Gestapelte Bücher in einem Buchladen | picture alliance/dpa/dpa-Zentral
Hintergrund

Nach Umsatzeinbruch im Lockdown Buchbranche vor schwerem Neuanfang

Stand: 27.05.2021 11:28 Uhr

Die Buchmesse ist abgesagt, Leipzig widmet sich der Literatur stattdessen mit einem Festival. Die Branche hat unter der Pandemie gelitten - nun hoffen Handel und Verlage auf den Neustart.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Viele klassische Buchhändler haben harte Zeiten hinter sich. In der Corona-Pandemie ist ihnen der Umsatz regelrecht weggebrochen. Im Sortimentshandel sackten in den ersten drei Monaten dieses Jahres die Erlöse um rund 30 Prozent ab - im Vergleich zum Zeitraum des Vor-Corona-Jahres 2019. Karin Schmidt-Friederichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sprach von einer "Katastrophen-Zahl".

2020 war nicht ganz so schlimm. Der Umsatz schrumpfte im stationären Buchhandel um 8,7 Prozent. Nimmt man andere Vertriebskanäle wie das Online-Geschäft, die Supermärkte und Bahnhofsbuchläden hinzu, lag das Minus der gesamten Branche bei 2,3 Prozent.

Buchläden monatelang geschlossen

Die Lockdowns setzten der Branche heftig zu. Monatelang waren die Buchläden geschlossen - mit Ausnahme von Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Erst seit Mitte März durften Buchhandlungen in mehreren Bundesländern wieder öffnen, in Bayern und Baden-Württemberg seit Ende April. Nur in Nordrhein-Westfalen sind die Läden weiter dicht.

"Aufgrund von Schließungen sowie stark eingeschränkter Kundenbesuche kämpfen wir mit sehr starken Umsatzeinbrüchen im stationären Buchhandel", erklärte eine Sprecherin von Deutschlands größter Buchhandelskette Thalia gegenüber tagesschau.de.  "Auch mit unserem Online-Geschäft können wir die Verluste nicht annähernd kompensieren." Thalia fordert staatliche Hilfen. Die Buchhandelskette sorgte allerdings im März für viel politischen Wirbel. Wegen eines Aufrufs zu einer Wahlkampfkampagne gegen Coronaschließungen war Thalia-Chef Michael Busch in die Kritik geraten.

Umsatz zieht wieder an

Die Buchbranche hofft jetzt auf einen Neustart. Tatsächlich ziehen inzwischen die Umsätze wieder spürbar an, wie ein Sprecher des Börsenvereins des Buchhandels berichtet. Verglichen mit dem ersten Quartal 2020 gehe es dem Buchhandel 2021 wieder verhältnismäßig gut. Der Sortimentsbuchhandel habe in den ersten drei Monaten den Rückgang auf 12,7 Prozent verringert. Zusammen mit Online und anderen Verkaufsstellen liege die Branche im Vergleich zu 2020 sogar sieben Prozent im Plus.

Gut die Hälfte des Umsatzes der Branche wird im Buchhandel vor Ort erwirtschaftet. 20 Prozent der Erlöse stammen aus dem Direktgeschäft der Verlage, weitere 20 Prozent kommen aus dem E-Commerce, also übers Internet. Die restlichen zehn Prozent des Gesamtumsatzes steuern Drogeriemärkte, Tankstellen und Supermärkte bei.

Kein Durchbruch bei E-Books

Das Geschäft mit E-Books blieb hinter den Erwartungen zurück. Es konnte den Rückgang des klassischen Buchhandelsgeschäfts nicht kompensieren. Der Umsatz der E-Books stieg um über 16 Prozent, die Zahl der Käufer wuchs aber nur um 3,3 Prozent. Nach einem Boom im Frühjahr flachte sich die Nachfrage gegen Ende des Jahres wieder ab. Im vierten Quartal 2020 war der E-Book-Absatz im Vergleich zum Vorjahr schon wieder rückläufig.

Nicht alle Segmente im Buchmarkt wurden gleichermaßen von der Corona-Krise erfasst. Kinder- und Jugendbücher sowie Kochbücher waren sogar 2020 stärker gefragt als vor der Pandemie. "Das waren eindeutig die Gewinner im vergangenen Jahr", sagt Sprecher Thomas Koch vom Börsenverein des Buchhandels. Dagegen liefen Reisebücher deutlich schlechter als vor Corona.

Mehr Leser für "Die Pest"

Die Hoffnung, dass die Deutschen ihre Zeit zuhause mehr mit dem Schmökern von Büchern verbringen, erwies sich offenbar als Trugschluss. Zwar wurden einzelne Bücher wie "Die Pest" von Albert Camus verstärkt gelesen, aber eine breite Rückbesinnung aufs Buch fand wohl nicht statt.

Branchensprecher Koch vom Börsenverein des Buchhandels verweist aber auf eine ermutigende Umfrage der Marktforscher von GfK. Demnach griffen 21 Prozent der Leser in der ersten Jahreshälfte 2020 häufiger zum Buch als vor der Pandemie. Besonders Jugendliche waren demnach aktiv. Fast ein Drittel der 10- bis 19-Jährigen lasen häufiger als vor der Pandemie.

Tiefe Strukturkrise

An der Strukturkrise der Buchbranche hat sich auch in Corona-Zeiten nichts verändert. Seit Jahren sinkt die Zahl der Buchkäufer - von 36,9 Millionen 2012 auf 28,8 Millionen 2019. Das hat eine Studie des Forschungsinstituts DIW Econ im Auftrag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ergeben. Die zunehmenden digitalen Angebote haben das Leseverhalten der Deutschen stark verändert.

Die Verlage haben auf die neue Situation zumindest teilweise reagiert. Sie haben in den letzten Monaten deutlich weniger neue Titel auf den Markt gebracht. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass öffentliche Lesungen nicht möglich waren und somit ein wichtiges Marketing-Instrument wegfiel.

Sobald sich die Lage in Deutschland und Europa wieder normalisiert, dürfte die Zahl der Neuerscheinungen wieder deutlich anziehen. Ob dabei öffentliche Lesungen und Messen wie die publikumsnahe Leipziger Buchmesse künftig eine weiter so wichtige Rolle im Vertrieb spielen wie vor der Pandemie, halten Branchenexperten für fraglich. Auch die Frankfurter Buchmesse muss sich neu erfinden. Ein Hybrid-Modell wie 2020 mit virtuellen und physischen Lesungen hat sich nach Ansicht der Buchmesse-Macher bewährt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Mai 2021 um 15:45 Uhr.