Arbeiter im Karosseriebau des Mercedes-Benz Werks im Industriepark Jessipowo bei Moskau.  | picture alliance/dpa/AP POOL

Russland-Geschäft der Konzerne Rückzug für immer - oder auf Zeit?

Stand: 03.03.2022 17:29 Uhr

Der Druck auf westliche Unternehmen ist wegen der Sanktionen enorm gestiegen. Viele trennen sich von ihrem Russland-Geschäft. Für immer - oder hält man die Tür weiter offen?

Von Bianca von der Au, ARD-Börsenredaktion

Gestern noch wollte der Volkswagen-Konzern seine Fabrik im russischen Kaluga mit rund 4000 Beschäftigen offenhalten. Heute kam dann plötzlich die Meldung aus Wolfsburg: Vor dem Hintergrund des russischen Angriffs werde man die Produktion von Fahrzeugen in Russland bis auf Weiteres einstellen.

Der moralische Druck auf die Unternehmen mit Russland-Geschäft sei enorm, sagt Handelsforscher Alexander Sandkamp vom Institut für Weltwirtschaft Kiel. "Wie das jetzt weitergeht, das wird auch davon abhängen, wie sich dieser Konflikt jetzt entwickelt", so Sandkamp. Zum Teil zögen sich die Unternehmen sogar freiwillig aus Russland zurück. "Es wird auch davon abhängen, ob noch härtere Sanktionen bis hin zu Handelsembargos durch die EU verhängt werden."

Liste der Unternehmen wird immer länger

Schon jetzt kommen fast täglich Meldungen von Unternehmen, die sich aus dem Russlandgeschäft zurückziehen oder zumindest das Neugeschäft stoppen. Darunter außer VW auch andere große Namen aus dem DAX wie Mercedes Benz, BMW, SAP oder der Turbinenhersteller Siemens Energy. In einer Mitteilung des Unternehmens heißt es:

Siemens Energy unterstützt die Haltung der internationalen Regierungskoalition, die Sanktionen gegen Russland verhängt hat. Während wir weiterhin die umfangreichen Sanktionen und ihre Auswirkungen auf unser Unternehmen prüfen, haben wir sämtliches Neugeschäft in Russland gestoppt.

Auch der Siemens-Mutterkonzern hat nach 165 Jahren Partnerschaft mit Russland vorerst alle Neugeschäfte auf Eis gelegt. Jedoch betrifft das nicht die laufenden Geschäfte. Ein Pressesprecher sagte dem ARD-Börsenstudio, man fühle sich gegenüber den Mitarbeitern verantwortlich. Zudem sei man vertraglich gebunden und bestimmte Wartungsarbeiten seien schlicht sicherheitsrelevant - etwa bei Zügen. Das Engagement von Siemens in Russland macht weniger als ein Prozent vom Umsatz aus.

Nur eine Minderheit geht für immer

Anders sieht die Sache bei Henkel aus. Der Persil-Hersteller beschäftigt an elf Produktionsstandorten 2500 Mitarbeiter und macht in Russland gut fünf Prozent seines Umsatzes. Henkel will am Russland-Geschäft zunächst weiter festhalten; auch hier beruft man sich auf die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern vor Ort. Auch viele mittelständische Unternehmen, die in Russland vertreten sind, können nicht einfach das Fabriktor schließen und den Schlüssel wegwerfen.

"Es wird eher darüber nachgedacht, wie man den Betrieb kontrolliert herunterfahren kann. Dass man auch die Mitarbeiter, das Marken-Ansehen und die Reputation nicht verliert", sagt Russland-Kenner Andreas Knaul von der Großkanzlei Rödl & Partner. "Es mag vereinzelt auch Unternehmen geben, die sagen: 'ich geh da raus, ich habe nie wieder vor, einen Fuß nach Russland zu setzen'. Aber das ist unter deutschen Unternehmen sicher die extreme Minorität."

Dabei hat sich seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 schon fast die Hälfte der dort aktiven deutschen Unternehmen zurückgezogen. Nach Angaben des DIHK haben derzeit noch 3600 deutsche Unternehmen eine Niederlassung in Russland.

Eine Frage der Moral

Hinzu kommt: Nach den jüngsten Sanktionen als Folge des Angriffskriegs auf die Ukraine hat es der Kreml nun auf ausländische Unternehmen im eigenen Land abgesehen. "Eine konkrete Maßnahme ist, dass man ausländische Tochterunternehmen verpflichtet hat, rückwirkend zum 1. Januar dieses Jahres 80 Prozent ihrer Devisen-Einnahmen zwangsweise in Rubel umzutauschen", so Rechtsexperte Knaul von Rödl & Partner. Also in eine Währung, die im freien Fall ist.

Und so ist es aktuell auch wirtschaftlich fraglich, ob sich ein Engagement in Russland weiter lohnt. Ganz oben dürfte aber bei den meisten Unternehmen die moralische Frage stehen. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, hat die Haltung vieler Verantwortlicher mit Blick auf Russland deutlich gemacht. Da herrsche die Meinung: Mit diesem Regime kann man keine Geschäfte mehr machen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 03. März 2022 um 16:50 Uhr.