Ein Mann hält eine Lupe vor das Facebook-Logo. | REUTERS

Geld für journalistische Inhalte Facebook will auch in Deutschland zahlen

Stand: 01.03.2021 13:07 Uhr

Nach der Übereinkunft im Streit mit der australischen Regierung will Facebook künftig auch in Deutschland für journalistische Inhalte bezahlen. Viele Verlage machen mit, doch die Skepsis bleibt.

Von Daniel Bouhs, NDR

Nach der Einigung von Facebook über den Umgang mit journalistischen Inhalten in Australien ist der Konzern auch in Deutschland auf größere Kooperationen mit Verlagen aus. Nach den USA und Großbritannien will das Unternehmen im Mai auch hierzulande sein Angebot "Facebook News" starten.

Daniel Bouhs

Regionale und überregionale Medien sind dabei

In einem eigenen Bereich seines Portals will Facebook dann unter anderem Inhalte von überregionalen Medien wie "Spiegel", "Zeit" oder "FAZ", aber auch von Regionalzeitungen wie der "Rheinischen Post", der "Märkischen Oderzeitung" oder den Titeln der Essener Funke-Mediengruppe präsentieren - und dafür auch bezahlen. Eine erste Liste an Kooperationspartnern führt auch Fachportale wie "Heise" und "Sport1" auf. Außerdem will Facebook Medien dabei helfen, digitale Abonnements zu generieren.

"Uns ist wichtig, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen wie der 'Spiegel' mit dabei sind", sagte Jesper Doub, der sich bei Facebook um die Partnerschaften zu Nachrichtenmedien kümmert, am Montag in einer Videokonferenz mit Journalistinnen und Journalisten. Doub war zuvor Geschäftsführer von "Spiegel Online".

Komplette Texte sollen aber nicht auf Facebook landen. Von "Facebook News" werde auf die Angebote der Verlage verlinkt. "Wir möchten, dass die Verlage die komplette Kontrolle haben", sagte Doub. Auf die Frage, wie groß der Geldtopf von "Facebook News" hierzulande sei, erklärte er vage: Facebook schließe "individuelle Vereinbarungen" ab. Bislang habe Facebook Medien in unterschiedlichen Modellen mit weltweit 600 Millionen US-Dollar unterstützt. In den kommenden drei Jahren investiere der Konzern "mindestens eine weitere Milliarde Dollar".

Etwa 188 Milliarden Abrufe an Nachrichtenverlage

In Australien hatte die Regierung Plattformbetreiber zwingen wollen, für Inhalte professioneller Medien zu bezahlen, die etwa Nutzerinnen und Nutzer mit ihren Freunden teilen. Während Google begann, mit australischen Medien Verträge zu schließen, sperrte Facebook in Australien grundsätzlich Beiträge von Medien und entsprechende Links. Beiträge australischer Medien konnten auch über die Grenzen des Kontinents hinaus nicht mehr geteilt werden, darunter in Deutschland. Wenige Tage später kündigte die australische Regierung an, das Gesetz zu ändern. Der Konzern erklärte wiederum, großzügiger in den Journalismus zu investieren.

Diese Erfahrungen haben Politik und Medien gezeigt, dass Facebook im Zweifel bereit ist, auf Medieninhalte zu verzichten - trotz seiner Marktmacht. Facebook erklärte selbst: Allein über den sogenannten Newsfeed, also den personalisierten Nachrichtenstrom für die Nutzerinnen und Nutzer, gingen 2020 weltweit etwa 188 Milliarden Abrufe an Nachrichtenverlage.

Facebook künftig als Medium behandeln?

"In Australien wurde modellhaft vorgeführt, welche Macht so ein Supermonopolist mittlerweile besitzt", sagte eine Sprecherin des deutschen Verlegerverbandes BDZV gegenüber der ARD. Nun müsse geklärt werden, ob Facebook künftig womöglich als Medium behandelt werden sollte - "mit allen Rechten und Pflichten". Die Debatte mache zudem nicht in Australien halt: In Kanada sei ein ähnliches Mediengesetz in Vorbereitung. Folgen könnten auch andere Länder wie Neuseeland.

In Europa forderten Verlage die Politik nach dem Streit in Australien auf, bei der Umsetzung des neuen europäischen Urheberrechts Ähnliches zu verhindern. Mit Microsoft präsentierte die Verlagslobby einen Partner aus der Tech-Szene, der seit Jahren in der Medienszene verwurzelt ist. In den USA betrieb Microsoft mit dem Sender NBC einen TV-Nachrichtenkanal. In Deutschland hatte Microsoft in den 1990er-Jahren mit dem ZDF ein Angebot gestartet. Verlage und Microsoft wünschen sich, dass die Politik eine Art Schiedsgericht für aufkommende Konflikten zwischen Medienhäusern und Plattformen vorsieht.

Deutsche Verlagsszene bleibt skeptisch

Die Sprecherin des Verlegerverbandes begrüßte einerseits "ganz grundsätzlich die Tatsache, dass Facebook offensichtlich erkannt hat, dass Reichweitenzuwächse keine angemessene Währung für die Verwendung von Inhalten Dritter sind". Sie warnte allerdings auch vor einer möglichen Abhängigkeit der Medienhäuser: "Das darf keine einsame und jederzeit rückholbare Entscheidung nach Gutsherrenart sein, sondern muss auf wirksamen und effektiv durchsetzbaren Rechten beruhen."

Zunächst nicht mit dabei sind Medien von Axel Springer wie "Bild" oder "Welt". Konzernchef Mathias Döpfner hatte zwar 2019 öffentlichkeitswirksam mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über den Wert des Journalismus diskutiert, die Politik des Digitalkonzerns aber weiter scharf kritisiert. Allerdings ist der Springer-Ableger Upday in Großbritannien ein Dienstleister von "Facebook News". Wer das Angebot in Deutschland im Hintergrund unterstützt, ist laut Facebook noch offen.

Google hat unter anderem in Deutschland ein ähnliches Modell etabliert. Weltweit will dieser Tech-Konzern in drei Jahren etwa eine Milliarde Euro ausgeben. Hierzulande sind bei dem Programm "Showcase" unter den ersten Profiteuren die "Zeit", "T-Online" und der "Spiegel", aber ebenfalls auch erste Regionalzeitungen. Sie bekommen ein eigenes Schaufenster auf "Google News" und können selbstständig entscheiden, welche Artikel sie dort bewerben. Google bezahlt sogar für Inhalte, für die Leserinnen und Leser auf den Seiten der Verlage eigentlich zahlen müssten.

Abgeordnete liebäugeln mit Schiedsgericht-Mechanismus

Auch wenn sich Facebook in Deutschland nun in die Offensive begibt und dafür mit ungewohnt großen Schritten auf die Medienszene zugeht: So einfach dürfte der Konzern diese Diskussion nicht loswerden. Ende März will sich der Digital-Ausschuss des Bundestags mit Facebooks Markmacht in der Medienszene beschäftigen.

Und auch im Kulturausschuss des EU-Parlaments ist das Thema angekommen. Das Modell eines Schiedsgerichts zwischen Verlagen und Plattformen stößt bei ersten Abgeordneten beider Häuser auf Interesse - damit die Lage nicht auch hierzulande doch noch eskaliert wie in Australien.