Produktion bei Bavarian Nordic | Bavarian Nordic

Bavarian Nordic Die bayerisch-dänische Impfstoffhoffnung

Stand: 06.12.2021 13:29 Uhr

Mit Impfstoffen gegen Pocken und Ebola wurde Bavarian Nordic bekannt. Nun tüftelt die deutsch-dänische Biotech-Firma in München an einem Booster-Vakzin gegen Corona. Die Studienergebnisse sind vielversprechend.

Wann kommen die nächsten Corona-Impfstoffe auf den Markt? Die Liste der Kandidaten ist lang. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befinden sich derzeit 128 Vakzine in der Entwicklung.

Auch in Deutschland, der Heimat von Corona-Pionier BioNTech, gibt es weitere Hoffnungsträger. Die deutsch-dänische Biotech-Schmiede mit dem Namen Bavarian Nordic arbeitet an einem universellen Booster-Impfstoff gegen Corona.

Vielversprechende Studienergebnisse

Die bisherigen Studienergebnisse des Mittels mit dem Namen ABNCov2 sind vielversprechend. In der Anfang August gestarteten Phase II habe sich ein massiver Antikörper-Anstieg gegen alle Corona-Varianten wie Alpha, Beta und Delta gezeigt, hieß es am Montag. Einzig gegen die neue Variante Omikron ist das Mittel momentan noch nicht getestet.

Laut Hubertus Hochrein, Leiter der Forschungsabteilung, sei in der Phase I-Studie die Zahl der neutralisierenden Antikörper sogar höher gewesen als beim Impfstoff Comirnaty von BioNTech/Pfizer. Allerdings sind die Daten wenig aussagekräftig, da an der damaligen Studie an der Radboud Universität in Nijmegen nur 42 Menschen teilnahmen. An ihnen wurde lediglich die Verträglichkeit und Sicherheit des Vakzins geprüft.

Deutlich repräsentativer ist Phase II, die der Impfstoff derzeit durchläuft. In der klinischen Studie werden mehrere Hundert Probanden getestet. In Berlin und Hamburg wird untersucht, wie wirksam das Vakzin ist und welches die optimale Dosierung sein dürfte.

Der Trick mit dem falschen Virus

Das Verfahren von Bavarian Nordic setzt auf virusartige Partikel. Es baut aus Proteinbestandteilen ein Gebilde nach, das für das Immunsystem wie ein vermeintliches Virus aussieht. Der Körper reagiert, als habe er es mit einem echten Virus zu tun, und bildet schnell Antikörper, die am Spike-Protein wirken. Steckt sich der Mensch mit dem Coronavirus an, hat er bereits die passenden Antikörper und kann das Virus abwehren.

Coronaviren | AFP
Was ist eine "Escape-Variante"?

Varianten wie die Omikron-Mutante des Corona-Virus entstehen durch Mutationen. Alle Viren mutieren ständig; damit passen sie sich an den Wirt und die Bedingungen an. Solche Mutationen entstehen zufällig und können sich auf die Übertragbarkeit oder die Immunabwehr des Wirtes auswirken.

Bei sogenannten Escape-Varianten (das englische Wort "escape" bedeutet übersetzt "entkommen") entzieht sich die mutierte Virusvariante dem Impfstoff teilweise oder im schlimmsten Fall vollständig. Neutralisierende Antikörper docken an bestimmten Stellen des Spike-Proteins an. Wenn sich diese Andockstellen aber verändern, können die Antikörper dort nicht mehr ansetzen und das Virus abwehren. Dadurch können sowohl Geimpfte, aber auch Genese an der neuen Variante erkranken.

Da das menschliche Immunsystem aber gewissermaßen über eine dreifache Abwehrreihe verfügt - bestehend aus Antikörpern, Fresszellen und T-Zellen -, besteht in den allermeisten Fällen weiter ein Schutz gegen schwere Verläufe der Krankheit. Denn selbst wenn das Virus die Antikörper überwindet, schalten sich im weiteren Verlauf der Immun-Abwehr erst die Fress- und dann die T-Zellen ein und verhindern eine weitere Ausbreitung des Krankheitserregers. Dass eine Escape-Variante alle drei Abwehrreihen des menschlichen Immunsystems überwindet, gilt als unwahrscheinlich.

Mögliche Zulassung wohl erst 2023

Bis der Booster-Impfstoff auf den Markt kommt, dürfte es aber noch lange dauern. Nach dem Abschluss der Phase II soll die entscheidende Phase III Mitte des nächsten Jahres mit mehreren Tausend Probanden starten. "Da gibt es noch eine Menge Risiken", gibt Forschungsdirektor Hochrein zu. Er hofft auf die Zulassung des Mittels bis 2023.

Das Geld zur Finanzierung der wichtigen Phase III jedenfalls ist da. Die dänische Regierung hat kürzlich 100 Millionen Euro Förderung zugesagt. Forschungschef Hochrein glaubt, dass der Corona-Impfstoff-Markt noch längst nicht gesättigt ist. Er rechnet mit einer dauerhaft nötigen Impfung gegen Covid. "Wir werden wahrscheinlich in Abständen immer wieder boostern müssen - wie bei anderen Krankheiten", prophezeite er in der "Süddeutschen Zeitung".

Erfahrung mit Pocken- und Ebola-Impfstoffen

Ein Vorteil sei, dass eine Spritze mit dem Mittel von Bavarian Nordic als Auffrischung nach einer ersten Immunisierung mit anderen Impfstoffen reichen würde. Das Vakzin gehöre in die Kategorie der klassischen Totimpfstoffe. Entwickelt wird das Vakzin in Martinsried, einem Vorort von München. Dort tummeln sich zahlreiche Biotech-Firmen, unter anderem MorphoSys.

Mit Impfstoffen kennt sich Bavarian Nordic seit Jahren aus. Das Unternehmen hat 2003 einen neuen Pockenimpfstoff für die USA entwickelt und für 1,6 Milliarden Dollar gut 20 Millionen Dosen ausgeliefert. Auch an die Bundesregierung wurden mehrere Millionen Dosen vertrieben. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 herrschte vor allem in den USA die Angst vor einem Angriff mit Biowaffen.

Darüber hinaus hat die deutsch-dänische Biotech-Firma 2014 an einem Impfstoff gegen Ebola mitgearbeitet. Zusammen mit Johnson & Johnson entwickelte Bavarian Nordic ein Vakzin. Beim letzten großen Ebola-Ausbruch vor ein paar Jahren starben in Westafrika Tausende Menschen an der Seuche.

An der Börse hat Bavarian Nordic schon kräftig Vorschusslorbeeren bekommen. Die Aktie hat in den vergangenen zwei Jahren über 70 Prozent gewonnen. Die Investmentbank Jefferies hat heute die Titel des Impfstoff-Entwicklers nach den positiven Signalen der Phase II-Studie zum Kauf empfohlen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 29. November 2021 um 17:05 Uhr und die tagesschau am 04. Dezember 2021 um 04:50 Uhr.