Eine Verkäuferin und eine Käuferin an der Supermarktkasse | picture alliance / Flashpic

Tarifkonflikt im Einzelhandel Arbeitgebervorstoß sorgt für Ärger

Stand: 06.07.2021 18:55 Uhr

Die "Corona-Helden" in den Supermärkten sollen schnell mehr Geld bekommen, das Personal in lange geschlossenen Modeläden vorerst nicht. Das hat der Handelsverband empfohlen. Die Gewerkschaft ver.di reagiert empört.

Der Tarifstreit im Einzelhandel spitzt sich weiter zu. Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat Einzelhändlern, die die Corona-Krise gut bewältigt haben, empfohlen, die Löhne und Gehälter ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch vor einem Tarifabschluss freiwillig um zwei Prozent zu erhöhen. Zusätzlich bestehe die Option einer Einmalzahlung, die bei Vollzeitkräften bei 300 Euro liegen könne. Bei der Gewerkschaft ver.di sorgte dieser Vorstoß für Empörung.

Einige Handelsketten wollen vorab Löhne erhöhen

Mehrere große Handelsketten wie Ikea, Otto, Rewe, Penny sowie Regionalgesellschaften des Edeka-Verbundes mit ihren tarifgebundenen Filialen haben laut HDE bereits verbindlich erklärt, die freiwillige Entgelterhöhung umsetzen zu wollen.

Während ein Teil der Handelsunternehmen gut durch die Pandemie gekommen sei, habe ein anderer Teil massiv unter monatelangem Lockdown und Geschäftsbeschränkungen gelitten, erklärte der HDE-Geschäftsführer Steven Haarke. Erstere könnten eine kurzfristig umsetzbare Tariferhöhung tragen, letztere müssten vor Kostenbelastungen geschützt werden. Vor allem der nicht systemrelevante Nonfood-Handel leide bis heute stark unter der Corona-Krise. Das müsse die Gewerkschaft einsehen. 

Nach den Plänen der Arbeitgeber sollen die in den Tarifverhandlungen vereinbarten Lohnerhöhungen bei den härter getroffenen Unternehmen erst deutlich später greifen. Im Laufe des Sommers könne dann "in der nötigen Sachlichkeit und Ruhe über einen differenzierten Tarifabschluss für die gesamte Branche verhandelt werden", sagte Haarke.

HDE: "Keine dauerhaften Folgen"

Der HDE-Geschäftsführer warb um Zustimmung: Am Ende einer möglicherweise verlängerten Laufzeit fielen ohnehin alle dauerhaften Entgeltkomponenten des Abschlusses für alle Händler gleich aus. "So würde sich lediglich bei den Effekten des jeweiligen Tarifjahres eine zeitlich befristete Differenzierung ergeben", erklärte er. Es gehe also um eine kurzfristige Entlastung, die keine dauerhaften Folgen für die Entlohnung in der Branche hätte.

Ver.di: "Schlag ins Gesicht der Kollegen"

Ver.di reagierte verärgert: "Damit verschärft der HDE den Tarifkonflikt im Einzel- und Versandhandel und erschwert die ohnehin komplizierten Verhandlungen weiter", sagte der ver.di-Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel, Orhan Akman. Der HDE habe offenbar kein Interesse an einem zügigen Tarifabschluss mit Reallohnerhöhungen. Stattdessen sollten die Beschäftigten billig abgespeist werden.

Das bisherige Angebot der Arbeitgeber liege unter der für 2021 prognostizierten Inflationsrate und sei "ein Schlag ins Gesicht der Kolleginnen und Kollegen, die Tag für Tag ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen".

Ver.di fordert eine pauschale Erhöhung der Entgelte um 4,5 Prozent. Denn Beschäftigte in den von der Krise hart getroffenen Unternehmen brauchten mehr Geld. Sie seien oft von Kurzarbeit betroffen gewesen und hätten in der Pandemie erheblich an Einkommen verloren.

Große wirtschaftliche Unterschiede

Wegen der Corona-Pandemie sind die Tarifverhandlungen im Einzelhandel mit seinen mehr als drei Millionen Beschäftigen besonders kompliziert. Denn es gibt es viel größere Unterschiede bei der wirtschaftlichen Lage der Händler als sonst. Während etwa Lebensmittelhändler zu den Krisengewinnern gehörten und in der Pandemie enorme Umsatzsteigerungen verzeichneten, brachen die Umsätze im Modehandel mit coronabedingten Ladenschließungen ein.

Die Tarifparteien im Einzelhandel ringen seit Monaten erfolglos um eine Lösung. Die Gewerkschaft ver.di hatte mehrfach zu Protesten aufgerufen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 05. Juli 2021 um 06:38 Uhr.

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Moderation 07.07.2021 • 00:05 Uhr

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