Konstantin Sixt und Alexander Sixt stehen neben dem Firmenlogo. | dpa

Erich Sixt übergibt an Söhne Halbherziger Machtwechsel

Stand: 16.06.2021 14:26 Uhr

Erich Sixt ist eine Legende. Er hat aus einer Mini-Firma einen weltweit tätigen Konzern geschaffen. Jetzt übergibt er den Konzern an seine Söhne - aber nicht so ganz.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Vor 20 Jahren machte Sixt erstmals Angela Merkel zum unfreiwilligen Werbestar. 2001 veröffentlichte der Autovermieter zwei Bilder der CDU-Politikerin: eines mit ihrer üblichen Frisur und eines, auf der Merkel die Haare wortwörtlich zu Berge stehen. Darunter stand: "Lust auf eine neue Frisur? Mieten Sie sich ein Cabrio."

Die provokante Werbung ist ein Markenzeichen von Sixt. Und nicht zuletzt auch Verdienst von Erich Sixt, der sich als Unternehmenschef immer auch um die Werbung gekümmert hat, um den Autovermieter ins rechte Licht zu rücken. Rund fünf Prozent des Umsatzes machte Sixt dafür regelmäßig locker.

Sixt-Werbung für Miet-Cabrios mit einer Bildmontage die Angela Merkel zeigt | picture-alliance / dpa

Die Werbung des Autovermieters Sixt setzt nicht selten auf Provokation. Bild: picture-alliance / dpa

Zwei Brüder für die Konzernspitze

Mit Werbung und anderen operativen Aufgaben eines Unternehmenschefs hat Sixt künftig - zumindest auf dem Papier - nichts mehr zu tun: Auf der heutigen Hauptversammlung des Autovermieters übergibt der 76-Jährige die Unternehmensführung an seine Söhne Alexander (42) und Konstantin Sixt (38).

Die beiden Brüder treten eine schwierige Aufgabe an, hängt die familieninterne Latte doch ziemlich hoch: Erich Sixt hatte mit gerade einmal 25 Jahren die Firma seines Vaters übernommen und aus einem lokalen Autovermieter in Pullach bei München einen global tätigen Konzern mit Milliardenumsätzen und mehr als 7000 Mitarbeitern geschaffen.

Alexander Sixt (l-r), Erich Sixt und Konstantin Sixt | picture alliance/dpa

Lässt Erich Sixt (Mitte) künftig wirklich seine Söhne Alexander (links) und Konstantin (rechts) machen? Bild: picture alliance/dpa

Die SAP-Doppelspitze scheiterte

Das Modell Doppelspitze scheint bei zwei Söhnen, die beide bereits seit 2015 im Vorstand aktiv sind - Alexander als Verantwortlicher für Strategie, Einkauf und Personal, Konstantin als E-Commerce- und Vertriebschef - naheliegend. Ideal ist es Experten zufolge jedoch nicht.

Führung im Tandem gilt Personalberatern oft als fauler Kompromiss. Damit die Doppelspitze ein Erfolg wird, bedarf es eines hohen Maßes an Teamfähigkeit auf beiden Seiten, klar abgegrenzte Zuständigkeitsbereiche und viel gegenseitiges Vertrauen. Sonst ist dieses Führungsmodell zum Scheitern verurteilt.

Prominentes Beispiel für den Misserfolg einer Doppelspitze in einem deutschen Unternehmen ist SAP: Gerade einmal sechs Monate lang hatten Jennifer Morgan und Christian Klein gemeinsam den Walldorfer Technologiekonzern geführt, bevor Klein die alleinige Führung übernahm und die Ära der ersten Frau an der Spitze eines DAX-Unternehmens auch schon wieder Geschichte war.

Vom Chef zum Chefkontrolleur

Doch die Brüder Alexander und Konstantin Sixt werden nicht nur die große Aufgabe haben, ihre Zuständigkeitsbereiche voneinander klar abzugrenzen, sondern sie haben auch noch ihren Vater im Nacken. Kaum vorstellbar, dass sich Erich Sixt aus großen unternehmerischen Entscheidungen künftig vollkommen raushält.

Dass er das in letzter Konsequenz auch gar nicht vorhat, das macht eine Personalie überdeutlich: Sixt wechselt nämlich direkt von der Unternehmensführung an die Spitze des Aufsichtsrats. Schon morgen soll er dort seinen Dienst antreten und den Platz von TUI-Chef Friedrich Joussen einnehmen. Ein solch direkter Wechsel vom Chef- auf den Chefkontrolleur-Sessel - ohne eine sogenannte "Cooling off"-Pause von zwei bis drei Jahren - ist hierzulande eher unüblich.

Grundlegende Interessenkonflikte

Ehemalige Unternehmenschefs, die nicht so richtig loslassen können - das gibt es allerdings nicht nur bei Familienunternehmen. Bestes Beispiel: Dieter Zetsche. Der heute 68-Jährige war von Januar 2006 bis Mai 2019 Vorstandschef bei Daimler. Eigentlich sollte er nach einer Pause von zwei Jahren den Daimler-Aufsichtsratsvorsitz von Manfred Bischoff übernehmen.

Doch im September 2020 ruderte Zetsche zurück und kündigte an, nicht mehr für den Posten des Chefkontrolleurs zur Verfügung zu stehen. Er habe sich gefragt, ob er als Aufsichtsratschef wirklich dem Unternehmen einen Dienst tue, gestand Zetsche im Herbst gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Zuvor hatten Branchenkenner heftige Kritik an Zetsche geübt, dieser habe etwa den Trend zur Elektromobilität verschlafen. Die Kritiker verwiesen aber auch auf grundlegende Interessenkonflikte: Ist der neue Chefkontrolleur der alte Chef, so behindert das die Aufarbeitung von Fehlern der Vergangenheit. Ein echter Neuanfang ist so nicht möglich.

Der Wandel läuft bereits

Ob Sixt den ganz großen Neuanfang allerdings überhaupt nötig hat, ist Analysten zufolge fraglich. Den Wandel vom reinen Autovermieter zum Mobilitätsdienstleister hatte Erich Sixt bereits angestoßen. Auch sein Fokus auf den nordamerikanischen Markt hat laut Branchenkennern durchaus Zukunft.

Schließlich liegt in den USA die Konkurrenz am Boden: Während sich die Münchner 2020 unterm Strich einen kleinen Gewinn von zwei Millionen Euro sichern konnten, verbuchte Avis einen Verlust von knapp 700 Millionen Dollar, Hertz musste sogar Insolvenz anmelden. Stellen es die Gebrüder Sixt nun geschickt an, können sie hier günstig Marktanteile einsammeln.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 16. Juni 2021 um 13:20 Uhr.