Schriftzug auf einem Auto mt Suchanzeige für eine Stelle als Monteur oder Servictechniker | picture alliance / Wolfram Stein

Befragung von Unternehmen Größtes Risiko: Fachkräftemangel

Stand: 14.10.2021 10:35 Uhr

Die Suche nach Personal wird für deutsche Firmen immer schwieriger. Laut einer Studie ist der Fachkräftemangel mittlerweile das größte Risiko - noch vor steigenden Rohstoff- und Energiekosten.

Der Versuch, qualifiziertes Personal zu finden, wird für deutsche Unternehmen einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte zufolge zum größten Problem. "Der Fachkräftemangel ist inzwischen das wichtigste Risiko für die Unternehmen, gefolgt von steigenden Rohstoffkosten, zunehmender Regulierung sowie Energiekosten", schrieb Chefökonom Alexander Börsch in der heute veröffentlichten Untersuchung.

Die Berater hatten im September 158 Finanzvorstände deutscher Unternehmen befragt. Zwei Drittel nannten den Fachkräftemangel als hohes Risiko. "Das bedeutet, dass die engen Arbeitsmärkte die Unternehmen deutlich zurückhalten", erklärte Börsch. "Der Fachkräftemangel zieht sich durch alle Industrien."

Versorgungskollaps bald auch in Deutschland?

Am meisten leidet die Baubranche, wo die erschwerte Suche nach Angaben von Deloitte fast drei Viertel der Unternehmen betreffe. "Neben Materialengpässen wird auch der Fachkräftemangel immer mehr zum Problem für die Bauwirtschaft", bestätigte das ifo-Institut jüngst. Nach einer Umfrage der Münchener Forscher hatte im September jeder dritte Hochbau-Betrieb Probleme, Fachkräfte zu finden. Im Tiefbau klagten sogar 38 Prozent über einen Mangel an geeigneten Bewerbern.

Auch die Logistikbranche klagt über einen Engpass an Lastwagenfahrern. 35.000 Fahrerinnen und Fahrer scheiden jedes Jahr aus dem Beruf aus, nur 15.000 werden in Deutschland neu ausgebildet. Nun warnen erste Stimmen, dass in den kommenden Jahren ähnliche Szenarien wie in Großbritannien drohen könnten. Dort hatten strikte Visabestimmungen zu einem eklatanten Mangel geführt. Nach Schätzungen des Branchenverbands Road Haulage Association fehlen etwa 100.000 Lastwagenfahrer. Die Folge: massive Lieferprobleme bei Benzin und Lebensmitteln.

"Wir laufen auch in Deutschland in einen schleichenden Versorgungskollaps", sagte Dirk Engelhardt, Vorstand des Bundesverbands Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Unter anderem die Gewerkschaft ver.di widerspricht diesen Warnungen.

Strukturierte Zuwanderung gefordert

"Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus", sagte zuletzt der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, der "Süddeutschen Zeitung". Aufgrund der demografischen Entwicklung sinke die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte im typischen Berufsalter schon 2021 um knapp 150.000. In den kommenden Jahren werde es noch "viel dramatischer". Im Juli klagte mit insgesamt 34,6 Prozent über ein Drittel der deutschen Unternehmen über Fachkräftemangel, wie aus einer Befragung des ifo-Instituts hervorgeht. Das war der zweithöchste Wert, der jemals gemessen wurde.

Deutschland könne die Situation nur mit einer deutlich höheren Zuwanderung in den Griff bekommen, so Scheele. Das Arbeitskräftepotenzial hierzulande reicht nach Ansicht der BA nicht aus, um den Bedarf zu decken. "Wir brauchen 400.000 Zuwanderer pro Jahr. Also deutlich mehr als in den vergangenen Jahren", prognostizierte der Agenturchef. Zudem sei die Qualifizierung Ungelernter und längere Arbeitszeiten für unfreiwillig in Teilzeit Beschäftigte nötig.

Auch Rohstoff- und Energiekosten großes Problem

Wachsende Risikofaktoren sähen die deutschen Firmen Deloitte zufolge ebenfalls bei den Rohstoffen sowie bei den Energiekosten, "die für 42 Prozent der Unternehmen bedrohliche Ausmaße erreicht haben". In der Automobil- und der Chemieindustrie seien es sogar rund 70 Prozent.

Grundsätzlich beurteilen die befragten Finanzvorstände die Konjunkturaussichten aber weiterhin positiv, wenn auch nicht mehr so optimistisch wie im Frühjahr oder im vergangenen Herbst. Bei den Geschäftsaussichten für das eigene Unternehmen zeigten sich Handel und Konsumgüterindustrie am zuversichtlichsten. "Ein wichtiger Ausreißer ist die Autoindustrie, die sehr viel pessimistischer als die anderen Branchen auf die nächsten zwölf Monate blickt."

Die Investitionsabsichten der Unternehmen und ihre Einstellungsbereitschaft seien sehr hoch. "Hier deuten sich zwei langfristige, sehr folgenreiche Entwicklungen an", erklärte Börsch: "Zum einen weiter zunehmende Knappheit auf den Arbeitsmärkten, die sich im laufenden Jahrzehnt durch die demografische Entwicklung noch weiter verschärfen dürfte. Zum anderen könnten höhere Investitionen in digitale Technologie die seit langem schwächelnde gesamtwirtschaftliche Produktivität und somit das Wachstum erhöhen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2021 um 17:14 Uhr.