Festivalbesucher feiern auf dem Hurricane Festival  | dpa

Großveranstaltungen und Corona Haben Festivals noch eine Zukunft?

Stand: 07.08.2021 07:05 Uhr

Wegen Corona fallen Festival-Klassiker wie "Rock am Ring" oder Wacken auch in diesem Sommer wieder aus. Manche Veranstalter versuchen es mit Hygienekonzept und wenig Publikum. Wird der Ausnahmezustand zum Normalfall?

Von Paul Materne, WDR

Picknickdecke, Essen und Getränke einpacken, und ab geht es zum Konzert: Hannah, Bianca, Isabelle und Miriam sind extra von Kleve nach Köln gereist, um ihre Lieblingsband "Von wegen Lisbeth" zu sehen. Mit zugewiesenen Sitzplätzen, Maskenpflicht, AHA-Regeln. Trotzdem tut es gut, mal wieder unter Leute zu kommen. "Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl. Ich freue mich mega, ich habe richtig Bock", sagt die 21-jährige Miriam vor dem Konzert. Für die jungen Frauen gilt: Aus der Not eine Tugend machen.

So lässt sich auch der aktuelle Zustand der Konzertbranche zusammenfassen. Sei es auf Picknickdecken oder in Strandkörben - momentan finden Konzerte nur in abgespeckter Variante statt. Doch wie lange lässt sich dieser Zustand für die Veranstaltungsbranche aushalten?

Umsatz praktisch komplett weggebrochen

Jan Kalbfleisch ist Geschäftsführer des Bundesvereinigung für Veranstaltungswirtschaft. Er sieht gerade "höchstens einen kleinen Hoffnungsschimmer, bis Ende des Jahres größere Umsätze generieren zu können". Aufgrund steigender Inzidenzen durch die Delta-Variante des Coronavirus und die damit beginnende vierte Infektionswelle bleibt die Lage unsicher. Vor allem für den Herbst und Winter sind die meisten Veranstaltungen schließlich wieder in geschlossenen Räumen geplant.

Sehr verärgert ist Kalbfleisch darüber, dass es bei Open-Air-Veranstaltungen "einen Unterschied zu machen scheint, ob in einem Stadion ein Fußballspiel stattfindet oder ein Konzert". Denn während bei Konzerten in manchen Bundesländern bis zu 5000 Menschen erlaubt sind, dürfen in Fußballstadien unter bestimmten Voraussetzungen sogar bis zu 25.000 Menschen zusammenkommen. Erklärbar ist für ihn diese Entscheidung der Politik nicht.

Auf Dauer ist so geringe Auslastung für die Veranstaltungsbranche wirtschaftlich nicht auszuhalten, meint Kalbfleisch. Er wünscht sich noch mehr staatliche Hilfen - denn auch 2021 wird für die Branche ein Horrorjahr. Der Umsatz der Branche werde um 98 Prozent einbrechen, vermutet der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. Bereits im vergangenen Jahr betrug das Minus etwa 80 Prozent.  

Modellprojekte mit wissenschaftlicher Begleitung

Schwierig ist die Lage auch bei den Festivals: Die meisten großen Veranstaltungen wurden dieses Jahr einfach zum zweiten Mal verschoben - etwa "Rock am Ring", das Hurricane- oder Parookaville-Festival.

Kleinere Festivals versuchen sich diesen Sommer in Modellprojekten, teils wissenschaftlich begleitet, wie zum Beispiel das "Nation Of Gondwana" in Brandenburg. Voraussetzung war ein striktes Hygienekonzept mit PCR-Tests: 5000 Menschen durften so im Juli an zwei Wochenenden ohne Abstand und Maske feiern und campen. Könnte das ein Zukunftsmodell sein? Das Festival wartet noch auf die Ergebnisse der Wissenschaftler.

Dass das Ganze aber auch schiefgehen kann, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden: In Utrecht wurde ein Festival zu einem Superspreader-Event. Rund 1000 Menschen infizierten sich mit dem Coronavirus - und das trotz den 3G-Auflagen, Hygiene- und Abstandsregeln. Der Vorfall hat viele Veranstalter verunsichert.

Digitale Events als Notlösung

Deswegen setzen viele Anbieter weiter auf Modelle mit intimerer Atmosphäre oder eben auf digitale Events. Aber sind Streamingkonzerte und -festivals auf Dauer wirklich die Lösung? 

"Bisher war Präsenz immer die körperliche Präsenz in einem Raum, so dass man auch andere Personen wahrnehmen und spüren konnte. Wenn wir jetzt anschauen, was möglich geworden ist in den letzten Jahren, sind wir wahrscheinlich eher am Anfang", sagt der Publikumsforscher Martin Tröndle.

Doch das Digitale bleibt für viele Konzertfans eben doch nur eine Notlösung. Auch Axel Ballreich hofft, dass sich Abstand und Maske irgendwann wieder erledigen werden. Ballreich ist Vorsitzender der Livekomm, dem Bundesverband der Musikspielstätten in Deutschland. Er glaubt, dass sich die Branche auf ein, zwei weitere sehr harte Jahre einstellen muss. Aber er macht auch leise Hoffnung: "Live-Musik ist unzerstörbar. Es wird jetzt vielleicht noch ein paar Jahre eine Delle geben. Aber insgesamt ist Live-Musik etwas, was nicht zu ersetzen ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2021 um 18:40 Uhr.

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Moderation 07.08.2021 • 11:44 Uhr

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