AKW Neckarwestheim | picture alliance / Daniel Kubirs

EnBW und Neckarwestheim Heikles Thema für den AKW-Betreiber

Stand: 12.08.2022 13:55 Uhr

Nach außen präsentiert sich EnBW als grüner Zukunftskonzern. Doch die Debatte über eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke könnte am Image des Energieriesen kratzen.

Von Tim Diekmann, SWR

Die Menschen in Neckarwestheim leben idyllisch. 30 Kilometer nördlich der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart bestimmen Weinberge und der ruhig dahinfließende Neckar das Bild. Aber vor allem ist es das Kernkraftwerk Neckarwestheim II, das die Region seit Jahrzehnten prägt - und für regelmäßige Proteste gesorgt hat. Die weiße Dunstwolke des Kühlturms ist über viele Kilometer zu sehen.

Tim Diekmann

"Gibt es eine Störung?"

Auch im benachbarten Kirchheim am Neckar. Birgit Riecker blickt jeden Morgen von ihrem Balkon in Richtung Kraftwerk: "Wir schauen schon, ist alles in Ordnung, in Anführungszeichen. Läuft alles? Gibt es eine Störung oder nicht?"

Während Riecker und ihr Mann sorgenvoll die Debatte zur Laufzeitverlängerung verfolgen, wird in der Metzgerei in Neckarwestheim betont, wie glücklich man mit dem Atomkraftwerk sei. Ein Weiterbetrieb sei "grundsätzlich gut" und "sicher", sagen sie hier. Das Kernkraftwerk der EnBW hat der kleinen Gemeinde Reichtum und Arbeitsplätze beschert. Warum sollte die Gemeinde also nicht auch nach der geplanten Abschaltung zum Ende des Jahres von der Atomkraft profitieren?

Vom Kernenergie-Konzern zum Öko-Unternehmen

Es scheint ein heikles Thema für den Konzern zu sein, der einst so sehr von der Atomkraft geprägt war. Mit Obrigheim, Philippsburg I und II und Neckarwestheim I und II hatte EnBW zeitweise fünf Kernkraftwerke am Netz. Ein Jahr vor der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat die Kernenergie noch mehr als ein Drittel des gesamten Strommix ausgemacht.

2021 waren es nur noch rund zehn Prozent. Mit Neckarwestheim II sollte Ende 2022 das Kernkraft-Kapitel geschlossen und der Fokus auf die Erfolge bei den erneuerbaren Energien gelenkt werden. "Erneuerbare Energien ist ein Eckpfeiler unserer Strategie und ein zentraler Punkt unserer Wachstumsinitiativen", sagte EnBW-Finanzvorstand Thomas Kusterer am Rande der heute veröffentlichten Halbjahresbilanz.

"Vor 20 Jahren haben selbst Optimisten nicht mit solchen Steigerungen gerechnet", sagt Energie-Experte Armin Grunwald vom Karlsruher Institut für Technologie mit Blick auf EnBW. Der Anteil erneuerbarer Energien wurde von 2010 bis 2021 mehr als verdoppelt: von 17,4 auf 43,1 Prozent.

Strommix EnBW Elektische Leistung in Prozent

Grün, aber noch nicht grün genug?

EnBW sei grüner geworden, so das Fazit des Professors für Technikfolgenabschätzung. "Das heißt nicht, dass es schon grün genug ist. Da ist sicher noch Luft nach oben, aber die Richtung stimmt." Man sei in einem langfristigen Umstellungsprozess, und "da muss man auch irgendwann akzeptieren, dass eine solche Riesentransformation Zeit braucht".

Der Krieg in der Ukraine wirbelt nun auch die Pläne der deutschen Energieunternehmen durcheinander. Während die Politik noch prüft und berät, ob die drei verbliebenen Kernkraftwerke länger am Netz bleiben sollen, müssen die Chefs von EnBW & Co. immer wieder ihre Position zur Kernenergie darlegen.

Laufzeitverlängerung nicht ausgeschlossen

Im Mai betonte EnBW-Chef Frank Mastiaux noch angesichts der Entwicklungen in Osteuropa, dass man weiterhin zum beschlossenen Atomausstieg stehe. Man werde aber "alle Optionen ergebnisoffen" prüfen. In einem Interview mit dem "Handelsblatt" Anfang dieses Monats wird Mastiaux etwas deutlicher: "Wir stünden für einen solchen befristeten Weiterbetrieb bereit, wenn er gewollt ist."

Zur heutigen Vorstellung der Halbjahresbilanz wiederholt Finanzvorstand Thomas Kusterer die EnBW-Position: "Ich glaube, das ist eine politische Entscheidung, und da warten wir einfach mal, wie die getroffen wird." Ein Weiterbetrieb werde aber höchstens ein paar Wochen bringen, die das Kernkraftwerk Neckarwestheim II im neuen Jahr am Netz bleiben könnte.

Werden alte Technologien wiederbelebt?

Wegen drohender Energieengpässe sollen nun auch vermehrt Kohlekraftwerke wieder ans Netz gehen. Droht die Energiekrise den Ausbau der erneuerbaren Energien zu stoppen? Analyst Erkan Ayçiçek von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) glaubt das nicht. "Wir müssen momentan alle Kapazitäten mobilisieren, um die Abhängigkeit vom russischen Gas zu reduzieren." Das sei auch volkswirtschaftlich richtig, habe aber nur wenig Auswirkungen auf den Ausbau nachhaltiger Energieträger.

"Erneuerbare Energien sind die großen Gewinner. Wir werden starke Bemühungen sehen, dass man die Abhängigkeit dadurch reduzieren möchte", so Ayçiçek zu tagesschau.de. Auch an ein Revival der Kernkraft glaubt der Analyst nicht: Die Erneuerbaren ließen sich nicht mehr aufhalten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. August 2022 um 12:00 Uhr.