ICE der Deutschen Bahn im Frankfurter Hauptbahnhof

Konzern in der Krise Bahn erwartet erst 2022 wieder Gewinne

Stand: 25.03.2021 17:16 Uhr

Bei der Deutschen Bahn ist wegen der Corona-Krise ein Rekordverlust von 5,7 Milliarden Euro aufgelaufen. Auch dieses Jahr dürfte der Konzern tiefrote Zahlen schreiben. Politiker fordern eine Aufspaltung.

Die Reisebeschränkungen im Corona-Jahr 2020 haben der Deutschen Bahn wie erwartet ein katastrophales Geschäftsjahr eingebrockt. Vor allem wegen des Einbruchs der Passagierzahlen ist unter dem Strich ein Verlust von 5,7 Milliarden Euro entstanden, wie der Staatskonzern bestätigte. Der Umsatz sackte um zehn Prozent auf knapp unter 40 Milliarden Euro ab. 2019 konnte die Bahn noch einen Reingewinn von fast 700 Millionen Euro ausweisen.

Bereits in der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass die Deutsche Bahn 2020 den höchsten Verlust ihrer Geschichte eingefahren hat. Danach sind rund vier Milliarden Euro auf die Coronakrise und den damit verbundenen Einbruch der Passagierzahlen zurückzuführen. Trotz des Rückgangs musste die Bahn auf Wunsch der Bundesregierung ihr Angebot im Lockdown weitgehend aufrechterhalten.

Mehr als 30 Milliarden Euro Schulden

Konzernkreisen zufolge fuhren 2020 nur noch 81 Millionen Menschen im Fernverkehr mit der Bahn. 2019 waren es mit gut 150 Millionen fast doppelt so viele. Im Nahverkehr gingen die Passagierzahlen um fast 40 Prozent zurück. Belastet wird die Bilanz des vergangenen Jahres auch durch den gescheiterten Verkauf der Auslandstochter Arriva. Die Bahn musste auf das Unternehmen, in dem der Nahverkehr in Europa gebündelt ist, 1,4 Milliarden Euro abschreiben, was den Konzernverlust weiter erhöhte.

Einziger Lichtblick war die Speditionstochter Schenker. Sie profitierte von der Corona-Krise. Auch wegen des guten Geschäfts mit der Luftfracht konnte sie ein Vorsteuerergebnis von über 700 Millionen Euro erzielen - was mehr ist als je zuvor.

Der Einbruch der Passagierzahlen bei unverändertem Angebot hat die Verschuldung des Staatskonzerns weiter nach oben getrieben. Konzernkreisen zufolge wurde die Marke von 30 Milliarden Euro überschritten, gut fünf Milliarden mehr als im Vorjahr. Tatsächlich war die Bahn bereits vor der Corona-Krise hoch verschuldet, konnte ihre Investitionen aus eigenen Mitteln nicht mehr finanzieren. Im Schienen-Güterverkehr hat sie gut die Hälfte ihrer Marktanteile verloren. Dagegen soll sich bis 2030 die Zahl der Fahrgäste verdoppeln, was enorme Investitionen erfordert.

Mangelnde Qualität und Effizienz

Eine Trendwende ist auch dieses Jahr nicht in Sicht. Zwar erwartet Konzernchef Richard Lutz eine leichte Besserung. "Ich bin ganz sicher: Die Menschen werden in unsere Züge zurückkehren und auch ihre Güter mehr denn je umweltfreundlich auf der Schiene befördern", sagte er. Dennoch seien "erneut beträchtliche Verluste zu erwarten". Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf Konzernkreise, dass mit einem Verlust vor Zinsen und Steuern von 2,5 Milliarden Euro gerechnet werden müsse. Der Bahnvorstand spricht von einem Betriebsverlust von zwei Milliarden Euro. Eine Rückkehr in die Gewinnzone ist erst für 2022 zu erwarten.

Ohne weitere Hilfen vom Eigentümer wird die Bahn also nicht auskommen können. Eine Kapitalspritze von fünf Milliarden Euro hat die Bundesregierung dem Unternehmen bereits zugesagt, weitere Milliarden sollen aus dem Klimapaket fließen. Beide Vorhaben werden derzeit noch von der EU-Kommission auf mögliche Nachteile für die Konkurrenz geprüft.

Dabei sei die Pandemie keine taugliche Ausrede für den tiefrot gefärbten Geschäftsbericht der Bahn, monieren die im Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) gebündelten Konkurrenzbahnen. Vielmehr leide die Bahn seit Jahren an Qualität und Effizienz, so NEE-Geschäftsführer Peter Westenberger. "Ein Gewinnrückgang um mehr als sechs Milliarden Euro ist keine unausweichliche Folge der Corona-Pandemie, sondern in erster Linie ein Mix aus verschleierten Fehlinvestments und sinkender Produktivität", schreibt Westenberger in einer Stellungnahme.

Politiker wollen die Bahn aufspalten

Die Güterbahn DB Cargo mit ihren hohen Verlusten (728 Millionen im letzten Jahr) vergleicht Westenberger mit einer "Bad Bank", in der faule Kredite gebündelt werden, die hohe Verluste verursachen. Doch statt den Geschäftszweig zu sanieren, scheine sich die Bahnführung darauf zu verlassen, innerhalb des Konzerns zu verrechnen, der wiederum auf die Eigenkapitalspritze des Bundes spekuliere. Besserung ist nicht in Sicht: Der Verband NEE erwartet, dass es aus strukturellen Gründen 2021 für die Güterbahnen noch schlimmer kommen wird als 2020.

Auch aus der Politik hagelt es Kritik an der Bahn. "Die Deutsche Bahn befindet sich bereits seit Jahren wirtschaftlich im rasanten Sinkflug. Dank Corona-Krise ist daraus ein Sturzflug geworden", sagte Grünen-Verkehrsexperte Matthias Gastel. Wie die FDP wollen auch die Grünen den Konzern zerlegen und die Bahn in einen staatlichen Teil mit dem Schienennetz (Brücke, Bahnhöfe und Gleise) und den Fahrbetrieb aufspalten. Die verschiedenen DB-Gesellschaften arbeiteten häufig gegeneinander. Stattdessen wollen die Grünen eine "DB Transport" und eine "DB Infrastruktur" gründen.

"Ohne einen energischen Kurswechsel droht ein Milliardenschaden für die Steuerzahler", sagt auch der FDP-Experte Torsten Herbst. Auch die Union will das Schienennetz aus dem Konzern herauslösen und etliche der Tochterfirmen abstoßen. Ein "gravierendes Problem" bei der DB seien Hunderte Tochterfirmen, kritisiert bereits im letzten Jahr Unionsfraktionsvize Ulrich Lange. Die Auslandstochter Arriva müsse verkauft werden, "auch bei der Speditionstochter Schenker würde ich einen Prüfauftrag dahintersetzen". Die Bahn brauche auch keine Beteiligung an Drohnenlandeplätzen in Singapur und Los Angeles.

Mehr Züge zu Ostern

Es gilt als sicher, dass bei Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl im September das Thema wieder auf den Tisch kommt. Bahnchef Richard Lutz, dessen Vertrag bis 2027 verlängert wurde, lehnt eine Aufspaltung des Konzerns ab. Er will an der Aufstellung des Unternehmens in seiner jetzigen Form festhalten. Und verspricht Verbesserungen bereits in diesem Jahr.

Dazu beitragen sollen auch die im laufenden Jahr geplanten Investitionen in Höhe von 12,7 Milliarden Euro in die Modernisierung des Schienennetzes. Auch die Einstellungsoffensive geht weiter. Gespart werden soll unter anderem bei den Personalkosten. Mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft einigte sich die Arbeitgeberseite bereits im vergangenen Jahr auf eine Nullrunde für 2021. Erst im kommenden Jahr sollen Löhne und Gehälter um 1,5 Prozent steigen. Die Tarifverhandlungen mit der konkurrierenden Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) stehen allerdings noch aus.

Auf die höhere Nachfrage an den kommenden Feiertagen will die Bahn mit einer Ausweitung des Angebots begegnen. Aus den bisherigen Einfachzügen sollen wieder Doppelzüge werden. An den besonders verkehrsintensiven Ostertagen sollen zudem Sonderzüge zum Einsatz kommen. Personenverkehrsvorstand Berthold Huber erwartet eine durchschnittliche Auslastung von 25 bis 30 Prozent. Das entspreche etwa 35 bis 40 Prozent des Niveaus, das die Bahn zu normalen Osterzeiten verzeichnet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. März 2021 um 11:40 Uhr und 12:40 Uhr in der Wirtschaft.