Ein Passagierflugzeug startet vom dem Flughafen. Im Hintergrund ist ein Flugzeug im Landeanflug | picture alliance/dpa

Luftfahrt und Corona Abflug aus der Pandemie

Stand: 05.07.2021 13:17 Uhr

Die Luftfahrt, die von Corona besonders hart erwischt wurde, schöpft angesichts rasant steigender Buchungszahlen wieder Hoffnung. Doch die Branche hat sich massiv verändert.

Von Michael Immel, ARD-Luftfahrtexperte, und Katrin Wegner, HR

"Das ist natürlich schlimm als leidenschaftlicher Flieger. Meine ganze Familie von Großvater, Vater - die flogen alle. Und so eine Situation hab ich noch nie erlebt. Und ich hoffe, ich werde es auch nicht mehr erleben", sagt Ingo Grünastel. Er ist Flugkapitän bei Eurowings und freut sich, denn jetzt kommen Urlauber wieder. Er hat wieder mehr zu tun. Dennoch ist die Luftfahrtbranche gezeichnet von Monaten mit Rumpfprogramm.

Michael Immel

Markt bereinigt sich nach der Krise

Die gesamte Branche ordnet sich jetzt neu, eine Marktbereinigung sei in vollem Gange, sagt Luftfahrtberater Christophe Mostert. "Wir sind mittendrin. 2020 sind etwas über 40 Airlines in ein Schutzschirmverfahren oder direkt in die volle Insolvenz gegangen. Und ich persönlich glaube auch, in 2021, 2022 werden wir sehen: Das werden nicht alle durchhalten und die Luft wird immer enger und die weißen Fahnen werden kommen", so Mostert.

Das befürchtet auch Wirtschaftswissenschaftler Matthias Fifka. Viele Airlines konnten zwar durch Staatshilfen vor dem Konkurs gerettet werden, sie machen aber weiter Milliarden-Verluste. "Ich glaube, die Lage ist zweifellos dramatisch, weil die Pandemie viel länger andauert, als wir das gedacht hatten", sagt der Forscher. Vor einem Jahr habe jeder geglaubt, es werde relativ schnell vorübergehen. "Wir sehen einen dramatischen Einbruch letztes Jahr im Vergleich zum Vorjahr, einen Einbruch um zwei Drittel. Dieses Jahr kommen wir, wenn es gut läuft, auf 40 bis 45 Prozent des Vorkrisenniveaus", schätzt Fifka.

Peter Smeets berät Airlines bei Finanzierungen. Er stellt fest: "Die Luftfahrt ist die letzten 40 Jahre kontinuierlich gewachsen, hat etwa alle zehn Jahre den Umsatz verdoppelt." Dieser starke Wachstumstrend habe alle Investoren ein Stück weit positiv gestimmt, dass man in dieser Industrie nicht so viel falsch machen könne. "Und dieser Trend ist eben jetzt nachhaltig gebrochen."

Krise kostet viele Jobs

Flugbegleiter, Piloten und Beschäftigte in der Verwaltung von Fluggesellschaften: Viele haben ihren Job verloren. Wie zum Beispiel Dirk Effelsberg. Er flog für die SunExpress Deutschland und war dort zuletzt als Ausbilder tätig. Bei SunExpress Deutschland sei das Ende hart gewesen, erzählt er. "Es war wirklich diese Familie, die zerrissen worden ist in meinen Augen." Der Lufthansa sei es zu leicht gemacht worden, dabei hätte sie die soziale Verantwortung übernehmen müssen. Immerhin hatte die Lufthansa neun Milliarden Euro Staatshilfen bekommen, um Unternehmen und Mitarbeiter durch die Krise zu bringen.

Während SunExpress Deutschland und Germanwings am Boden bleiben, gründete Lufthansa im Juli 2020 eine neue Airline, die heute als Eurowings Discover neu an den Start geht. "Das nimmt einen schon mit", sagt der ehemalige Flugbegleiter Claus Boschmann. "Man hätte uns ja auch ein Angebot machen können, dass wir hier übernommen werden für die neue Airline, aber das wollte man ja nicht." Es sei darum gegangen, lieber günstigeres Personal zu günstigeren Konditionen einzustellen. "Fliegen ist zwar schön, es macht mir Spaß, aber es soll kein Hobby sein. Ich will jetzt nicht einen Zweitjob haben, damit ich noch mehr quasi meinen Job finanzieren kann, damit ich irgendwie über die Runden komme", so Boschmann.

"Was nicht sein kann: dass die Beschäftigten jetzt noch einen extra Preis dafür zahlen, indem sie nämlich in Zwangsteilzeit, in Befristungen, in Dumpinglöhnen anfangen müssen", kritisiert Marvin Reschinsky von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Er ist sich sicher: "Das geht auch anders. Bei Eurowings fangen Beschäftigte zu den Tarifbedingungen der Eurowings an." 

Luftfahrt setzt auf Ferienflüge

Viele Fluggesellschaften setzen jetzt verstärkt auf die Privatreisenden. Der Verdrängungswettbewerb in dem Segment sei in vollem Gange, sagt Condor-Chef Ralf Teckentrup. Es verwundere schon, "wenn Unternehmen, die in der Vergangenheit mit der Touristik kein Geld verdient haben und nachgewiesenermaßen kein Geld verdient haben, nun sagen: Die Touristik ist das Allheilmittel, um 800 Flugzeuge zu beschäftigen", so Teckentrup.

Condor ließ Teile seiner Passagierflugzeuge während der Krise zu Frachtern umbauen, um mit Cargo Geld zu verdienen. Jetzt lässt Teckentrup die Reihen wieder mit Sitzen schließen. "Ich sehe in den Buchungen für diesen Sommer, dass es eine starke Nachfrage nach touristischen Buchungen gibt. Und ich sehe in meinem Umfeld zumindest, dass die Business-Geschäftsreisenden auch wieder stärker werden und zunehmen."

Mehr Touristik, weniger Business, das soll dem Lufthansa-Konzern aus der Krise helfen. "Allein im Sommer werden wir über 300 Mal pro Woche nach Mallorca fliegen, von 24 Flughäfen in ganz Europa", erläutert Eurowings-Chef Jens Bischof. "Daran erkennt man natürlich, dass man sehr flexibel auf die aktuellen Geschehnisse und Entwicklungen reagieren muss. Und die Eurowings-Marke im Lufthansa Konzern als touristische Kernkompetenz ist natürlich damit strategisch nochmal deutlich wichtiger geworden", so Bischof.

Vorsichtige Hoffnung

Diesen Sommer wird jeder Eurowings-Mitarbeiter wieder gebraucht. Und mitten in der Krise schreibt Bischof sogar neue Stellen aus: "Wir sind jetzt die ersten, die einstellen und die in den Wachstumsmodus umschalten können. Als größter deutscher Ferienflieger haben wir damit jetzt auch einen schönen Sog. Durch die zurückkommenden touristischen Buchungen und natürlich durch das wachsende Geschäft Richtung Sommer sind wir die einzigen momentan oder eine der wenigen, die tatsächlich jetzt schon einstellen und wieder in den Vorwärtsgang schalten", sagt Bischof.

"Vom Januar bis April hin waren es zwei, drei Flüge pro Monat, die wir durchgeführt haben, die ich selber persönlich durchgeführt habe", resümiert Eurowings-Flugkapitän Grünastel. "Jetzt ist der Dienstplan schon wieder mehr gefüllt mit zehn bis 15 Flügen im Monat - und die Passagierzahlen, wenn ich die mal nachschaue für die einzelnen Flüge, die gehen auch rapide nach oben", freut er sich. Also: Es fängt wieder an.

Früher gab es zweimal im Jahr einen neuen Flugplan. Inzwischen wird dieser wöchentlich nachjustiert. Jeder Tag zählt. Es ist ein entschlossener Neuanfang mit vorsichtiger Hoffnung. Aber allen ist auch bewusst: Diese Branche wird wohl als eine der letzten die Pandemie hinter sich lassen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-morgenmagazin am 05. Juli 2021 um 06:10 Uhr.