Klaus Müller | dpa

Idee des Netzagenturchefs Gasauktion als Notfall-Alternative?

Stand: 02.05.2022 14:50 Uhr

Welchen Firmen wird das Gas abgedreht, falls es zu einem russischen Lieferstopp kommt? Darüber müsste die Bundesnetzagentur entscheiden. Deren Chef schlug nun eine Alternative zur Abschaltliste vor.

Falls in den kommenden Monaten kein Gas mehr von Russland nach Deutschland strömen sollte, reichen die dann noch zur Verfügung stehenden Mengen voraussichtlich nicht mehr für den Bedarf aller Unternehmen. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hat für diesen Fall nun eine Alternative zu einer staatlich festgelegten Abschalt-Reihenfolge vorgeschlagen. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" brachte er ein Auktionsmodell in Spiel, also die Versteigerung von Gas-Verbrauchsrechten in der Wirtschaft.

Eine solche Vorgehensweise funktioniere bereits bei der Kohle. "Beim Kohleausstieg nutzen wir ein Auktionsmodell, um mit ökonomischen Anreizen die effizienteste Abschaltung von Kraftwerken zu erreichen", sagte Müller. "Solche Anreize kann ich mir für den Industriebereich auch vorstellen. Der Markt weiß besser als der Staat, wo sich Energie am effizientesten einsparen lässt." Es sei der falsche Weg, wenn der Staat den Unternehmen die Verantwortung abnehme.

Bisher keine konkrete Abschaltliste

Bei der Umsetzung des Gas-Notfallplans, dessen erste Stufe die Bundesregierung bereits ausgerufen hat, kommt der Bundesnetzagentur eine Schlüsselrolle zu. Sollte es letztlich auch zur Ausrufung der dritten Stufe kommen, der Notfallstufe, müsste der Staat einschreiten. Private Haushalte sind zwar geschützt, weil sie bevorzugt behandelt werden. Möglich wäre dann aber die Abschaltung von Industriekunden.

Die Bundesnetzagentur hätte die Aufgabe, als "Bundeslastverteiler" über die Gasaufteilung zu bestimmen. Auf dieses Szenario bereitet sich die Behörde derzeit auch mit einer Datensammlung vor - betonte aber zuletzt, dass sie keine konkrete Reihenfolge möglicher Abschaltungen plane, sondern auf Einzelfallentscheidungen setze.

Müller fordert Einsparungen auch durch Privatkunden

Wirtschaftsvertreter warnen vor einem Zusammenbruch der deutschen Industrie und dem möglichen Verlust hunderttausender Arbeitsplätze, falls einigen Branchen der Gashahn abgedreht wird. Laut Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle wären 2,8 Millionen Erwerbstätige in Deutschland von einem Gas-Lieferstopp betroffen. Vor allem in Industriestädten wie Wolfsburg, Salzgitter und Ingolstadt bekäme fast jeder zehnte Beschäftigte den Produktionseinbruch zu spüren.

Vor diesem Hintergrund will Netzagentur-Chef Müller auch die Verbraucherinnen und Verbraucher dazu bewegen, ihren Beitrag zur Senkung des Gasverbrauchs zu leisten. Er denkt dabei auch an Kampagnen und Wettbewerbe zum effizientesten Gassparen - mit Unterstützung durch Stars aus dem Sport und der Musikbranche. Es könnte doch eine Art sportlichen Wettstreit zwischen Kommunen geben, wer den Verbrauch schneller herunterfährt, schlug Müller in der "FAS" vor.

Bisher sieht er nach eigenen Angaben in den täglichen Lageberichten keine Anzeichen dafür, dass Menschen in Deutschland weniger duschen oder an kühleren Tagen die Heizung drosseln. "Ich vermisse noch die Ernsthaftigkeit in der Gesellschaft", sagte er.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. April 2022 um 10:00 Uhr.