Menschen stehen vor dem  Impfhotel in einer Schlange. | Vera Schmidberger
Reportage

Corona-Pandemie Vom Hotel zum Ad-hoc-Impfzentrum

Stand: 12.12.2021 10:06 Uhr

In Rheinland-Pfalz hat ein lokales Netzwerk ein Hotel umfunktioniert - und eine Corona-Impfaktion gestartet. So soll aus der Not der Hotel- und Gaststättenbranche zumindest etwas Gutes für die Allgemeinheit entstehen.

Von Vera Schmidberger, SWR

Die Menschen stehen Schlange vor dem Hotel "Amtsgerichts Blick" in Oppenheim am Rhein - und das über Stunden, in nasskaltem Wetter. Sie haben mitbekommen, dass im Hotel an diesem Tag Corona-Schutzimpfungen angeboten werden. Christophe Lafargue ist mit seiner Frau zum Boostern da, beide sind begeistert. Ihr Hausarzt hätte erst im März einen Termin für sie gehabt.

Vera Schmidberger

Drinnen läuft Hotelchefin Andrea Weisrock, die ihr Haus für die Aktion zur Verfügung gestellt hat, geschäftig von Raum zu Raum. Sofort nachdem die Impfaktion publik geworden war, berichtet Weisrock, sei die Resonanz enorm gewesen. Am meisten berührt hat Weisrock die Anfrage einer alten Dame aus dem mehr als 80 Kilometer entfernten Aschaffenburg in Bayern. Als die 73-Jährige hörte, dass gerne auch Auswärtige vorbeikommen dürfen, sei sie vor Erleichterung in Tränen ausgebrochen.

Die Verzweiflung ist groß

In sechs Zimmern gleichzeitig impft das Team einer ortsansässigen internistischen Praxis; 1000 Impfdosen wollen sie an diesem Tag hier verabreichen. "Alle, die geimpft rausgehen, strahlen wie die Putzeimer", sagt die Hotelchefin.

Doch dass ihr Hotel zum Ad-hoc-Impfzentrum werden konnte, hat einen ernsten Hintergrund. Der Standort ist weitgehend geschlossen, weil sowieso keine Übernachtungsgäste mehr kommen. Weisrocks Mitarbeiter sind seit Anfang Dezember wieder in Kurzarbeit, alle Minijobber musste sie abmelden. Allein das Know-how, das so verloren gehe, so Weisrock, sei ein immenser wirtschaftlicher Schaden.

Die Verzweiflung ist, wie in weiten Teilen der Hotel- und Gastronomiebranche, groß: "Es ist zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben", beschreibt Weisrock ihre wirtschaftliche Situation. "Meine Moral ist am Boden." Mit der Impfaktion möchte sie dazu beitragen, dass sich das Leben für alle Pandemiegeplagten bald wieder normalisieren kann. "Wir wollen nicht abwarten, sondern aktiv etwas tun", so Weisrock.

"Für mich ist das ein Lockdown"

Die Grillwürstchen für die Impfaktion im Hotel hat - neben anderen Gewerbetreibenden - Eugenius Steckler gesponsort. Der Gastronom sieht sich in der gleichen Situation wie seine Kollegin aus der Hotelbranche: Es hagelt Absagen. Gerade hat wieder eine Gruppe von 15 Personen das Weihnachtsessen in Stecklers Restaurant abgesagt. "Die Leute sind abgeschreckt", sagt Steckler. "Für mich ist das ein Lockdown."

Ein Problem sind nach wie vor die unterschiedlichen regionalen Regeln. In Rheinland-Pfalz gilt 2G Plus - auch Geimpfte und Genesene brauchen in der Gastronomie einen negativen Test, sofern sie nicht geboostert sind. Stecklers potentielle Gäste fahren statt zu ihm deshalb gerne die kurze Strecke über den Rhein hinüber nach Hessen. Im benachbarten Bundesland gilt 2G - einen negativen Corona-Test müssen Geimpfte und Genesene beim Restaurantbesuch dort nicht vorlegen.

DEHOGA grundsätzlich für 2G

"Diese regional unterschiedlichen Regelungen haben erhebliche Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen", weiß auch der Chefvolkswirt des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Dr. Hans-Jürgen Völz.

Ihm liegen viele ähnliche Beschwerden vor, etwa aus Bayern oder Sachsen. Deshalb fordert sein Verband, genau wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA, flächendeckend 2G, um einen bundesweiten Lockdown zu verhindern. DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges erklärt, damit hätten viele Betriebe trotz Umsatzeinbußen immerhin eine Perspektive.

Kritik an Überbrückungshilfe

Angesichts der pandemischen Lage wurden die Corona-Wirtschaftshilfen für Unternehmen verlängert. Ab Januar bis Ende März gilt die sogenannte Überbrückungshilfe IV. Darin werden die bisherigen Hilfen im Wesentlichen fortgeführt. Auch Abschlagszahlungen sind weiter vorgesehen. Allerdings kritisieren BVMW und DEHOGA, dass den Betrieben ab Januar nur noch 90 statt wie bisher 100 Prozent der Fixkosten erstattet werden sollen.

Ebenso bemängeln die Verbände, dass die Antragsberechtigten nach wie vor einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent nachweisen müssen, um einen Zuschlag zur Fixkostenerstattung zu erhalten. Nach Ansicht des BVMW müsste nach fast zwei Jahren Corona-Krise ein nur halb so hoher Umsatzeinbruch von 15 Prozent als Nachweis ausreichend sein.

Nachbesserungen gefordert

DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Hartges mahnt, der Anspruch auf Fixkostenhilfe müsse auch für solche Unternehmen klar bestehen bleiben, die aufgrund von 2G Plus oder reduzierten Öffnungszeiten nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können und sich deshalb entscheiden zu schließen: "Wenn die Kosten höher sind als die zu erzielenden Einnahmen, darf eine eigenständige Schließung nicht zum Verlust der Ansprüche führen." Hartges sieht hier Nachbesserungsbedarf.

Grundsätzlich betonen die Unternehmensverbände, die Betriebe befänden sich schon im zweiten Pandemiejahr. Kredite müssten jetzt getilgt werden, gestundete Steuern würden fällig und Rücklagen seien, soweit vorhanden, vielfach aufgezehrt. BVMW-Chefvolkswirt Völz meint: "Hier sollte sich die neue Bundesregierung gegenüber dem Mittelstand konzilianter und flexibler zeigen." Ingrid Hartges ergänzt: "Ohne die bereits erfolgten Hilfen hätten vermutlich 70.000 Unternehmen nicht überlebt."

Kurzarbeitergeld wird aufgestockt

Für die Beschäftigten von Betrieben mit anhaltenden Schwierigkeiten wegen der Corona-Lage gibt es einen Lichtblick: Sie sollen die Zeit weiter gut mit Kurzarbeit überbrücken können. Der Bundestag hatte am Freitag eine Aufstockung des bereits verlängerten Kurzarbeitergeldes ermöglicht.

Der von der Ampel-Koalition eingebrachte Änderungsantrag sieht vor, dass ab dem vierten Bezugsmonat 70 Prozent der Netto-Entgelt-Differenz gezahlt werden - mit einem Kind im Haushalt 77 Prozent. Ab dem siebten Bezugsmonat sind es 80 beziehungsweise 87 Prozent.   

Die Unternehmen wiederum haben große Erwartungen an die Beschleunigung der Impfkampagnen. DEHOGA-Hauptgeschäftsführerin Hartges berichtet von empörten Firmenchefs, die sich beklagten: Zwar hätten sie nun endlich manch ungeimpften Mitarbeiter von den Vorteilen einer Impfung überzeugen können, doch dann bekämen diese keinen Impftermin. "Das muss jetzt absolute Priorität haben und professioneller ablaufen", fordert Hartges.

Unternehmergeist boostert Impfkampagne

Im rheinland-pfälzischen Oppenheim jedenfalls haben Weisrock und ihre Mitstreiter ihren Teil zur Impfkampagne beigetragen. Und das, obwohl die Kluft zwischen Geimpften und Gegnern der Maßnahmen der Hotelchefin enorm zusetzt. Schließlich seien es die Unternehmer vor Ort, meint sie, die die politischen Entscheidungen umsetzen und damit auch rechtfertigen müssten. Als Weisrock jüngst einem Stammgast das Zimmer stornieren musste - mit der Begründung, sie dürfe ihn leider nicht mehr beherbergen - "da war das eine riesige Eskalation am Telefon". 

Nach dem langen Tag mit Impf-Event ist es im Hotel wieder still geworden. "Bis wir wieder richtig öffnen können", sagt Andrea Weisrock resigniert, "versuchen wir die Schließung emotional als Wintererholung zu verbuchen".