Logo des Biotech-Unternehmens CureVac auf einem Kittel | dpa

CureVac gegen BioNTech Pionier oder schlechter Verlierer?

Stand: 14.07.2022 08:12 Uhr

CureVac galt einst als großer Hoffnungsträger - doch BioNTech machte das Rennen um den mRNA-Impfstoff gegen Covid-19. Jetzt wirft CureVac dem Konkurrenten Patentrechtsverletzungen vor. Was steckt dahinter?

Von Cecilia Knodt und Thomas Denzel, SWR

Zu Beginn der Covid-19-Impfstoffentwicklung bekundete der damalige US-Präsident Donald Trump großes Interesse daran, das deutsche Forschungsunternehmen CureVac in die USA zu holen. Doch daraus wurde nichts: Die EU schritt ein, der deutsche Staat wurde Hauptanteilseigner.

Cecilia Knodt
Thomas Denzel

Doch der mRNA-Impfstoff aus dem Hause CureVac wurde nicht zur erhofften Erfolgsgeschichte. Der ursprüngliche Impfstoff-Kandidat scheiterte an der letzten klinischen Studie - zu einem Zeitpunkt, als ähnliche Produkte von BioNTech und Moderna schon längst weltweit verimpft wurden. Das Tübinger Biotech-Unternehmen versucht dennoch, auf dem Corona-Impfstoff-Markt weiter mitzumischen. CureVac hat nach eigenen Angaben Klage wegen Patentverletzung beim Landgericht Düsseldorf gegen BioNTech eingereicht.

Faire Anerkennung für geistiges Eigentum

Dem Tübinger Unternehmen geht es um das geistige Eigentum an vier Patenten, das verletzt worden sei. Sie betreffen den Aufbau und die Herstellung der mRNA-Sequenz, die für die Impfstoffe benötigt wird. CureVac-Sprecherin Sarah Fakih stellt klar: "Wir sehen ganz klar den Beitrag von CureVac, der ermöglicht hat, so schnell den BioNTech-Impfstoff auf den Markt zu bringen. Wir möchten, dass unser Beitrag fair anerkannt wird." BioNTech reagierte auf die Vorwürfe bisher mit einer schriftlichen Stellungnahme: "BioNTech respektiert geistige Eigentumsrechte. Die Arbeit von BioNTech ist originär, und wir werden sie entschieden gegen alle Anschuldigungen der Patentverletzung verteidigen."

Zu Beginn der Pandemie waren die beiden deutschen Biotech-Unternehmen im globalen Wettstreit um den Impfstoff so etwas wie stille Konkurrenten. Es herrschte eine Art Waffenstillstand. Im Dezember 2020 wurde der BioNTech-Impfstoff schließlich zugelassen.

Warum reicht CureVac gerade jetzt die Klage ein? "Zum Peak der Pandemie wären wir nicht auf die Idee gekommen, die Sache auf den Tisch zu bringen. Globale Impfkampagnen, Booster-Impfungen: In diese Maßnahmen wollten wir nicht reingrätschen. Jetzt, wo es eine bessere Kontrolle über die Pandemie gibt, war daher der richtige Zeitpunkt", so Unternehmenssprecherin Fakih. Sie hätten keine Absicht, den Zugang zu dem Impfstoff zu blockieren oder zu erschweren, so Fakih weiter. Das Unternehmen habe keine einstweilige Verfügung eingereicht, fordere kein Verbot der Patentnutzung oder den Produktionsstopp.

Es geht um Geld und "Hallo, wir sind noch da"

Worum dürfte es CureVac also gehen? Manuel Kunst ist Patentanwalt und promovierter Biochemiker aus Freiburg. Aus der Klage hört er heraus: "Sie wollen etwas vom Kuchen abhaben. CureVac braucht Geld. Andere Produkte sind schon in der Pipeline, zum Beispiel Impfstoffe gegen Krebs, und außerdem sind sie an sekundären Impfstoffen gegen COVID-19 dran - versuchen, damit doch noch auf den Markt zu kommen und zu zeigen: 'Hallo, wir sind auch noch da'."

Einst Hoffnungsträger auch für die Bundesregierung, ist CureVac eher als Verlierer aus der Pandemie hervorgegangen. Noch immer hat es kein Produkt auf den Markt gebracht. Während BioNTech Milliardengewinne macht und allein im ersten Quartal 2022 das Dreifache im Vergleich zum Vorjahr erwirtschaftete, macht CureVac weiterhin Verluste: im vorigen Jahr 412 Millionen Euro vor Steuern. Möglicher Schadenersatz oder Lizenzzahlungen könnten das Überleben von CureVac sichern. Wie hoch sich CureVac die geforderte "faire Vergütung" vorstellt, verrät die Tübinger Firma bisher nicht.

Netzwerk an Patenten

In der Medikamentenforschung ist es üblich, in sehr frühen Forschungsstadien und noch vor Beginn von Studien eigene Entdeckungen zu schützen. Erste Patente zur mRNA-Impftechnologie meldete Curevac-Mitbegründer Ingmar Hörr bereits 1999 an, ein Jahr vor der Firmengründung. Streitigkeiten um Patentrecht hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, stellt Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) fest: "Nicht, weil die Unternehmen streitlustiger geworden sind, sondern weil es um immer komplexere Moleküle oder Verfahren geht. Da ist es oft schwierig zu beurteilen, wo die Gültigkeit des einen Patents endet und die des anderen beginnt."

Im Zusammenhang mit den zugelassenen mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 gibt es bereits mehrere laufende Patentauseinandersetzungen. Anwalt Kunst spricht von einem regelrechten Netzwerk an Patentanmeldungen. Das US-Pharmaunternehmen Alnylam, welches mRNA-Technologie zur Heilung von Krankheiten nutzt, hat sowohl BioNTech als auch Moderna auf Schadenersatz verklagt. CureVac geht also nicht als erstes in den Rechtsstreit.

In den meisten Fällen endeten Patentklagen in der Pharmabranche allerdings im außergerichtlichen Vergleich. Das sei auch im Fall CureVac gegen BioNTech nicht auszuschließen. Eines hat CureVac in jedem Fall schon jetzt erreicht: Das Unternehmen hat sich wieder ins Gespräch gebracht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juli 2022 um 17:26 Uhr.