Fluglotse der Deutschen Flugsicherung arbeitet im Tower | picture alliance / dpa

Deutsche Flugsicherung Sparkurs bei den Fluglotsen

Stand: 11.05.2021 15:48 Uhr

Wegen der Corona-Krise hat sich 2020 in Deutschland die Zahl der Starts, Landungen und Überflüge halbiert. Die Deutsche Flugsicherung muss sparen - ohne die Sicherheit zu gefährden.

Von Sandra Scheuring, HR

Auch im Tower ist Corona allgegenwärtig - schon rein optisch. Denn die Lotsinnen und Lotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) sitzen getrennt durch Plexiglaswände. Ihre Schichten sind so aufeinander abgestimmt, dass die Teams möglichst wenig durchmischt werden. Beinahe alle administrativen Mitarbeiter arbeiten im Homeoffice. Lotsen, Flugdatenbearbeiter und Techniker aber müssen vor Ort sein.

Sandra Scheuring

Um einen sicheren Betrieb aufrechtzuerhalten, braucht es auch in Krisenzeiten 70 Prozent der Lotsen und 90 Prozent der Techniker. Die eigentlichen Corona-Verwerfungen macht jedoch der Blick auf die Monitore deutlich: Statt eines Gewirrs aus vielfach durchkreuzten Linien sieht es übersichtlich aus.

Wenig los am Himmel

Wie die DFS am Sitz in Langen bei Frankfurt bekannt gab, kontrollierte sie im vergangenen Jahr nur 1,46 Millionen Flüge; im Vorkrisenjahr 2019 waren es noch 3,3 Millionen Flüge gewesen. Das bedeutet einen Rückgang um rund 56 Prozent und Einnahmeverluste für die bundeseigene Gesellschaft von rund 560 Millionen Euro.

Passagierflughäfen waren ungleich härter betroffen als Fracht-Drehkreuze. Letztere verzeichneten wegen des Online-Booms, aber auch wegen des weltweiten Handels mit Masken und Impfstoff ein stabiles Geschäft.

Die Auswirkungen der Corona-Flaute werden noch lange spürbar bleiben. Nach den Prognosen der DFS bleibt der Luftverkehr in diesem Jahr auf niedrigem Niveau. Erst 2025 werde das Vorkrisenniveau wieder erreicht werden können, so der Vorsitzende der Geschäftsführung Arndt Schoenemann. In Europa hinke man durch lange Lockdowns der weltweiten Entwicklung hinterher und müsse sich auf eine längere Erholungsphase einstellen als beispielsweise in Nordamerika und China.

Arndt Schoenemann, CEO Deutsche Flugsicherung | Deutsche Flugsicherung

Der CEO der DFS, Arndt Schoenemann, hofft darauf, auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten zu können. Bild: Deutsche Flugsicherung

Flugsicherung baut Personal ab

Die Krise wirkt sich auch auf die derzeit 5600 beschäftigten Mitarbeiter aus. Bis zum Jahr 2024 streicht die DFS rund 270 Lotsenstellen. Hinzukommen sollen weitere 400 Stellenstreichungen im Gesamtunternehmen. Die Flugsicherung muss laut Geschäftsführung 20 Prozent effektiver werden - das heißt: Geld einsparen. Allerdings soll der Personalabbau ohne betriebsbedingte Kündigungen ablaufen. "Zum heutigen Stand sind wir optimistisch, dass wir weitere Abgänge über die natürliche Fluktuation erreichen können", so Schoenemann.

Dabei soll die Altersstruktur helfen. Denn die sogenannten Boomer-Jahrgänge werden von 2022 an verstärkt ausscheiden. Ältere Fluglotsen können künftig mit 52 abschlagslos in Frührente gehen. "Dies macht nicht nur absolut Sinn, sondern es wäre ja schon fast fahrlässig in einer Situation, in der der Flugverkehr eingebrochen ist und ein Personalüberhang besteht, nicht zu solchen Lösungsansätzen zu greifen", bewertet Jan Janocha, Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung GdF, das ausgehandelte Modell.

Kein schneller Jobabbau

Wichtig sei jedoch, einen Personalpuffer vorzuhalten. Denn Lotsen-Stellen könne man nicht kurzfristig der Nachfrage anpassen. "Es gibt keine 'fertigen Lotsen' am Markt. Einen Lotsen auszubilden, dauert rund vier Jahre. Selbst bei Versetzungen an andere deutsche Standorte benötigen die Lotsen dann noch sogenannte Zulassungen, die erst vor Ort gemacht werden können", so Janocha.

Für die Azubis ergibt sich ein geteiltes Bild. Ausbildungsplätze sollen eingespart werden - für die eingestellten Azubis bedeutet das eine recht gute Perspektive.

Das sieht auch Carolin Utz so. Sie wird zur Fluglotsin ausgebildet und ist im ersten Jahr dabei. Ihre Übernahmechancen schätzt sie positiv ein. "In den kommenden Jahren scheiden viele Fluglotsinnen und Fluglotsen aus Altersgründen aus dem aktiven Dienst bei der DFS aus", sagte sie. "Da die DFS bis Mitte des Jahrzehnts mit einer Erholung des Luftverkehrs auf das Niveau vor der Corona-Pandemie rechnet, müssen diese Positionen nachbesetzt werden."

Hoffnung auf Trendumkehr durch Impfungen

Schon im Sommer rechnet das DFS-Prognoseteam mit touristischen Flügen auf einem Niveau von fast 50 Prozent des Vorkrisenjahres 2019. Grund sind die Impfungen, die in Deutschland, aber auch im Rest Europas anziehen. Am Beispiel von Großbritannien kann man beobachten, dass sich das positiv auf das Buchungsverhalten der Passagiere auswirkt. Mit einem großen Fragezeichen versehen sind die Prognosen für den Geschäftsreiseverkehr: "Video statt Flug" könnte künftig das Motto für viele Unternehmen lauten.