Auf dem Bildschirm eines Smartphones ist die Facebook-App zu sehen. | dpa

Programmierer gesperrt Wie Facebook gegen Kritiker vorgeht

Stand: 15.10.2021 17:20 Uhr

Facebook präsentiert sich als freundliches Netzwerk, als Verfechter freier Meinungsäußerung - doch Kritikern wird manchmal schnell das Konto gesperrt. So erging es einem britischen Entwickler.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Louis Barclay war ein Facebook-Fan. Die Betonung liegt auf "war". Der Programmierer aus Großbritannien mochte das Soziale Netzwerk, verbrachte viel Zeit darin. Zu viel, wie er selbst irgendwann feststellte - vor allem, indem er sich immer wieder durch den sogenannten Newsfeed scrollte. Das ist der Bereich bei Facebook, in dem man alle neu geposteten Einträge seiner Freunde lesen kann. In einem Artikel für das Online-Magazin "Slate" schreibt Barclay:

Vor ein paar Jahren wurde mir klar, dass man eigentlich keinen Newsfeed braucht. Wenn Sie niemandem folgen, keinen Freunden, Gruppen und Seiten - ist Ihr Newsfeed leer. Das ist nicht gleichbedeutend mit Entfreunden. Wenn Sie Ihren Freunden und Gruppen nicht mehr folgen, sind Sie immer noch mit ihnen verbunden und können deren Profile nachschlagen, wenn Sie möchten. Dadurch können Sie aber den Facebook-Feed selbst neu gestalten, indem Sie nur den Freunden und Gruppen erneut folgen, deren Beiträge Sie wirklich sehen möchten.
Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

Dies soll dem User ermöglichen, Facebook bewusster zu nutzen und sich nicht endlos stundenlang durch Updates zu lesen, was bei einigen Nutzern eine regelrechte Sucht hervorgerufen hat.

Die Idee des "Entfolgens" entstand

Barclay merkte aber, dass dieses "Entfolgen" mühsam und zeitaufwändig war. Er wollte den Prozess automatisieren, und als Programmierer kam er auf die Idee, eine Erweiterung für den Chrome-Browser zu schreiben namens "Unfollow Everything". Diese Erweiterung ist kostenlos, Barclay verdiente daran keinen Cent.

Doch es blieb nicht allein bei diesem Programm - Barclay startete eine Kooperation mit der Universität Neuchâtel in der Schweiz. Die Forscherinnen und Forscher wollten herausfinden, ob Nutzerinnen und Nutzer weniger Zeit auf Facebook verbringen, wenn der Newsfeed fehlt, und wie sich das auf die Psyche auswirkt.

Markenrechte und Nutzungsbedingungen verletzt?

Facebook dürfte das nicht gerade gefreut haben. Für das Unternehmen ist es enorm wichtig, dass die Kunden möglichst lange auf der Plattform verweilen, um so mehr Werbung angezeigt zu bekommen. Damit verdient Facebook Geld. Barclay schreibt in dem Artikel, dass er nach wenigen Monaten Unterlassungserklärungen zugeschickt bekam:

Facebook verlangte, dass ich mein Programm lösche und dass mein Facebook-Konto dauerhaft deaktiviert wurde - ein Konto, das ich seit mehr als 15 Jahren hatte und das meine wichtigste Möglichkeit war, mit Familie und Freunden auf der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben. Diese Forderungen erschienen mir unverschämt. Aber meine Möglichkeiten waren begrenzt. Ich wohne in Großbritannien, daher wäre eine Klage gegen Facebook wahrscheinlich vor ein britisches Gericht gegangen, wo ich persönlich für die Prozesskosten von Facebook verantwortlich gewesen wäre, wenn ich verloren hätte. Facebook ist ein Billionen-Dollar-Unternehmen. Ich konnte mir dieses Risiko nicht leisten.

Facebooks Begründung: Die Browser-Erweiterung verletze Facebooks Markenrechte und Nutzungsbedingungen.

US-Konzern macht Druck auf die Forschung

Barclay und die Schweizer Universität sind aber nicht die einzigen, die auf Druck von Facebook ihre Forschungsarbeiten einstellen mussten. Auch ein Projekt einer New Yorker Universität, das die Ausbreitung von Desinformationen auf der Plattform untersucht hatte, und die deutsche Nichtregierungsorganisation "AlgorithmWatch" mussten ihre Forschungen beenden.

Programmierer Louis Barclay entwickelt weiterhin Software gegen die digitale Sucht. Seine eigene Facebook-Abhängigkeit hat er wohl unfreiwillig auf radikalste Weise geheilt, weil er dort kein Konto mehr eröffnen darf.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Oktober 2021 um 17:48 Uhr.