Fläschchen eines COVID-19-Impfstoffs stehen auf einem Glastisch.

Rennen um "Impfstoffe 2.0" Wer gewinnt den Kampf gegen die Mutanten?

Stand: 18.05.2021 10:26 Uhr

Während die meisten Menschen noch auf ihre Impfung warten, arbeiten die Hersteller bereits an der nächsten Generation von Vakzinen, die gegen die Covid-Varianten helfen sollen. Wer ist beim Impfstoff 2.0 vorn?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

B 1.1.7, B 1.351, P.1 oder B 1.617.2 - hinter diesen Zahlenkombinationen verbergen sich teils noch ansteckendere Varianten des Coronavirus, die Mediziner und Politiker in Unruhe versetzen. Vor allem die brasilianische Variante P.1 gilt als hoch gefährlich. Besorgniserregend ist auch die indische Variante B.1.617.2, die nach Ansicht britischer Experten leichter übertragbar als die bisher vorherrschenden Virus-Varianten sein soll.

Angst vor Mutanten

"Das Virus macht uns gerade klar, dass es noch eine ganze Menge Mutationen auszuwerfen plant", warnt Pandemie-Experte Jesse Goodman von der Georgetown-Universität und früherer Chefwissenschaftler der US-Zulassungsbehörde FDA. So lange die meisten Menschen auf der Welt noch nicht geimpft sind, kann sich das Virus weiter verbreiten und mutieren.

Forscher befürchten, dass die bisher verfügbaren Impfstoffe an Wirksamkeit verlieren könnten, wenn sich das Virus zu stark verändert. Deshalb arbeiten die Impfstoffhersteller mit Hochdruck an der Entwicklung der nächsten Generation von Vakzinen, die die Menschheit gegen Mutationen schützen soll.

CureVac prescht mit GSK voran

Der Tübinger mRNA-Spezialist CureVac, der noch immer nicht die Zulassung für seinen ersten Impfstoff in der EU beantragt hat, hat schon weitreichende Schritte in Richtung der zweiten Generation getan. Ende des zweiten Quartals soll es mit dem ersten Impfstoff endlich soweit sein. Schon im Februar ist CureVac eine Kooperation mit dem britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline (GSK) für den Impfstoff 2.0 eingegangen. GSK zahlt bis zu 150 Millionen Euro an CureVac und darf dafür den künftigen Impfstoff in allen Ländern außerhalb des deutschsprachigen Raums vermarkten. "Mit der Unterstützung der Impfstoffexpertise von GSK werden wir in der Lage sein, auch zukünftige Gesundheitsherausforderungen mit neuartigen Impfstoffen zu bekämpfen", so CureVac-Chef Franz-Werner Haas.

Die klinischen Studien mit der neuen Impfstoff-Generation sollen voraussichtlich im dritten Quartal beginnen. Erste Untersuchungen an geimpften Tieren waren vielversprechend: Der neue CureVac-Impfstoff, der die aktuelle Immunantwort schneller und effektiver machen soll, zeigte sich besonders wirksam gegen die dänische, britische und südafrikanische Variante.

Vermutlich als erstes dürfte der Tübinger Impfstoff 2.0 in Großbritannien verfügbar sein, falls die Studien erfolgreich laufen. CureVac hat mit der britischen Regierung eine Kooperation vereinbart und liefert 50 Millionen Dosen ins Vereinigte Königreich. London hat eine rasche und unkomplizierte Notfallzulassung für neue Impfstoffansätze in Aussicht gestellt.

Moderna testet drei Auffrischungsimpfungen

Auch Konkurrent Moderna tüftelt am Impfstoff der zweiten Generation. Laut Europachef Dan Staner untersucht das Unternehmen drei verschiedene Auffrischungsimpfungen: eine gegen das ursprüngliche im chinesischen Wuhan aufgetretene Virus und eine gegen die südafrikanische Variante. Beim dritten Vakzin testen die Moderna-Forscher verschiedene mRNA-Stränge, die sich sowohl gegen das Wuhan-Virus, als auch gegen die britische und südafrikanische Variante richten. Falls alles glatt läuft, könnten die Vakzine schon im Oktober zugelassen und im vierten Quartal auf den Markt kommen, sagte Staner dem "Handelsblatt".

Für 2022 stellt Moderna drei Milliarden Impfdosen in Aussicht. Australien hat sich bereits 15 Millionen Dosen des Auffrischungsimpfstoffs gesichert.

BioNTech setzt auf Variantenanpassungen

Mit Varianten-Impfstoffen beschäftigt sich ebenfalls BioNTech. Das Mainzer Unternehmen hat in den USA dazu - wie Moderna - bereits Studien gestartet. "Die Variantenanpassung wird eine neue Wissenschaft sein", prophezeit BioNTech-Chef Ugur Sahin. Gegenüber Analysten und Journalisten weist er stets auf den riesigen Bedarf von "Boosts", also Auffrischimpfungen hin.

Und was ist mit AstraZeneca, dem in Verruf geratenen Impfstoffhersteller? Die Briten sind ebenfalls schon fleißig an der Erforschung eines Vakzin-Updates. "Wir arbeiten an Impfstoffen der nächsten Generation und wollen diese so schnell wie möglich herstellen", verkündete im Februar Forschungschef Meine Pangalos. Sie sollen bis Herbst fertig sein. Allerdings dürfte für die Herstellung eines solchen Updates eine weitere Produktionslinie notwendig sein. Das erhöhe den Aufwand, weiß Pangalos.

Wettlauf der Staaten um den nächsten Impfstoff

Das globale Wettrennen der Staaten um die Impfstoffe der nächsten Generation hat längst begonnen. Die USA, Großbritannien und Israel, die beim ersten Impfstoff am schnellsten zugriffen und ihre Bevölkerung schnell durchimpften, verhandeln bereits fleißig über die Dosen für nächstes Jahr. Großbritannien setzt auf AstraZeneca, CureVac und die Expertise der Forscher in Oxford und Cambridge. Ende 2021 wird das Vereinigte Königreich über zwei zusätzliche Produktionsstandorte verfügen. Die neue Regierung in den USA hat im Rahmen des 1,9-Billionen-Dollar-Hilfspakets knapp 20 Milliarden Dollar für Corona-Impfungen vorgesehen, davon 1,8 Milliarden für die Varianten-Überwachung.

Die EU will nicht nochmals den Fehler des letzten Jahres wiederholen und zu spät Impfstoffe bestellen. Deshalb hat Brüssel im Mai bereits den Vertrag mit BioNTech/Pfizer verlängert. 900 Millionen Dosen mit den Impfstoffen der zweiten Generation wurden bis 2023 bestellt - mit der Option auf 900 Millionen zusätzliche Dosen. Weitere Verträge mit anderen Unternehmen sollen folgen. Ob AstraZeneca dazu gehört, ist fraglich. Der Vertrag mit AstraZeneca wurde vorerst nicht über den Monat Juni hinaus verlängert.

Diesmal zeigte sich Brüssel großzügig. Wie die Tageszeitung "Die Welt" erfahren haben will, zahlt die EU für die Impfstoffe 2.0 von BioNTech/Pfizer 23,20 Euro pro Dosis - 7,70 Euro mehr als bisher.

BioNTech/Pfizer hat die Nase weltweit vorn

Durch den Megadeal mit der EU dürfte BioNTech/Pfizer auch bei den Impfstoffen der nächsten Generation Marktführer bleiben. Die Mainzer haben vor einer Woche angekündigt, 2022 über drei Milliarden Dosen zu produzieren. Für dieses Jahr sind bereits drei Milliarden Dosen geplant. Konkurrent Moderna wird 2021 bestenfalls 800 Millionen bis eine Milliarde Dosen liefern können. 2022 fährt die US-Biotech-Firma ihre Produktion dann aber massiv hoch. Für das kommende Jahr will Moderna bis zu drei Milliarden Dosen bereitstellen - mehr als doppelt so viel wie bislang angepeilt.

BioNTech/Pfizer peilen gemeinsam für 2021 einen Umsatz mit dem Impfstoff Comirnaty von 36 Milliarden Dollar (davon BioNTech zehn Milliarden Dollar) an. Moderna rechnet mit 19,2 Milliarden Dollar.

Der Traum vom Universalimpfstoff

Die Auffrischungsimpfstoffe sollen aber nur eine Zwischenetappe sein. Pharmafirmen und Wissenschaftler arbeiten bereits an einem Universalvakzin für künftige Pandemien. Durch die beschleunigte Impfstoffforschung in der Corona-Pandemie ist der Traum vom Supermittel gegen alle Coronaviren vielleicht bald keine Utopie mehr. Mithilfe bestimmter Antikörper könnten Impfstoffe entwickelt werden, die gleichzeitig gegen viele Virenstämme und neue Erreger schützen. BioNTech-Chef Sahin freilich ist skeptisch. Gegenüber dem "Kölner Stadtanzeiger" sagte er: "Die Natur wird immer gegen universelle Impfstoffe arbeiten."

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 23. April 2021 um 16:34 Uhr und die ARD in der Sendung Brisant am 11. Mai 2021 17:15 Uhr