Flusskreuzfahrtschiff NickoSpirit in Regensburg | Sebastian Grosser und Martin Gruber
Reportage

Tourismus-Krise Später Neustart der Flusskreuzfahrten

Stand: 19.06.2021 15:29 Uhr

In Bayern sind wieder Flusskreuzfahrtschiffe unterwegs - wegen des Infektionsschutzes mit weniger Gästen an Bord. Das lange Ausbleiben der Schiffe hat entlang der Routen tiefe Spuren hinterlassen.

Von Sebastian Grosser und Martin Gruber, BR

Eine Melodie ertönt an Deck des Flussschiffs "NickoSpirit", bevor Kreuzfahrtleiter Ferdinand Selig zu seiner Ansprache ansetzt. "Willkommen in Regensburg, liebe Passagiere." Vor Selig liegt ein Zettel mit mehreren Namen, die wiederum mit unterschiedlichen Farben markiert sind. "Bitte denken Sie an Ihre Gruppeneinteilung und vergessen Sie ihre Maske nicht, wenn Sie das Schiff verlassen", sagt er.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich schon mehrere Passagiere am Eingang des Schiffes versammelt, um zur Stadtführung an Land zu gehen. Maximal 14 Personen dürfen in eine Gruppe. Das gehört zum Infektionsschutz.

Millionenerlöse vor Corona

Die "NickoSpirit" ist das erste Flusskreuzfahrtschiff, das dieses Jahr in Regensburg festgemacht hat. Normalerweise beginnt die Saison bereits im Frühjahr. Doch Corona hat auch 2021 dem einst boomenden Tourismuszweig einen empfindlichen Dämpfer verpasst.

Das Regensburger Stadtwerk, das das Anlegeufer verwaltet, erwartet gerade einmal um die 100 Anlandungen in diesem Jahr. Ähnlich wie bereits 2020, im ersten Corona-Jahr, wird die Stadt voraussichtlich wieder nur 100.000 Euro mit den Schiffen umsetzen. Zum Vergleich: 2019 machten mehr als 1000 Schiffe in Regensburg fest, womit die Stadt einen Umsatzerlös von 1,3 Millionen Euro einfahren konnte.

Harte Zeiten für Gästeführer

An der Donaulände, wo die "NickoSpirit" festgemacht hat, wartet bereits Michaela Ederer auf die Gäste. Die Gästeführerin hat das erste Schiff und seine Passagiere bereits sehnsüchtig erwartet. "Die letzten Monate waren wirklich eine ganz harte Zeit", sagt sie. "Ein Großteil der Gästeführer sind als Freiberufler tätig und auf die Gästeführungen und die Umsätze, die sie damit generieren, angewiesen."

In der Hochphase der Pandemie seien bundesweit rund 7500 Gästeführer beschäftigungslos gewesen, sagt Ederer, die auch im Vorstand des Bundesverbands der Gästeführer in Deutschland ist. Viele ihrer Kollegen hätten ihre Altersreserven anzapfen müssen. "Daher freuen wir uns sehr", sagt sie mit Blick auf die Ankunft der ersten Passagiere.

Passagiere: Kein Problem mit Infektionsschutz

Während die Gäste mit Audioguides im Ohr dem blauen Täfelchen des Reiseanbieters folgen, um die historische Altstadt von Regensburg zu erkunden, unterhält sich Kreuzfahrtleiter Selig mit den auf dem Schiff verbliebenen Passagieren. Sofern sie nicht im Restaurant oder auf dem Sommerdeck sitzen, tragen alle einen Mund-Nasen-Schutz.

Vielen der größtenteils älteren Passagiere machen die Infektionsschutzmaßnahmen nichts aus. "Die Gäste sind es ja gewohnt", sagt Selig. Für den Anbieter von Kreuzfahrtreisen war die Erstellung eines passenden Hygienekonzepts dagegen eine kleine Herausforderung: Um den Abstand zu wahren, dürfen aktuell auch nur 143 der sonst 170 Passagiere an Bord. Auf der "NickoSpirit" gibt es sogar ein zertifiziertes Testzentrum, damit sich jeder auf dem Schiff alle 48 Stunden testen lassen kann.

Ende des Kreuzfahrtbooms

Während der Anbieter Nicko bereits zuvor überwiegend auf ein deutschsprachiges Publikum setzte, haben es andere Reedereien schwerer, wie der größte Branchenverband IG Rivercruise auf BR-Nachfrage mitteilt. Besonders Umsätze von Reedereien, die sich ausschließlich auf Gäste aus Übersee wie USA oder Australien spezialisiert haben, seien voriges Jahr um 100 Prozent eingebrochen. Aber auch diejenigen Schiffe, die zwischen Juli und Oktober 2020 fahren konnten, verzeichneten Einbußen zwischen 60 und 70 Prozent.

"Die Queen würde das Jahr 2020 zum 'annus horribilis' erklären. Die IG Rivercruise schließt sich dem an", heißt es vom Branchenverband. Die Prognose für 2021 fällt nicht besser aus. "Die Saison ist nur kurz", so IG Rivercruise. Einzelne Anbieter hätten daher Insolvenz angemeldet, seien allerdings bereits vor der Pandemie in finanzielle Schieflage geraten.

Souvenirläden vor dem Aus

Das ausbleibende Kreuzfahrtgeschäft hat auch Gabriele Winklmeier in Existenznöte gebracht. Die 58-Jährige hat einen Souvenirladen in der Altstadt von Passau. Die Schiffs-Touristen aus den USA und Frankreich wären eigentlich ihr Hauptgeschäft. Pandemiebedingt sei voriges Jahr allerdings kaum etwas gegangen, so Winklmeier. "Auch heuer läuft es bisher mies: Keine Busse, keine Schiffe, keine Kunden. Jetzt kommen zwar die ersten Kreuzfahrtschiffe, aber die legen alle außerhalb an." Sie werde ihren Souveniershop - nach 17 Jahren - wahrscheinlich aufgeben.

Winklmeier blickt mit Wehmut zurück: "Vor drei Jahren war hier noch die Hölle los. 300 Gäste schon in der Früh um acht. Da konnte man noch Geschäfte machen. Heute kann es mir passieren, dass ich keine 30 Euro Umsatz mache."

Die Gäste der "NickoSpirit" werden wohl kein Souvenir mehr in Winklmeiers Laden kaufen. In Passau endet die Fahrt des Flusskreuzfahrtschiffs. Mehrere Busse warten entlang der Anlegestelle, wo bereits die Koffer aufgereiht stehen. Kreuzfahrtleiter Selig, der nach neun Tagen seine Gäste verabschieden muss, zieht eine positive Bilanz: "Es war eine entspannte Reise, auch wenn es unentspannt wirkt. Wir waren gut vorbereitet mit den Tests an Bord. Viele Gäste waren geimpft oder genesen. Das ist natürlich auch eine große Erleichterung für uns."