Der saarländische Landtag will morgen zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Das Bangen der Beschäftigten geht weiter.