Menschen stehen am Check-In auf dem Kölner Flughafen in einer langen Warteschlange. | dpa

Personalengpässe auf Flughäfen Warum das Chaos noch kein Ende nimmt

Stand: 29.06.2022 17:46 Uhr

Beschäftigte aus dem Ausland sollen die personellen Lücken auf deutschen Flughäfen füllen. Doch auch, wenn es mit dieser Unterstützung laut Bundesregierung schnell gehen soll - für die Ferienzeit kommt die Hilfe wohl doch zu spät.

Lange Warteschlangen an den Check-Ins, Engpässe an der Gepäckabfertigung - für viele Reisende bedeutet der Start in den Urlaub an deutschen Flughäfen Chaos und viel Geduld. Aushilfskräfte aus dem Ausland sollen nach den Plänen der Bundesregierung helfen, die Personallücken auf den Airports zu füllen - doch für die bevorstehende Reisewelle in den Sommerferien droht diese Hilfe zu spät zu kommen.

Allein der Frankfurter Flughafen hat bereits angekündigt, "mehrere hundert" Aushilfskräfte aus dem Ausland einstellen zu wollen. Gleichzeitig rechnet Fraport jedoch damit, dass die ersten ausländischen Beschäftigten in acht Wochen die Arbeit aufnehmen könnten.

Wochenlange Sicherheitsüberprüfung

Ein Grund: Die Verfahren, um für die zusätzlichen Mitarbeiter die nötigen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse auszustellen, sollen zwar beschleunigt werden. Doch bei den Zuverlässigkeitsprüfungen sollen keine Abstriche gemacht werden, betonte Bundesinnenministerin Nancy Faeser bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesverkehrsminister Volker Wissing und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Und in Hessen dauere eine solche Sicherheitsüberprüfung den Angaben von Fraport zufolge schon allein sechs Wochen.

Damit dürften die personellen Entlastungen auf den Flughäfen wohl erst im August spürbar werden - zu einem Zeitpunkt, an dem die Sommerferien in allen Bundesländern bereits begonnen haben. In dieser Woche ist bereits Nordrhein-Westfalen als erstes in die lange Ferienzeit gestartet, am Montag beginnen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein offiziell die Sommerferien. Als letztes Bundesland geht in diesem Jahr Bayern in die Ferienzeit - dort starten die schulfreien Wochen ab dem 1. August.

Auch Thomas Richter, der Chef des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL), ging im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters davon aus, dass die personelle Unterstützung aus dem Ausland frühestens im August auf deutschen Flughäfen eingesetzt werden könne. "Es löst nicht das Problem, aber es hilft mit Sicherheit", sagte Richter. Der Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV), Ralph Beisel, äußerte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa hingegen die Hoffnung, die Hilfskräfte könnten bereits in vier Wochen einsatzbereit sein.

Massiver Stellenabbau in Corona-Krise

Um die beschleunigten Verfahren umzusetzen, durch die die ausländischen Hilfskräfte schneller in Deutschland eingesetzt werden können, wurde von der Bundesregierung eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe eingesetzt. Doch Bundesinnenministerin Faeser betonte auch, dass von der Seite der deutschen Arbeitgeber gewissen Voraussetzungen erfüllt werden müssten: Die Beschäftigten müssten direkt zu Tariflohn angestellt werden, Sozialdumping und Leiharbeit dürfe es nicht geben. Zudem sei eine "menschenwürdige Unterbringung" der Hilfskräfte Voraussetzung.

Die Verantwortung für die derzeitigen chaotischen Zustände auf den Flughäfen sieht die Bundesregierung bei dessen Betreibern. Bundesarbeitsminister Heil kritisierte, die Branche habe es trotz massiven Wirtschaftshilfen durch den Bund während der Corona-Pandemie verpasst, "in ausreichendem Maße Vorsorge zu treffen". Infolge der Reisebeschränkungen in der Pandemie musste die Luftfahrtbranche zahlreiche Stellen streichen, viele Mitarbeiter suchten sich andere Jobs. Allein Fraport baute in der Corona-Krise eigenen Angaben zufolge rund 4000 Stellen ab.

Die Folgen sind nun europaweit zu spüren: Airlines streichen Tausende Flüge, um das überforderte System zu entlasten. Allein die Lufthansa nimmt für den Sommer rund 3000 Verbindungen an ihren Drehkreuzen Frankfurt und München aus dem Flugplan. Airline-Chef Carsten Spohr entschuldigte sich bei den Passagieren und räumte ein, dass man nach der Pandemie-Krise beim Sparen "an der ein oder anderen Stelle übertrieben" habe.

Verbraucherzentralen fordern Stärkung der Fluggastrechte

Der Chef der Linkspartei, Dietmar Bartsch, warf der Ampel-Koalition vor, zu spät auf die Engpässe an den Flughäfen reagiert zu haben: "Urlauber werden in diesem Sommer das Reisechaos an den Flughäfen ausbaden müssen."

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen drängte angesichts der massiven Probleme auf die Stärkung der Fluggastrechte. Marion Jungbluth kritisierte, dass für Reisende der Weg zu einer Entschädigungen oft lang sei. Dafür sollten aber wenige Klicks genügen und Überweisungen dann automatisiert kommen. Zudem gehöre die Vorkasse-Praxis abgeschafft. Dass Flüge in der Regel vorab bezahlt werden müssen, könne für Kunden ein erhebliches finanzielles Risiko bedeuten.

Technische Störung bei Software-Update

Doch nicht nur das fehlende Personal sorgt für Probleme bei den Arbeitsabläufen auf den Flughäfen. Am Morgen war der Flugverkehr über weiten Teilen Deutschlands vorübergehend eingeschränkt. Der Grund war eine Störung beim Aufspielen eines Software-Updates bei der Deutschen Flugsicherung. In deren Zentrum in Langen bei Frankfurt kontrollieren Lotsen den unteren Luftraum in der Mitte Deutschlands mit wichtigen Flughäfen wie Düsseldorf, Köln und Frankfurt. Einer Sprecherin der Flugsicherung zufolge, musste "die mögliche Verkehrsmenge" in den Morgenstunden um die Hälfte reduziert werden, bis sich der Betrieb ab 9 Uhr wieder normalisierte.

Am Freitag drohen in Hamburg zusätzliche Verzögerungen. Die Gewerkschaft Ver.di hat die Beschäftigten der Real Estate Maintenance GmbH zu einem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen. Die Mitarbeiter sind für die Instandhaltung der Technik in der Gepäckbeförderung, der Startbahnen und anderer Infrastruktur zuständig. Mit Beginn ihrer Frühschicht sollen die Angestellten ihre Arbeit niederlegen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Juni 2022 um 10:05 Uhr.