Ein Kunde geht in einem Supermarkt einkaufen. | dpa

Lebensmittel-Einkauf Zeit für Schnäppchen

Stand: 20.08.2022 06:17 Uhr

Discounter scheinen von der hohen Inflation zu profitieren. Denn Verbraucher achten immer mehr auf den Preis. Können normale Supermärkte da noch mithalten oder verlieren sie gerade Kundschaft?

Von Eva Macht, SWR

Es ist ziemlich viel los an diesem Vormittag in einer Lidl-Filiale in Stuttgart. Ein Kunde kauft hier heute nur Mineralwasser und Zitronen, eine andere Kundin macht, wie immer, ihren Wocheneinkauf. Seit Jahren geht sie ausschließlich beim Discounter einkaufen, weil sie, wie sie sagt, "wenig Geld hat". Rewe und Edeka könne sie sich nicht leisten. Und Wiltrud Meier, eine weitere Kundin, hat am Morgen im Radio gehört, dass es die Trauben heute im Angebot gibt, 500 Gramm für 99 Cent. Sofort hat sie sich auf den Weg gemacht, um das Schnäppchen nicht zu verpassen.

Eva Macht

Der Lebensmitteleinkauf in diesen Tagen stellt die Verbraucher vor immer neue Herausforderungen: Steigende Inflation, sinkende Einkommenserwartungen, der Ukraine-Krieg, Lieferprobleme. Die Preise für sogenannte schnelldrehende Konsumgüter - das sind etwa abgepackte Lebensmittel, Getränke, Toilettenartikel, Süßwaren - sind laut dem Marktforschungsinstitut GfK im Juni um 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Im Mai waren es demnach noch 6,2 Prozent. Für Juli liegen noch keine Zahlen vor.

Acht Prozent mehr Umsatz

"Die an den Kassen im Lebensmitteleinzelhandel bezahlten Preise sind weiter stark gestiegen", sagt Robert Kecskes, Director Shopper Insights bei der GfK: "Sparen stößt bei vielen Kunden an Grenzen. Die Verbraucher müssen inzwischen mehr Geld für Nahrungsmittel und andere schnelldrehende Konsumgüter ausgeben."

Laut GfK Consumer Index profitiert der Handel nach der altbekannten Regel: Höhere Preise führen zu höherem Umsatz. Und der Index zeigt auch: Die Discounter wuchsen im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um acht Prozent, die Supermärkte erreichten dagegen die Nulllinie. Noch im Mai hatten die Supermärkte vier Prozent Umsatz verloren, die Discounter hatten ihre Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent steigern können.

Auf den ersten Blick sieht das zwar nach einem großen Vorsprung für die Discounter aus. Aber: "Von einem Run auf Discounter kann man dennoch nicht sprechen", sagt Professor Carsten Kortum, Handelsexperte von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn.

"Preise wie beim Discounter"

Nach Angaben vom Hauptverband des Einzelhandels (HdE) gibt es in Deutschland rund 16.000 Filialen im Discount-Bereich. Dazu zählen vor allem Lidl, Aldi Nord, Aldi Süd, Penny und Netto. Rund 12.200 Supermärkte kommen dazu, darunter die der Ketten Edeka und Rewe.

"Discounter setzen im Gegensatz zu Supermärkten traditionell auf die günstigeren Handelsmarken. Also Eigenmarken, die etwa 75 bis 90 Prozent Anteil am Umsatz haben," so Carsten Kortum. Gegenwärtig würden die Handelsmarken gewinnen, erklärt er: "Der Marktanteil der Herstellermarken, also der Markenartikel, ist auf das Niveau von 2020 gesunken."

Handelsmarken führen aber auch Supermärkte, so gibt es die Eigenmarke "Ja!" von Rewe seit 1982 und "Gut und Günstig" von Edeka. "Die Kommunikation ist bei den Supermärkten jedoch aggressiver geworden", sagt Kortum. Edeka macht zum Beispiel mittlerweile Werbung mit Slogans wie "Preise wie beim Discounter." Für Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, kann das durchaus Erfolg bringen: "Solange die Kunden derart preissensibel reagieren, ist das vermutlich der einzige Weg."

Sonderangebote im Blick

Und noch eine Reaktion der Verbraucher sei auffällig: Ihre Kaufentscheidung geht nicht unbedingt hin zum Discounter und weg vom Supermarkt, sondern es wird insgesamt mehr auf Sonderangebote, Schnäppchen, Promotionen geachtet. Die Verbraucher schauen also direkt im Geschäft - egal ob Supermarkt oder Discounter - gezielt nach den günstigen Produkten. Und die Händler bieten zunehmend auch preiswertere Waren an. Darum urteilt Carsten Kortum: "Es gibt allgemein ein trading-down im Markt."

Für die Discounter stelle sich allerdings die Frage, ob sie angesichts der steigenden Herstellerpreise ihre Niedrigpreispolitik halten können. "Die Discounter müssen nicht billiger sein als sie selbst vor drei Jahren", meint dazu Thomas Roeb, "sie müssen nur billiger sein als die Supermärkte. Wenn sie ihre Kosten weiter im Griff halten, wird ihnen das gelingen."

Für Wiltrud Meier hat sich jedenfalls ihre Einkaufstour gelohnt. Weil sie früh dran im Discounter war, gab es noch genügend Auswahl. Und sie hat gleich zwei Packungen der günstigen Trauben gekauft.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 05. April 2022 um 16:56 Uhr.