Eine Spritze enthält den Corona-Impfstoff von CureVac | REUTERS

CureVac Vom Hoffnungsträger zum Nachzügler

Stand: 24.03.2021 08:44 Uhr

Virusmutationen treiben die dritte Corona-Welle in Deutschland - und machen es Impfstoffentwicklern schwer. Die EMA verlangt von CureVac & Co. genaue Daten zur Wirksamkeit bei Mutanten.

Von Tim Diekmann, SWR

Im Frühjahr 2020 ist die Nervosität in Tübingen spürbar: Fremde werden schon auf dem Besucherparkplatz des Impfstoffherstellers CureVac von einem privaten Sicherheitsdienst abgefangen. Vor wenigen Tagen hat das Gerücht die Runde gemacht, dass US-Präsident Donald Trump das deutsche Biotechunternehmen exklusiv an die USA binden wolle. In Medienberichten ist die Rede von einer Milliarde Dollar. Von einem auf dem anderen Tag wird CureVac weltweit bekannt, steht für Hoffnung im Kampf gegen das noch weitgehend unerforschte Coronavirus.

Tim Diekmann

"Im rollierenden Zulassungsverfahren"

Ein Jahr später ist es ruhig um den einstigen Hoffnungsträger aus Süddeutschland geworden. Zur exklusiven Zusammenarbeit mit den USA kam es nicht - vielleicht auch deshalb, weil das Übernahmeinteresse von Trump nur ein Gerücht war? CureVac zumindest wird nicht müde zu dementieren, dass es ein US-Angebot gegeben habe.

Statt den USA investiert nun der deutsche Staat Millionen in CureVac. Aber während Mitbewerber aus Mainz, Großbritannien und den USA ihre Impfstoffe schon auf den Markt gebracht und millionenfach verimpft haben, wird in Tübingen noch an der Zulassung gearbeitet.

Man komme gut voran, heißt es in diesen Tagen aus der Unternehmenszentrale in Tübingen. Einen Großteil der 36.000 Probanden für die zulassungsrelevante Phase 2b/3 habe man inzwischen rekrutiert - in Europa und Lateinamerika. "Wir befinden uns bereits in einem rollierenden Zulassungsverfahren bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA", heißt es auf Anfrage von tagesschau.de von einem CureVac-Sprecher, "und [wir] beabsichtigen im zweiten Quartal dieses Jahres, das finale Datenpaket einzureichen." Der Impfstoff mit dem Namen "CVnCoV" könnte im Juni in der EU zugelassen werden - und damit rund sechs Monate nach den ersten Impfungen mit dem Vakzin von BioNTech/Pfizer.

Hat CureVac sich selbst überschätzt?

Aber wie konnte es passieren, dass der einstige deutsche Vorreiter und Erfinder der mRNA-Technologie im Rennen um einen Corona-Impfstoff längst den Anschluss verloren hat? "CureVac war zum Beginn der Impfstoffentwicklung im Management noch nicht so gut aufgestellt", ist Wolf-Dieter Ludwig überzeugt. Der Mediziner ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Ludwig glaubt, dass Mitbewerber BioNTech aus Mainz besser mit dem plötzlichen Erwartungsdruck umgegangen ist: "BioNTech hat früh von der Kooperation mit Pfizer profitiert."

CureVac hingegen hat erst im Januar einen Kooperationsvertrag mit der Leverkusener Bayer AG unterzeichnet. Der Pharmariese unterstützt den Newcomer unter anderem bei der Studiendurchführung und im Zulassungsprozess. Denn gerade die Zusammenarbeit mit EU-Regulatoren ist für die Tübinger Neuland.

EMA passt Zulassungsanforderungen an

Die Erfahrung von Bayer könnte sich für CureVac in diesen Tagen besonders auszahlen. Denn mit der durchschlagenden Kraft von Virusmutationen hat sich auch die Pandemie verändert. Das unter Wissenschaftlern "Wuhan-Virus" genannte Ursprungsvirus wird zurückgedrängt, ansteckendere Mutanten grassieren.

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat die Anforderungen für eine Impfstoff-Zulassung inzwischen angepasst. In einer schriftlichen Stellungnahme an tagesschau.de heißt es: "Die Agentur hat alle Impfstoffentwickler aufgefordert, zu untersuchen, ob ihr Impfstoff gegen neue Virusvarianten Schutz bieten kann." Die Unternehmen seien zudem aufgefordert, entsprechende Daten vorzulegen.

Darin sieht der Arzneimittelkommissions-Vorsitzende Ludwig aber auch einen Stolperstein: "Die Zunahme impfresistenter Virusmutanten könnte die Wirksamkeit des Impfstoffs von CureVac verringern. Für CureVac könnte dies bedeuten, dass die Wirksamkeit schlechter ausfallen würde als bei den bereits zugelassenen Impfstoffen."

Mehr Geimpfte, weniger Probanden

In der Praxis bedeutet die Entscheidung der EMA erstmal, dass CureVac noch mehr Daten erheben muss. Jede Covid-19-Erkrankung, die während der klinischen Studien auftritt, muss genau untersucht und das Virus sequenziert werden. CureVac teilt dazu mit: "Für die Auswertung unserer Studie und Bewertung der Wirksamkeit unseres Vakzins benötigen wir eine bestimmte Anzahl an Infektionen für jeweils einen Virustyp, um eine statistisch relevante Größenordnung zu erreichen. Dazu müssen wir wissen, mit welchem Virus wir es jeweils zu tun haben - deshalb nehmen wir die Sequenzierung vor."

Dass man nun die Erreger auch sequenzieren müsse, sei aber kein Nachteil, betont der Studienleiter für den CureVac-Impfstoff Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen: "Die Einschätzung, dass wir länger brauchen, weil unsere Studien stärker unter dem Einfluss von Virusvarianten stehen, teile ich nicht." Bemerkbar mache sich hingegen die Tatsache, dass immer mehr zugelassene Impfstoffe verfügbar sind und immer mehr - geimpfte - Menschen als potenzielle Probanden ausscheiden.

Gnade der späten Zulassung?

Läuft ab jetzt alles nach Plan, könnten die ersten Patienten im Sommer mit dem CureVac-Vakzin geimpft werden. Spät, aber nicht unbedingt zu spät. Schließlich könnte CVnCoV bis dahin mit großer Datenbasis zeigen, wie effektiv der Impfstoff gegen Mutanten wirken kann. Einen ersten Erfolg präsentierte CureVac diese Woche: Neueste Untersuchungen bei Mäusen belegten bereits, dass CVnCoV auch effektiv vor der südafrikanischen Virusvariante schütze, teilte die Firma mit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. März 2021 um 07:15 Uhr.