Zentrale der Deutsche Bank in Frankfurt | AP

Deutsche-Bank-Oberaufseher Achleitners Abschied mit Selbstkritik

Stand: 19.05.2022 17:33 Uhr

Oft flogen bei Hauptversammlungen der Deutschen Bank die Fetzen. Diesmal wurden überraschend versöhnliche Töne angestimmt, als sich der langjährige Aufsichtsratschef Paul Achleitner verabschiedete.

Von Ursula Mayer, HR

Während es bei früheren Hauptversammlungen oft Kritik hagelte, gab es diesmal sogar Applaus für den scheidenden Chefkontrolleur der Deutschen Bank, Paul Achleitner. Dabei nahm der 65 Jahre alte Österreicher kein Blatt vor dem Mund. In seiner Rede erinnerte er sich an seinen Amtsantritt vor zehn Jahren. Damals sei das Vertrauen in die Bank bereits beschädigt gewesen. Zudem hätten sich die Banker selbst überschätzt, meinte Achleitner. "Das überhöhte Selbstbild stand dem so dringend erforderlichen Wandel im Weg", sagte er.

Jahre voller Skandale und Rechtsstreitigkeiten

In der Ära Achleitner kam ein Skandal nach dem anderen ans Tageslicht: Seien es dubiose Hypothekengeschäfte, Zinsmanipulationen oder Geldwäschevorwürfe. Die Bank war in immer neue Rechtsstreitigkeiten verwickelt, für die sie teils horrende Strafen zahlen musste oder sich auf teure Vergleiche einigte. Insgesamt wurden rund 18 Milliarden Euro fällig. Zwischenzeitlich befürchteten Finanzexperten sogar, die hohen Strafen könnten Deutschlands größtes privates Geldhaus in Schieflage bringen.

"Auch ich habe Fehler gemacht", räumte Achleitner in dem Zusammenhang ein. Aber man habe die Bank in diesen zehn Jahren wieder aufs richtige Gleis gesetzt. Erst loteten die Banker 2019 eine Fusion mit der Commerzbank aus, verwarfen die Pläne aber wieder. Dann folgte ein tiefgreifender Konzernumbau, bei dem Tausende Jobs wegfielen. Harte Einschnitte gab es insbesondere im Investmentbanking, wo die meisten Rechtsprobleme ihren Ursprung hatten.

Paul Achleitner | dpa

"Auch ich habe Fehler gemacht", sagte der scheidende Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Bild: dpa

Rückkehr zu Milliardengewinnen

Trotzdem bleibt die zurechtgestutzte Geschäftssparte die wichtigste Geldquelle der Bank und die sprudelte zuletzt ordentlich. Nach Jahren mit Milliardenverlusten konnte das Geldhaus im vergangenen Jahr erstmals wieder einen Milliardengewinn erzielen: Unter dem Strich blieben 1,9 Milliarden Euro hängen.

An diesem Erfolg will Bankenchef Christian Sewing die Aktionäre teilhaben lassen. "Wir schlagen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2021 eine Dividende von 20 Cents je Aktie vor", sagte Sewing. In den zwei Jahren davor waren die Aktionäre dagegen leer ausgegangen.

Kaum Kritik an Achleitner wegen der Skandale

Trotz der zuletzt positiven Entwicklung sieht der Vorstandsvorsitzende weiteren Handlungsbedarf, etwa im Kampf gegen Finanzkriminalität. Vor knapp einem Monat hatte es bei der Bank erst wieder eine Razzia gegeben, im Zusammenhang mit Geldwäscheverdachtsmeldungen, die das Institut abgegeben hatte. Laut Staatsanwaltschaft Frankfurt laufen aktuell die Ermittlungen.

Für die Skandale wird Chefkontrolleur Achleitner auf der Hauptversammlung kaum verantwortlich gemacht. Aktionärsschützer Klaus Nieding kritisiert lediglich, dass der Oberaufseher in seiner Zeit zwar die Chefs der Bank mehrmals ausgewechselt habe, aber mit mancher Personalentscheidung zu lange gewartet habe. "An Anshu Jain oder John Cryan haben Sie zu lange festgehalten", meint Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Union Investment rügt Kursverlust in der Ära Achleitner

Härter fällt die Kritik von Großaktionär Union Investment aus. Fondsmanagerin Alexandra Annecke stellt Achleitner als Wertvernichter hin. In seiner Amtszeit sei der Aktienkurs massiv gefallen. Selbst wenn man die Dividende einrechnet, hätten die Aktionäre in der Zeit mehr als die Hälfte ihres investierten Geldes verloren.

Wynaendts Aufstieg zum Aufsichtsratschef erwartet

Achleitners Nachfolger Alexander Wynaendts wirft Annecke vor, er habe zu viele Ämter. Unter anderem ist der Niederländer noch im Aufsichtsrat von Air France KLM und Citigroup.

Trotzdem wurde Wynaendts in den Aufsichtsrat gewählt. Auf dem virtuellen Treffen erhielt der ehemalige Chef des niederländischen Versicherers Aegon eine Stimmenmehrheit von 97,84 Prozent für den Einzug in das Gremium. Die Wahl zum Vorsitzendes Aufsichtsrats gilt nun nur noch als Formsache.

Alexander Wynaendts | dpa

Alexander Wynaendts tritt die Nachfolge an. Bild: dpa

Für die zuletzt positive Entwicklung der Bank gab es wiederum Lob. Allerdings merkte Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger an: "Es fehlt die Nagelprobe, ob diese Entwicklung nachhaltig ist."

Mehr Nachhaltigkeit forderten darüber hinaus Klimaaktivisten. Bereits am Morgen vor der Hauptversammlung hatten sie vor der Zentrale der Bank Waschmaschinen aufgestellt, aus denen grüner Schaum quoll. Ihr Vorwurf: Die Bank betreibe Greenwashing und finanziere immer noch Unternehmen, die von fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas profitieren würden.

Vorwürfe, die aus Sicht der Bank nicht nachvollziehbar sind. Dort heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme, es sei nichts gewonnen, wenn sich die Banken einfach zurückziehen würden. Sinnvoller sei es, mit den Kunden gemeinsam Konzepte zu erarbeiten, wie sie nachhaltig CO2 reduzieren könnten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Mai 2022 um 17:23 Uhr.