Boeing 737 MAX 9

Probleme mit mehreren Modellen Boeing-Konzern tief in der Krise

Stand: 01.02.2021 11:26 Uhr

Der dramatische Einbruch der Luftfahrtindustrie und das 737-Max-Debakel brockten Boeing einen Rekordverlust ein. Inzwischen darf der Unglücksjet wieder abheben. Doch der US-Konzern hat noch viel mehr Probleme.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Gerade einmal 157 Flugzeuge hat Boeing im vergangenen Jahr ausgeliefert - nicht einmal halb so viel wie 2019. Damit fiel der US-Flugzeugbauer im ewigen Duell mit Airbus weit zurück. Der europäische Rivale lieferte 566 Jets aus, also fast vier Mal so viel wie Boeing. "2020 war ein Jahr der tiefgreifenden gesellschaftlichen und globalen Disruption, das unsere Branche stark strapaziert hat", hadert Boeing-Chef David Calhoun.

Rekordverlust von fast 12 Milliarden Dollar

Die Corona-Pandemie, die den Luftverkehr zeitweise lahm legte, und die Misere um den Unglücksflieger 737-Max stürzten den erfolgsverwöhnten US-Hersteller in die tiefste Krise seiner über 100-jährigen Geschichte. Mit mehr als 11,9 Milliarden Dollar flog Boeing einen nie dagewesenen Verlust ein. Dagegen wirkt das Defizit von 636 Millionen Dollar aus dem Jahr zuvor fast wie eine Lappalie.

Das Desaster mit dem 737-Max hat Boeing insgesamt schätzungsweise 20 Milliarden Dollar gekostet. Mehrere Airlines stornierten ihre Bestellungen und verlangten Schadensersatz. Vor kurzem einigte sich Boeing mit dem US-Justizministerium zur Zahlung von 2,5 Milliarden Dollar - und gab zu, dass zwei seiner Piloten die Flugzeugbehörde FAA vor der Zulassung der Max getäuscht hatten.

Unglücksflieger hebt wieder ab

Doch inzwischen scheinen die Amerikaner die Probleme mit dem Flugzeugtyp in den Griff zu bekommen. Ende 2020 erteilte die US-Flugzeugbehörde FAA wieder die Starterlaubnis für den überarbeiteten 737-Max, in dem die Software nun die Daten von zwei Sensoren verwendet. Und in der vergangenen Woche gab auch die europäische Aufsicht EASA grünes Licht für die Rückkehr des Krisenjets in den Flugbetrieb. Im vierten Quartal gab es laut Boeing bereits wieder 2700 Flüge mit dem 737-Max.

Boeing 737 Max | dpa

Hat wieder Starterlaubnis: Der 737-Max von Boeing. Bild: dpa

Mehr als 40 neue Maschinen wurden jüngst wieder ausgeliefert. Ryanair-Chef Michael O’Leary reiste gar Anfang Dezember in die USA, um 75 Max-Jets zu kaufen. Laut O’Leary erlaube es die Max, die Betriebskosten niedrig zu halten und damit auch die Flugpreise. "Das ist ein Neuanfang", jubelte Boeing-Chef Calhoun über den ersten Großauftrag seit zwei Jahren.

Hat der Boeing-Konzern also den Tiefpunkt seiner Krise überschritten? Weltweit bemühen sich Unternehmen aus der Luftverkehrsbranche und der Touristik, mit Blick auf die Corona-Impfstoffe Zuversicht zu verbreiten. Die Hoffnungen richten sich auf einen Neustart des Reisegeschäfts ab dem Sommer.

Boeing-Chef David L. Calhoun

Boeing-Chef David L. Calhoun

Größtes Sorgenkind ist jetzt der 777X

Doch besonders rosig sehen die Zukunftsperspektiven für Boeing nicht aus. Der Flugzeugbauer hat eine Reihe von Baustellen, die noch längst nicht behoben sind. Besonders der Großraumjet 777X entwickelt sich immer mehr zum größten Sorgenkind. Das neue Flugzeugmodell sollte eigentlich 2020 auf den Markt kommen. Dann wurde der Termin auf 2022 und nun nochmals um ein Jahr auf 2023 verschoben. Die Verzögerungen kosteten den Flugzeugbauer rund 6,5 Milliarden Dollar an Sonderbelastungen und waren der Hauptgrund für den Rekordverlust im vergangenen Jahr.

Der für internationale Flüge geeignete 777X ist der inoffizielle Nachfolger des Jumbos 747, dessen Produktion 2022 auslaufen soll. Der Jumbo war einst das größte Passagierflugzeug der Welt, bevor er durch den A380 von Airbus abgelöst wurde.

Produktion des "Dreamliner" wird gedrosselt

Darüber hinaus läuft es auch mit dem 787 "Dreamliner" nicht rund. Die in den letzten 18 Monaten bereits mehrfach zurückgefahrene Produktion des Langstreckenjets soll nun nochmals gedrosselt werden. Ab Mitte 2021 sollen nur noch fünf Exemplare pro Monat hergestellt werden, kündigte Finanzchef Greg Smith Anfang Dezember an. Der 787 hatte vor der Corona-Krise einen Teil der weggefallenen Geschäfte mit dem 737-Max kompensiert.

Boeing 787 Dreamliner

Beim 787 "Dreamliner" hat Boeing Probleme mit der Produktion.

Einziger Lichtblick für Boeing war im vergangenen Jahr die Rüstungssparte. Diese konnte 2020 den Umsatz steigern - im Gegensatz zur zivilen Flugzeugsparte. Die Rüstungssparte mit Kampfjets wie dem F/A-18 macht inzwischen gut ein Drittel des Geschäfts des US-Herstellers aus.

Ersatz für 737-Max?

In diesem Jahr ruhen nun die Hoffnungen auf einem Comeback des 737-Max. Um die unrühmliche Vergangenheit abzustreifen, soll der Zusatzname Max entfernt werden. Doch Experten bezweifeln, ob Boeing im Wettbewerb mit der A320-Familie von Airbus mithalten kann. Der US-Konzern benötige "Hunderte 737-Max-Neubestellungen", schreibt der Branchendienst Leeham News. Besser wäre ein ganz neuer Kurz- und Mittelstreckenjet, über den in der Branche immer wieder spekuliert wird. Boeing müsse noch in diesem Jahrzehnt einen Ersatz für die 737-Max-Modellreihe als Konkurrenz zum Airbus Neo entwickeln, meint Experte Scott Hamilton von Leeham News. Wie das gelingen soll, wenn Boeing ein Fünftel seiner Mitarbeiter - davon viele Ingenieure - entlässt, fragt sich nicht nur Hamilton. Für eine milliardenschwere Neuentwicklung fehlt auch angesichts der Verluste in den letzten zwei Jahren das Geld.

Es fehlt ein mittelgroßer Jet

Auch die Pläne für den 797 scheinen auf Eis zu liegen. Seit Jahren wird im Boeing-Management über einen komplett neuen mittelgroßen Jet diskutiert, der die Lücke zwischen Langstreckenjets wie dem Dreamliner und den Mittelstreckenjets der 737-Reihe füllen soll. Mit diesem "New Midsize Aircraft" (NMA), der inoffiziell 797 genannt wird, könnte der US-Hersteller das mittlere Marktsegment für Langstreckenflüge jenseits der großen Drehkreuze bedienen. Einst hatte Boeing ein vergleichbares Flugzeug, den 757, der Platz für bis zu 295 Passagiere bot. Doch im Jahr 2004 wurde das Modell eingestellt. Seither klafft eine Lücke im Portfolio von Boeing.

Die Amerikaner zögern seit 2015 mit der Entscheidung. Denn der neue 797 würde gut 15 Milliarden Dollar an Entwicklungskosten verschlingen. Marktfähig wäre das neue mittelgroße Flugzeugmodell frühestens 2025.

Airbus besetzt die Nische

Bis dahin dürfte Airbus die Nische schon besetzt haben. Der europäische Flugzeugbauer will mit einer neuen Super-Langstreckenversion seines Verkaufsschlagers A321neo Boeing zuvorkommen. Auf der Luftfahrtshow in Paris-Le Bourget Mitte 2019 kündigte Airbus den A321XLR an, der dank eines Zusatztanks Entfernungen von bis zu 8700 Kilometern bewältigen kann. Er wäre damit für Strecken zwischen Europa und den USA sowie zwischen Europa und Indien geeignet. Zudem spart er im Vergleich zur Boeing 757 rund 30 Prozent an Treibstoff und CO2-Ausstoß. Der A321XLR soll bereits 2023 einsatzbereit sein - also zwei Jahre früher als der 797, wenn er denn kommt. Schon jetzt liegen Hunderte Aufträge für den neuen kleinen Langstreckenjet vor.

Eine Alternative für Boeing wäre, den betagten 767 zu modernisieren. Das würde einen komplett neuen Langstreckenjet überflüssig machen. Bisher wird der vor 41 Jahren eingeführte 767 für Militär- und Frachtzwecke gebaut. Laut Fachmedien werden konzernintern die Möglichkeiten einer Passagiervariante des 767 diskutiert. Experte Hamilton vom Branchendienst Leeham reagiert skeptisch auf solche Ideen. Eine Überarbeitung der 767 könnte zu ähnlichen Erfahrungen wie bei der Modernisierung der 737 führen, warnt er.

Eine Boeing 767 der Condor

In die Jahre gekommen: das Modell 767 von Boeing.

Rückstand nicht mehr aufzuholen?

Egal, wie sich die Modellpalette bei Boeing verändert: Sollte die Nachfrage nach Flugzeugen wieder anziehen, dürfte vorerst Airbus davon mehr profitieren als Boeing. So prophezeit Analystin Céline Fornaro von der Schweizer Großbank UBS, dass Boeing in naher Zukunft weitere Aufträge verlieren dürfte, während Airbus spätestens ab 2022 wieder steigende Orderbücher verzeichnen dürfte. Noch deutlicher äußert sich Experte Ron Epstein von der Bank of America. Boeing werde niemals den Rückstand zu Airbus wieder aufholen, glaubt er.

Einziger Trost für den US-Konzern ist das immer noch existierende Duopol in der Luftfahrtbranche, in dem sich Airbus und Boeing den Markt aufteilen. Viele Airlines sind gezwungen, einen Teil ihrer Maschinen bei Boeing zu bestellen. Storniert eine Fluggesellschaft zum Beispiel ihre 737-Max-Order bei Boeing, muss sie sich bei Airbus ganz hinten anstellen und jahrelang auf Flugzeuge warten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. November 2020 um 12:30 Uhr.