Weinhändler Danko beim Lagerverkauf | Volker Danko

Einzelhändler im Ahrtal Neustart im Provisorium

Stand: 21.10.2021 08:07 Uhr

Bis Häuser und Geschäfte nach der Flutkatastrophe wieder nutzbar sind, werden noch Monate vergehen. Viele Einzelhändler im Ahrtal wagen daher einen improvisierten Neustart - etwa in einem Einkaufszentrum aus Containern und Zelten.

Von Axel John, SWR

Das Dröhnen der Schwertransporter ist bis in das Zentrum von Bad Neuenahr-Ahrweiler zu hören. Langsam setzen Schwertransporter Baucontainer an der historischen Stadtmauer ab. Hier am Rand der Stadt entsteht in den nächsten Tagen eine provisorische Einkaufsmeile mit mehr als 60 Ladeneinheiten in den Containern und auch in Zelten.

Axel John

Ein Zeichen der Hoffnung

Fast alle Verkaufsflächen sind schon reserviert. Der Quadratmeter kostet zwischen neun und 13 Euro warm. Modedesignerin Mehtap Turan und ihre Schwester Meltem werden bald in eines der Zelte mit ihrem Laden einziehen. Für sie ist der Aufbau ein Zeichen der Hoffnung. "Wir haben zwei Geschäfte im Zentrum von Ahrweiler gehabt. Die Fluten haben alles zerstört. Es sah aus wie im Krieg. Sogar einige Wände wurden vom Wasser weggerissen - das Inventar und die Kollektion sowieso", erzählt Turan.

Nach dem Corona-Lockdown waren ihre Läden erst zwei Monate geöffnet. "Es war ein toller Neustart. Unsere Lager waren mit neu bestellter Ware gut gefüllt. Die Kunden kamen. Dann brach die Flut über die Region hinein. Unser Schaden liegt bei knapp 200.000 Euro. Nach dem Schock haben wir uns natürlich auch gefragt: Geht es überhaupt weiter? Deshalb sind die Container und Zelte so wichtig für uns."

Über eine dritte Niederlassung in Andernach, private Rücklagen und Spenden aus der Region konnte Turan die Zeit nach dem Flutunglück finanziell einigermaßen überbrücken. Einen Antrag auf staatliche Hilfen aus dem Flutfonds von Bund und Ländern hat sie noch nicht gestellt. Turan möchte zunächst ihr Geschäft im Zelt zum Laufen bringen. "Mit anderen Einzelhändlern sollen die Laden-Container und die Zelte ein Anziehungs- und Treffpunkt für die Kundschaft sein. Unser Laden im Zelt ist ja auch nur vorübergehend", sagt Turan. Schon ab nächstem März hofft sie, ihre Läden im Stadtzentrum wieder zu öffnen. "Das müssen aber viele Einzelhändler gemeinsam tun. Wegen eines Ladens kommt die Kundschaft nicht in die Stadt. Noch aber fehlt es sogar an einer Gasversorgung. Wir stehen noch am Anfang."

Mehtap Turan steht mit einem Helfer in einem Zelt. | Mehtap Turan

Noch ist das provisorische Zelt leer, doch ab November will Designerin Mehtap Turan hier wieder ihre Mode verkaufen. Bild: Mehtap Turan

"Wir lassen uns nicht unterkriegen"

Volker Danko ist einer ihrer neuen Nachbarn im Zelt. Vor der Flut hatte Danko einen Weingeschäft im Ort. Von den Verkaufsräumen steht nur noch der Rohbau. "Auch wir können unser Angebot nur auf einer kleineren Fläche präsentieren. Aber die Botschaft an die Kundschaft lautet, dass wir uns nicht unterkriegen lassen."

Das Zelt ist für den Weinhändler eine weitere Möglichkeit, sein Geschäft bis zur Wiedereröffnung weiterzuführen. "Wir haben schon in der Corona-Krise gute Erfahrungen mit dem Onlinehandel gemacht. Jetzt bestellen schon viele Firmen für Weihnachten gezielt bei uns. Sie wollen der Wirtschaft im Ahrtal helfen. Außerdem bieten wir noch einen direkten Lagerverkauf vor Ort an." Erst in rund einem Jahr rechnet Danko damit, in seinem Geschäft wieder vor Ort Weine und Feinkost anbieten zu können. Handwerker und Material seien schwer zu bekommen. Deshalb richtet sich Danko auf eine längere Übergangszeit ein.   

Brillenverkauf zunächst auf Bierbänken

Thorsten Hermann dagegen arbeitet schon seit Wochen übergangsweise in Baucontainern. Der Optiker hatte bereits Anfang August sein Geschäft am Rande von Ahrweiler wieder geöffnet - in zwei Containern, die er privat organisiert hatte. Zunächst bediente er seine Kunden auf Bierbänken. Inzwischen sind es vier Container, die innen mit Mobiliar ausgebaut sind. Hier lässt sich die Kundschaft untersuchen und beraten. "Einige Optiker-Werkzeuge konnten wir aus dem Schlamm retten. Dazu haben wir noch Spenden von der Innung und Optiker-Kollegen bekommen", erzählt Hermann. Auch sein Geschäft in der Nähe des Marktes wurde fast komplett zerstört. "Der Zuspruch der Kunden nach dem Unglück war von Anfang an hoch. Es geht dabei ja nicht nur um Brillen. Es ist auch ein kleiner Schritt in Richtung Normalität. Das tut uns allen gut." 

In einem Jahr will Thorsten Hermann zurück an seinen alten Standort in der Innenstadt. Noch ermittelt ein Gutachter die genaue Schadenshöhe. Dann will auch Hermann einen Antrag auf staatliche Fluthilfen stellen. "Die Shopping-Meile mit Containern ist sehr wichtig für uns. Kunden und Tagestouristen haben wieder eine Orientierung, wo sie einkaufen können. Bislang kann man hier kaum einen Kaffee und Kuchen kriegen. Das ändert sich jetzt. Es ist ein Lebenszeichen von uns Einzelhändlern." 

Geschäftsräume von Optik Eberle in Containern | Thorsten Hermann

Für Optiker Thorsten Hermann ist die improvisierte Einkaufsmeile ein Lebenszeichen der Händler. Bild: Thorsten Hermann

Verkaufsstart Anfang November

Die Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer unterstützen den schwierigen Weg zurück ins Geschäftsleben. Genaue Zahlen über das Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden haben auch sie noch nicht. Dennoch gibt es viele Hilfen für den Neustart. Ende des Monats etwa organisiert die IHK gemeinsam mit der Stadt eine sogenannte Zukunftswerkstatt. Dann geht es um neue Geschäftskonzepte oder auch Hilfen bei der Antragstellung aus dem Fluthilfefonds.

Designerin Turan geht durch eines der Zelte und inspiziert ihre zukünftige Verkaufsfläche am Stadtrand. Einige Handwerker sind noch zugange. Sie verlegen Stromleitungen und teilen die einzelnen Parzellen für die Einzelhändler voneinander ab. Turan schaut ihnen bei der Arbeit zu. In ein paar Tagen soll es für sie mit dem Verkauf losgehen. "Wir sind aus dieser Region. Die Stadt und die Menschen liegen uns sehr am Herzen. Es war eine furchtbare Katastrophe, aber jetzt haben wir die Chance, etwas neu aufzubauen. Die Container und die Zelte sind unser neuer Anfang."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Oktober 2021 um 07:46 Uhr.