Windkrafträder stehen neben rauchenden Schornsteinen eines Steinkohlekraftwerks. | picture alliance / imageBROKER

Plusminus-Recherchen Versorgungslücke könnte Strompreis steigern

Stand: 06.10.2021 16:44 Uhr

Bis 2023 könnte der Strompreis von derzeit knapp 32 auf 37 Cent je Kilowattstunde steigen. Das zeigen exklusive Recherchen von Plusminus. Verantwortlich ist laut Experten vor allem der langsame Ausbau der erneuerbaren Energien.

Von Jörg Hommer, SWR

"Die Entwicklung des Strompreises ist katastrophal und das war absehbar", sagt Henrik Follmann. Der Geschäftsführer der Follmann Chemie GmbH ist stinksauer. Er steht in einer seiner mächtigen Produktionshallen im westfälischen Minden. In riesigen Schüsseln werden hier Klebstoffe und Farben für die Industrie hergestellt. 800 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, 200 Millionen Euro Umsatz macht es im Jahr. Der Strompreis wird dabei immer mehr zum Problem.

"Wir sind jetzt schon nicht wettbewerbsfähig", sagt Follmann. "Meine Kunden sitzen in Polen, sitzen in Frankreich - und die kaufen dann bei Wettbewerbern, die im Ausland sitzen, ein, die die wahnsinnigen Kosten nicht haben." Im Juni zahlten Haushaltskunden in Deutschland nach Angaben des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 31,94 Cent je Kilowattstunde Strom - ausgehend von einem durchschnittlichen Haushaltsverbrauch von 3500 Kilowattstunden im Jahr. Das ist Rekord in Europa. Für Industriekunden mit ihrem weitaus höheren Verbrauch kostete die Kilowattstunde Strom im Juni laut BDEW 19,09 Cent.

Langsamer Ausbau der Erneuerbaren

Der Preisanstieg stehe im direkten Zusammenhang mit dem zögerlichen Ausbau der erneuerbaren Energien, erklärt Jürgen Karl von der Universität Nürnberg-Erlangen. Denn um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten, müssen bei zu wenig grünem Strom konventionelle, fossile Kraftwerke die Versorgungslücke ausgleichen. "Solange wir so wenig erneuerbare Energien bereitstellen können, ist es einfach so, dass teure Gaskraftwerke, sogar Ölkraftwerke zunehmend eingesetzt werden müssen", sagt Karl. "Je öfter wir diese teuren Gaskraftwerke einsetzen müssen, desto teurer ist der Strompreis."

Auch das Wetter trage erheblich zum Preisanstieg bei, ergänzt Karl. Es habe ein kleines bisschen weniger Wind gegeben als zur gleichen Zeit des Vorjahres. "Dieses kleine bisschen äußert sich eben dadurch, dass sich jetzt der Strompreis vom zweiten Quartal 2020 auf das dritte Quartal 2021 einfach mal verfünffacht hat."

Dass der Ausbau der Erneuerbaren zu langsam voran geht, wurde jahrelang von der Bundesregierung ignoriert - in dieser Einschätzung sind sich Experten einig. Diese Entwicklung hat Folgen für den Strompreis der Zukunft. Der Ausbau der Windkraft an Land ist beispielsweise durch Abstandsregelungen fast zum Erliegen gekommen. Darüber hinaus verzögern zum Teil jahrelange Genehmigungsverfahren den Ausbau erheblich.

Experte rechnet für 2030 mit erheblicher Stromlücke

Am renommierten Forschungsinstitut Jülich bei Aachen hat Energieexperte Detlef Stolten exklusiv für Plusminus die grüne Stromerzeugung der Zukunft berechnet. In seinem Modell geht der Wissenschaftler davon aus, dass bis 2030 die Hälfte aller Haushalte ihre Geräte und Beleuchtung gegen energiesparende Geräte austauschen werden.

Für sehr wahrscheinlich hält er, dass Deutschland bis 2030 jedes Jahr so viel zubauen kann wie historisch gesehen im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Allerdings bliebe selbst dann eine grüne Stromlücke von 60 Terawattstunden. Das wiederum entspricht zehn Prozent des Strombedarfs im Jahr 2030.

Stolten warnt: "Man kann nicht ein 'Business as usual'- Konzept machen und sagen, wir machen so weiter - dann laufen wir in eine große Stromdeckungslücke. Da muss deutlich ein Ruck durch Deutschland gehen!" Denn wenn so wenig Solar- und Windkraft ausgebaut werde wie in den vergangenen Jahren, werde die Stromlücke mit 139 Terawattstunden noch größer - das entspricht einem Fünftel des Strombedarfs im Jahr 2030.

Preisexplosion zu erwarten

Natürlich werden in Deutschland nicht die Lichter ausgehen - das ist Stolten wichtig zu betonen. Die Lösung sähe bei der Versorgungslücke dann nur so aus, dass Deutschland den fehlenden Strom aus anderen Ländern, wie zum Beispiel Tschechien oder Frankreich, dazu kaufe. Um drohende Versorgungsengpässe zu vermeiden, halten die vier Netzbetreiber in Deutschland sogenannte Reservekraftwerke betriebsbereit, die meist mit Gas, Kohle oder sogar Öl betrieben werden. Müssen diese Kraftwerke angefahren werden, treibe vor allem dies in Zukunft den Strompreis.

Eine grüne Stromlücke in der Zukunft werde sich in jedem Fall im Preis niederschlagen, da ist sich Jürgen Karl von der Universität Nürnberg-Erlangen sicher. "Es wird nicht nur auf dem Energiemarkt zur Preisexplosion kommen, sondern diese Preisexplosion wird sich auf alle Lebensbereiche auswirken. Also billiger wird es ganz bestimmt nicht." Karl rechnet damit, dass der Strompreis für Haushaltskunden bis 2023 auf etwa 37 Cent je Kilowattstunde steigen wird - das wäre etwa fünf Cent mehr als derzeit.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie heute Abend in der Sendung "Plusminus" um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung Plusminus am 06. Oktober 2021 um 21:45 Uhr.

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KOMMENTARE

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Wohlergehen 06.10.2021 • 23:38 Uhr

@ Opa Klaus 20.37

"Ich habe 16 Jahre im Jobcenter gearbeitet..." und sicher eine gute Arbeit gemacht. Aber: Glauben Sie wirklich, es ist unumgänglich, dass Menschen aus Verzweiflung weinen müssen, weil sie Existenzangst haben und ihnen die Menschenwürde entzogen wird? In einem der reichsten Länder der Welt? Es ist genug Geld vorhanden für alle - wenn es dann gerecht verteilt wird. Welche Schale ist leer? Wenn das Ihr Fazit ist, kann ich nur staunen,