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Halbleiter-Allianz geplant Wie die EU den Chipmangel beheben will

Stand: 04.05.2021 15:52 Uhr

Fehlende Halbleiter-Bauteile bremsen weltweit die Autoproduktion. Die Europäer wollen den Mangel mit Hilfe einer Chip-Allianz beheben und die eigene Produktion stark ausbauen. Kann das gelingen?

Die Ford-Werke in Köln und Saarlouis müssen ihre Produktion wegen fehlender Mikrochips drosseln - ähnliche Schritte hatten zuvor bereits Daimler, Audi und andere Autohersteller ergriffen. Dagegen laufen die Werke der Chiphersteller auf Hochtouren. Die Geschäfte gehen so gut, dass der Infineon-Konzern seine Prognose für das laufende Jahr weiter angehoben hat und nun einen Umsatz von elf Milliarden Euro erwartet. Auch Investitionen sollen ausgeweitet werden. Die Eröffnung eines neuen Werks im österreichischen Villach wurde um drei Monate auf September vorgezogen.

Am akuten Halbleitermangel werde das allerdings nichts ändern, erklärt Infineon-Chef Reinhard Ploss. "In den meisten Anwendungsfeldern übersteigt der Bedarf das Angebot deutlich", so der Manager. Engpässe sieht Infineon vor allem in jenen Segmenten, die von Auftragsfertigern bedient werden. Und die sitzen vorwiegend in Asien.

Große Abhängigkeit von Hersteller aus Taiwan

Allein in Taiwan befinden sich zwei Drittel der globalen Kapazitäten für die Auftragsfertigung von Chips und Prozessoren. Grund dafür ist die herausragende Stellung von TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company), einem weltweit dominierenden Konzern, der drei Viertel seiner Halbleiter im Auftrag von externen Kunden herstellt.

TSMC ist auch der weltweit größte Produzent des Bauteils, das der Autoindustrie gerade besonders fehlt: den Microcontrollern. Das Marktforschungsunternehmen IHS Markit fand heraus, dass 70 Prozent des Bedarfs dieser Chips aus den Werken von TSMC kommen.

EU will Europas Halbleiterproduktion stark ausbauen

Diese Abhängigkeit von Asien ist den Europäern ein Dorn im Auge. Beflügelt vom Modell der europäischen Batterie-Allianz, in der zahlreiche Unternehmen daran arbeiten, um mit staatlichen Hilfen eine europäische Autobatteriefertigung aufzubauen, soll nun auch eine europaweite Halbleiter-Allianz entstehen.

Treibende Kraft hinter dem Projekt ist EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton. Er hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil der Europäer an der Halbleiterfertigung bis zum Jahr 2030 von zehn auf 20 Prozent zu verdoppeln. Dabei geht es ihm vor allem um die extradünnen Nanometer-Chips, die derzeit nur von Asiaten und Amerikanern hergestellt werden.

"Halbleiter sind überall"

Im Gespräch mit der "FAZ" sagte Breton vergangene Woche, der Aufbau von Chipfabriken in Europa sei nicht nur angesichts der momentanen Engpässe wichtig, sondern auch weil Halbleiter heutzutage überall gebraucht würden. "Sie sind die Schlüsseltechnologie für 5G und 6G, das autonome Fahren, die Industrie 4.0, den Green Deal."

Heute redeten alle von der Speicherung von Daten in der Cloud. Künftig werde die Bedeutung dezentraler Datenverarbeitung, des "Edge Computings", eine noch größere Rolle spielen. "Auch dafür brauchen wir Halbleiter", so Breton. Jetzt gehe es darum, die Industrie und die Staaten im Rahmen der europäischen Halbleiter-Allianz zusammenbringen, um die nötigen Investitionen anzustoßen.

Dies bedeutet im Klartext, dass die Europäer die Unterstützung der Hersteller aus Asien und den USA brauchen. Konzernen wie TSMC, Intel oder Samsung winken viele Milliarden Euro, wenn sie bereit sind, in der EU neue Werke aufzubauen. Denn europäische Hersteller sind offenbar nicht in der Lage, ohne die Hilfe der asiatischen oder amerikanischen Chipkonzerne die neuesten Mikroprozessoren herzustellen.

Bis zu 40 Prozent Subventionen

Breton traf sich deshalb vorige Woche mit Intel-Chef Pat Gelsinger, um zu eruieren, unter welchen Bedingungen sich Intel in der EU engagieren und an der europäischen Halbleiter-Allianz beteiligen kann. Dabei ging es vor allem um Geld. Französische Zeitungen berichten, dass Intel Beihilfen von acht Milliarden Euro fordere für den Bau einer Chipfabrik, die mindestens 20 Milliarden Euro koste. Dabei orientiere sich Intel an den Gepflogenheiten in Asien, wo Subventionen von 40 Prozent üblich seien.

Weder der Industriekommissar noch sein Umfeld wollten sich zu den Summen äußern. Viel größer wiege das Problem, dass sich die asiatischen Hersteller, allen voran TSMC und Samsung, an einer europäischen Halbleiter-Allianz offenbar nicht beteiligen wollen, wie aus Brüssel verlautete.

Rückstand in zwei Jahren aufzuholen

In der kommenden Woche trifft sich Breton mit den Chefs der niederländischen Halbleiterhersteller NXP und ASML. Doch auch wenn die Industrie mitspielt und die Steuergelder fließen, dürfte es Jahre dauern, bis die Europäer ihre Stellung auf dem Weltmarkt verbessern. Breton zeigt sich optimistischer. Er glaubt, dass der Rückstand in zwei Jahren aufgeholt werden kann.

Das sei nicht zu spät. "Wir haben alles, was wir brauchen, um den Rückstand aufzuholen", meint der Franzose. Zudem zeigen die jüngsten Ankündigungen von Konzernen wie Bosch und dem US-Riesen Globalfoundries, dass Europa, besonders Deutschland, ein begehrter Standort sind - wenn die öffentliche Hand ihnen großzügig unter die Arme greift.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Mai 2021 um 13:41 Uhr.