Ryanair-Maschine und Easyjet-Maschine | REUTERS
Hintergrund

Luftverkehr Haben Billigflüge noch eine Zukunft?

Stand: 18.05.2021 09:22 Uhr

Die grüne Kanzlerkandidatin Baerbock will Flüge zu Dumpingpreisen beenden und Kurzstreckenflüge mittelfristig abschaffen. Die Luftfahrt läuft Sturm gegen den Vorstoß. Beide Seiten führen wichtige Argumente an.

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Mit viel Getöse gleitet die Maschine in der warmen Abendsonne auf die Landebahn zu. Am Fenster ziehen alte Windmühlen vorbei, grüne Pinien mit Fincas und im Hintergrund die Ausläufer des Tramuntana-Gebirges. Nach der Landung in Mallorcas Hauptstadt Palma am Freitagabend geht es rein ins Vergnügen: mit dem Taxi zum Hotel, Abendessen auf der Terrasse und dann auf die Party-Meile von S'Arenal. Samstag und Sonntag tagsüber am Strand und abends Feiern. Montags früh mit der ersten Maschine wieder zurück nach Deutschland und direkt ins Büro.

Klaus-Rainer Jackisch

Vor Corona war dieses Balearen-Special für nicht wenige Party- und Sonnen-Hungrige ein typisches Sommer-Wochenende. Es war nicht nur hipp und chic, sondern vor allem erschwinglich. Wer früh buchte, konnte den Hin- und Rückflug für deutlich unter Hundert Euro ergattern. Vor allem Ryanair, Condor und TUIfly verkauften die Mallorca-Tickets ab Frankfurt schon mal für 39 Euro pro Strecke und auf kleinen oder eher abgelegenen Flughäfen auch darunter.

Baerbock für Ende von Flügen zu Dumpingpreisen

Damit könnte nach der Bundestagswahl Schluss sein. Geht es nach Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock von den Grünen wird es solche Flugpreise künftig nicht mehr geben. "Jeder kann Urlaub machen, wo er will. Aber eine klimagerechte Besteuerung von Flügen würde solche Dumpingpreise stoppen", sagte sie in einem Interview mit der "Bild am Sonntag". Dort forderte sie perspektivisch auch ein Ende der Kurzstreckenflüge. Zuvor hatte bereits SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz eine stärkere Preisregulierung solcher Verbindungen gefordert.

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock | EPA

Eine klimagerechte Besteuerung von Flügen ist Annalena Baerbock ein wichtiges Anliegen. Bild: EPA

Die Billigpreise der Billigflieger sorgen seit Jahren für Unmut. Denn, so die Kritik: Wenn der Flug weniger kostet als die Taxi-Fahrt zum Flughafen, stimmt etwas nicht im Preisgefüge - und in der Öko-Bilanz schon gar nicht.

Schnäppchenpreise gelten nur für wenige Sitze

Allerdings verzerren die viel beworbenen Schnäppchenpreise auch das Gesamtbild: Denn die Vorstellung, dass die Hälfte der Passagiere einer Maschine für jeweils 29 Euro nach Mallorca jettet, ist reine Illusion. Keine Fluggesellschaft könnte das wirtschaftlich langfristig verkraften. Häufig sind schon Start- und Landegebühren höher als dieser Preis - von den Kosten für Kerosin, Personal und Abfertigung ganz zu schweigen.

Tatsächlich gibt es in jedem Flieger nur wenige Sitzplätze mit dem günstigen Preis. Das sind Lockangebote. Die anderen Kunden zahlen deutlich mehr, mitunter bis zum Zehnfachen, vor allem wenn sie spät buchen - so ist das auch bei Ryanair, obwohl die irische Billigfluglinie das gerne verschweigt. Oder die Fluggäste zahlen durch Extra-Leistungen für das Gepäck, Einchecken oder sonstigen Service. Und das ist nicht selten mit deutlichen Aufschlägen verbunden.

Der Durchschnittspreis je Sitzplatz ist also deutlich höher, so dass die Gesamtkalkulation bei guter Auslastung der Maschine in der Gewinnzone liegt - alle ökonomischen Kosten werden bei dieser Mischkalkulation voll gedeckt.

Flugreisen besonders klimaschädlich

Dennoch bleibt für einen einzelnen Reisenden, der ein Billigticket ergattert, ein ökologisches Missverhältnis. Flugreisen gelten als die klimaschädlichste Art der Fortbewegung. Denn die Maschinen stoßen besonders viel des Treibhausgases CO2 aus.

Nach Berechnungen der gemeinnützigen Gesellschaft Klimaktiv ist ein Passagier auf einem Economy-Flug von Düsseldorf nach Mallorca und zurück für den Ausstoß von 0,75 Tonnen CO2 verantwortlich. Das ist rund ein Zwölftel des durchschnittlichen jährlichen CO2-Ausstoßes pro Kopf in Deutschland, den das Umweltbundesamt mit 9,2 Tonnen pro Kopf errechnet hat. Je günstiger der Ticket-Preis, umso stärker ist vor diesem Hintergrund das Missverhältnis mit Blick auf die Folgen fürs Klima, umso größer ist aber auch der Anreiz durch das Lockangebot.

Mehrere Wege zur Verteuerung der Flugpreise

Geht es nach Baerbock, werden Flüge künftig vor allem über das Kerosin verteuert. Denn das Flugbenzin ist in Deutschland - im Unterschied zum Auto-Kraftstoff und zum Strom für die Bahn - von der direkten Besteuerung befreit. Teures Kerosin erhöht den Flugpreis und verringert damit die Zahl der Flugbewegungen, so die Überlegung.

Aus Sicht des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) sind die Vergleiche mit Bahn und KFZ allerdings verzerrt. Dort verweist man darauf, dass Flugreisen hierzulande zwar nicht über den Treibstoff versteuert werden, dafür aber der Luftverkehrsteuer unterliegen. Sie sieht Pauschalbeträge je nach Länge der Strecke und damit gemäß der Höhe der Emissionen vor. Aus Sicht der Industrie ist das fairer und effektiver als die Kerosin-Besteuerung, weil alle in Deutschland startenden Fluggesellschaften diese Steuer entrichten müssen.

Erfolge die Besteuerung über das Kerosin, würden Airlines aus Drittstaaten verstärkt in ihren Heimatländern tanken, um der Besteuerung hierzulande zu umgehen, so die BDL-Argumentation: Eine zusätzliche Kerosinsteuer würde demnach keine Emissionen senken, "sondern lediglich den Luftverkehr zu Lasten deutscher Unternehmen und Arbeitsplätze zu Standorten am Bosporus und im Nahen Osten verlagern", so der Verband mit Blick auf Konkurrenten wie Turkish Airlines oder Emirates, deren Treibstoffkosten nicht selten wegen staatlicher Förderung ohnehin geringer sind.

Debatte über Inlandsflüge

Ähnlich auch die Argumentation gegen ein mögliches Verbot von Inlandsflügen. Die würden vor allem von Geschäftsreisen genutzt, um dann Richtung USA und Fernost zu jetten. Gäbe es keine Zubringerflüge im Inland mehr, würden die Kunden über London, Paris oder Amsterdam fliegen und dort umsteigen: "Geflogen würde also trotzdem, nur nicht mit deutschen Fluggesellschaften und in vielen Fällen stattdessen sogar mit Umwegen", so der BDL.

Ob das wirklich so ist, wird sich bald in Frankreich zeigen: Dort beschloss die Nationalversammlung, künftig alle Kurzstreckenflüge zu verbieten, sofern das Ziel innerhalb von zwei Stunden auch mit dem Zug erreichbar ist. Während die französische Umweltministerin Barbara Pompili von einer "wichtigen Etappe" im Kampf gegen die Erd-Erwärmung spricht, nennen Kritiker das Gesetzesvorhaben "Strafökologie" und verweisen auf die Einschränkung von Freiheiten unter dem Vorwand des Klimaschutzes.

Dabei hat Frankreich einen großen Vorteil: Hier ist das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn gut ausgebaut und funktioniert hervorragend. Wie auch in Spanien rasen die Schnellzüge mit mehr als 300 km/h durch die Lande - Geschwindigkeiten, die in Deutschland wegen der dichten Bebauung mit wenigen Ausnahmen undenkbar sind.

Schnelle Zugverbindungen senken Zahl der Flüge

Allerdings zeigt gerade ein deutsch-französisches Beispiel, dass effektiver Zugverkehr eine wirkliche Alternative zum Flugzeug ist: Seit der Inbetriebnahme der Bahn-Schnellstrecke zwischen Frankfurt und Paris, die beide Innenstädte in nur knapp vier Stunden verbindet, ist die Zahl der Flüge auf dieser Verbindung deutlich gesunken. Ähnliche Entwicklungen sieht man auch auf den Stecken London-Paris oder Brüssel-Paris, seit der Kanaltunnel schnelle Zugverbindungen möglich macht.

Bis ganz Europa so erschlossen ist, dürften aber noch Jahre ins Land ziehen: Für eine Zugreise von Frankfurt nach Barcelona braucht man im Durchschnitt immer noch 14 Stunden. Und auf der Strecke von Madrid nach Stockholm geht es zu wie im vorigen Jahrhundert: 36 Stunden dauert die schnellste Bahn-Verbindung.

In einem Punkt sind sich Baerbock, Scholz und Luftfahrt-Industrie aber einig: Dass ein Flugpreis unterhalb der staatlichen Gebühren liegt, ist inakzeptabel. Selbst der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft fordert ein Ende dieser Praxis - nicht für Deutschland, sondern europaweit. So könnte also auch Brüssel ein Wörtchen in der Debatte mitzureden haben. Sollte die EU dem Ansinnen zustimmen, dürften Schnäppchenpreise für Mallorca-Flüge aus dem Angebot verschwinden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Mai 2021 um 04:10 Uhr.