Ein Mann hält eine Lupe vor das Facebook-Logo. | REUTERS

US-Internetkonzern Die dunklen Seiten von Facebook

Stand: 21.09.2021 14:07 Uhr

Das dürfte Mark Zuckerberg gar nicht passen: In den "Facebook Files" enthüllt das "Wall Street Journal" brisante Dokumente aus dem Konzern. Wie sozial ist das Netzwerk wirklich?

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles, z. Zt. in San Francisco

Sechs Journalistinnen und Journalisten haben in den vergangenen Wochen die zugespielten Dokumente ausgewertet: darunter interne Memos, Powerpoint-Präsentationen und Diskussionen aus dem firmeninternen Chat-Kanal von Facebook. "Wir zeigen, dass es sich nicht um einzelne Fälle von Versagen handelt, von denen das Unternehmen überrascht wurde. Vielmehr liegt hier eine breite Akzeptanz vor", sagt Jeff Horwitz. Er ist der Chefautor der Artikelserie "Facebook Files" im "Wall Street Journal" und Silicon-Valley-Reporter der Wirtschaftszeitung. "Facebook kümmert das wenig. Es wird erst aktiv, wenn ein Fall für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt."

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Ausnahmeregeln für Millionen Promis

Im jüngsten Artikel zitiert das "Wall Street Journal" aus einem internen Protokoll. Danach soll ein Facebook-Manager gesagt haben, man habe eine Maschine geschaffen, die man nicht mehr kontrollieren könne. Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die Artikelserie. Ein Beispiel: der brasilianische Fußballstar Neymar. Der postete 2019 nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn auf Instagram ein Video, in dem Name und Nacktfotos der Frau zu sehen waren, die ihn beschuldigt hatte. Nach den Facebook-Regularien ein klarer Fall von Rache-Pornografie, der mit der Löschung des Kontos geahndet wird.

Nicht jedoch im Falle Neymars. "Neymar war auf Instagram sehr geschützt", sagt Journalist Horwitz. "Er ist einer der Top-20-Influencer des Dienstes. Den Mitarbeitenden, die seinen Eintrag löschen wollten, fehlten dazu die Befugnisse." Das Ganze sei an einem Wochenende passiert. Es habe mehr als 24 Stunden gedauert, bis das Posting schließlich gelöscht war. "Mehr als 56 Millionen Menschen haben die Nacktfotos der Frau gesehen."

Insgesamt 5,8 Millionen Prominente weltweit, so das "Journal", befinden sich auf der Ausnahmeliste, "Cross Check" genannt: Diktatoren, Schauspieler, Politiker. "Verschiedenste Bereiche aus dem Unternehmen haben Promis dieser Liste hinzugefügt", berichtet Horwitz. "Dutzende Teams, mindestens 40, hatten dazu die Möglichkeit. Jeder machte das auf seine Art. Das Ganze wurde von niemanden innerhalb Facebooks kontrolliert."

Profikiller-Suche und Sklavenhandel?

In einem anderen Artikel schildert die Zeitung, dass das soziale Netzwerk angeblich tatenlos zugesehen habe, wie ein mexikanisches Drogenkartell Facebook nutzte, um Auftragsmörder zu rekrutieren. Im selben Artikel geht es um einen Bericht der BBC aus dem Jahr 2019. Dieser kam zu dem Schluss, dass als Jobvermittlungsagenturen getarnte Menschenhändler im Nahen Osten via Facebook Anzeigen schalteten, um Menschen zu versklaven. Auf den BBC-Bericht hin habe der Apple-Konzern seinerseits Facebook gedroht, die Instagram- und Facebook-App aus dem App-Store zu löschen.

"Das hätte dazu geführt, dass iPhone-Besitzer weder Instagram noch Facebook auf ihren Telefonen installieren können", so Horwitz. Diese Drohung habe schließlich funktioniert: "Facebook hat mehr als 100.000 Inhalte innerhalb weniger Tage gelöscht. Ich halte das für bemerkenswert, dass das Unternehmen erst aktiv wird, wenn sein Geschäftsmodell bedroht wird."

Schaden durch den Körper-Kult

Obwohl Facebook und sein Chef Mark Zuckerberg immer wieder betont haben, Dienste wie Instagram hätten keine negativen Folgen für Teenager, kommt das "Wall Street Journal" zu einem anderen Ergebnis - und zwar auf Basis von wissenschaftlichen Untersuchungen, die Facebook selbst in Auftrag gegeben hat. Vor allem jungen Mädchen, die mit ihrem Körper unzufrieden seien, gehe es noch schlechter, nachdem sie einige Zeit auf Instagram verbracht hätten.

Konzern spricht von "absichtlichen Fehlbeschreibungen"

Facebook versuche, Fakenews und Hassbotschaften vor allem in seinem englischsprachigen Angebot in den USA zu bekämpfen, sagt Horwitz. "Deutschland und Europa stehen vermutlich weit oben auf dieser Liste. Aber wenn es dann weiter runter geht - Länder, die schwächere Regierungen, Gesetze oder Medien haben -, dann gibt Facebook einfach kein Geld dafür aus."

Die Dokumente, aus denen das "Wall Street Journal" seit Tagen zitiert, sollen auch dem US-Kongress vorliegen. Facebook hat erst am Wochenende auf die Artikel-Serie reagiert. Nick Clegg, früherer britischer Vizepremier und heute Kommunikationschef von Facebook, erklärte: Die Berichte enthielten "absichtliche Fehlbeschreibungen" und zeigten nicht das ganze Bild.