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CureVac-Impfstoff wenig wirksam Absturz eines Hoffnungsträgers

Stand: 17.06.2021 12:31 Uhr

Der Impfstoff von CureVac erweist sich als viel weniger wirksam als erhofft, die Aktie des Biotech-Unternehmens stürzt ab. Was bedeutet das für die Impfkampagne und deutsche Steuerzahler?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Für das Unternehmen CureVac und seine Eigner haben sich in den vergangenen Stunden dramatische Szenen abgespielt. Bereits im nachbörslichen US-Börsenhandel am Mittwoch hatte sich der Kurs des an der US-Technologiebörse Nasdaq notierten Tübinger Unternehmens halbiert. Heute früh rauschte die CureVac-Aktie dann im deutschen Handel um bis zu 52,4 Prozent in die Tiefe.

Acht Milliarden Euro an der Börse vernichtet

Damit wurden binnen weniger Minuten rund acht Milliarden Euro Börsenwert vernichtet. Dieser schmolz von über 15 bis auf gut sieben Milliarden Euro im Tief zusammen. Die drastische Kursreaktion zeigt, wie überraschend trotz aller vorhergehenden Zweifel solch verheerende Studiendaten, wie sie CureVac nun vorgelegt hat, am Ende kamen - und wie schwerwiegend die Folgen sein könnten.

In der Nacht zum Mittwoch hatte CureVac mitgeteilt, dass sein Impfstoffkandidat der ersten Generation CVnCoV nur eine Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Covid-19-Erkrankung jeglichen Schweregrads erzielt. Damit verfehlte das Unternehmen die vorgesehenen statistischen Erfolgskriterien für eine Zulassung.

Komplett raus aus der Impfkampagne?

Die Studie soll zwar fortgesetzt werden, auch könnte sich der Wirksamkeitsgrad bei höheren Fallzahlen noch ändern. Setzt sich der aktuelle Trend jedoch fort, ist eine Zulassung unwahrscheinlich. In diesem Fall wäre CVnCoV für das Unternehmen Experten zufolge ein totaler Flop.

Für die deutsche Impfkampagne fällt CureVac damit bis auf Weiteres aus. "Nach diesen Studienergebnissen wird es für CureVac extrem schwer, in der laufenden Impfkampagne überhaupt noch eine Rolle zu spielen", so LBBW-Analyst Timo Kürschner gegenüber tagesschau.de.

Laut Bundesregierung bringt der Rückschlag für die Tübinger Firma die Impfungen in Deutschland aber nicht durcheinander. "Eine Auswirkung auf das Tempo unserer Impfkampagne hat diese Mitteilung nicht", sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums.

Andere Hersteller holen weiter auf

Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern kommt es bei der Entwicklung von Impfstoffen ebenso wie bei Medikamenten auch stark auf Geschwindigkeit an. "Spätzünder wie CureVac haben nur dann eine Chance, wenn sie über ein besseres Wirkprofil oder über geringere Nebenwirkungen verfügen", erklärt Pharma-Experte Kürschner.

"Je mehr Zeit nun verstreicht, desto leistungsfähiger wird auch die Produktion bei den bereits zugelassenen Impfstoffen", so der Pharma-Experte. "BioNTech & Co. sind dann immer mehr in der Lage, die geforderten Liefermengen zu bedienen." Sein Fazit: "Wir könnten an einen Punkt kommen, an dem man den CureVac-Impfstoff de facto nicht mehr braucht, weil die Impfkampagne bereits so stark fortgeschritten ist."

Hunderte Millionen vom Bund

Der schwere Rückschlag für CureVac hat derweil Auswirkungen auch jenseits der laufenden Impfkampagne. Er trifft die deutschen Steuerzahler - immerhin ist der Bund mit rund 16 Prozent an dem Unternehmen beteiligt und hat die Impfstoffentwicklung mit einem Sonderprogramm über mehrere Hundert Millionen Euro unterstützt. Er ist ein Debakel auch für SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, der knapp 50 Prozent der Anteile hält.

Nicht zuletzt trifft das CureVac-Kursdesaster die zahllosen Privatanleger, die ihr Geld in der Aktie angelegt hatten. Das Papier des Unternehmens mit rechtlichem Sitz in den Niederlanden zählte in den vergangenen Wochen an der Börse Stuttgart, an der sich viele Privatinvestoren tummeln, zu den meistgehandelten Auslandsaktien.

Zuletzt vermehrte Warnsignale

Zuletzt hatten es immer mehr Hinweise gegeben, dass der CureVac-Impfstoff bis auf Weiteres ausfallen könnte. Selbst als Gesundheitsminister Jens Spahn Medienberichten zufolge CureVac aus der Planung der Bundesregierung für die laufende Impfkampagne strich, konnte das der Aktie indes kaum etwas anhaben.

Ein Warnzeichen war auch die im Vergleich zu rivalisierenden Unternehmen hohe Marktkapitalisierung: Vor dem aktuellen Kurssturz verfügte CureVac über einen höheren Börsenwert als Novavax. Der US-Hersteller hatte bereits am Montag über eine Phase-III-Studie berichtet, wonach sein Impfstoff über eine hohe Wirksamkeit von 90 Prozent verfügt.

Oft hohes Risiko in der Branche

Für CureVac und seine Eigner ist nun der "Worst Case" eines Biotech-Unternehmens eingetreten. Zugleich zeigt der Fall CureVac aber auch die generellen Risiken der Industrie. Firmen dieser Branche haben meist nur sehr wenige Wirkstoffe in der Pipeline. Wenn einer dann - aus welchen Gründen auch immer - scheitert, hat das oft fatale Folgen für das ganze Unternehmen.

Auch LBBW-Experte Kürschner sieht in CureVac "ein Paradebeispiel für die Risiken bei einem Investment in Biotech-Unternehmen". Negative Folgen der CureVac-Ereignisse für die deutsche Biotech-Branche befürchtet Kürschner allerdings nicht. Schließlich habe man im Land ein positives Gegenbeispiel. "Ich bin mir sicher: Die Erfolgsgeschichte von BioNTech wird den eher negativen Verlauf bei CureVac überstrahlen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Juni 2021 um 14:00 Uhr.