Novavax  Zentrale | picture alliance / ZUMAPRESS.com
Analyse

Vakzin-Hersteller Novavax Auf dem Weg zum globalen Impfstoff-Lieferanten

Stand: 20.12.2021 20:17 Uhr

Die US-Biotechfirma Novavax ist einen großen Schritt vorangekommen mit ihrem Plan, der nächste weltweite Impfstoff-Produzent zu werden. Könnte ihr proteinbasiertes Vakzin gar die Dominanz von BioNTech Pfizer und Moderna brechen?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Für den 72-jährigen Stanley Erck dürfte es einer der angenehmeren Tage in seinem Leben sein. Aus Amsterdam erhielt der Novavax-Chef heute die Nachricht der Europäischen Arzneimittel-Agentur: Sein Unternehmen hat grünes Licht von der EU für die bedingte Marktzulassung des Impfstoffs Nuvaxovid bekommen.

Größter Schritt nach der Zulassung in Südostasien

Damit hat Novavax einen wichtigen Durchbruch auf dem Weg zum globalen Corona-Impfstofflieferanten geschafft. Bisher hatte die US-Biotechfirma lediglich in Indonesien und auf den Philippinen das Recht auf den Vertrieb des Vakzins erhalten. Großbritannien und Kanada prüfen derzeit noch die Zulassung. Und in den USA hat Novavax noch nicht einmal einen Zulassungsantrag gestellt, will das aber bald tun.

Nun wird es auf eine schnelle Produktion ankommen. Das Unternehmen mit Sitz in Gaithersburg in Maryland plant, im kommenden Jahr Kapazitäten für gut zwei Milliarden Impfdosen zu schaffen. Bis Ende dieses Jahres könnten rund 150 Millionen Dosen hergestellt werden, teilte die Firma unlängst mit. Das Mittel wird vom indischen Auftragsfertiger Serum Institute hergestellt - dem größten Impfstoff-Produzenten der Welt.

200 Millionen Dosen für die EU

Mit der EU hat Novavax bereits einen Liefervertrag von über 100 Millionen Dosen geschlossen. Zudem hat sich Brüssel eine Option auf weitere 100 Millionen Dosen gesichert. Auch Deutschland setzt auf die US-Firma. Für 2022 hat die Bundesregierung 16 Millionen Novavax-Dosen angefordert. Das ist weniger als zehn Prozent aller Corona-Impfstoff-Bestellungen. Insgesamt plant Berlin mit rund 204 Millionen Impfstoff-Dosen.

Der proteinbasierte Impfstoff könnte vor allem für Impfstoffskeptiker eine Alternative sein, die Vorbehalte gegen die neuartigen mRNA-Technologien und die Vektorimpfstoffe haben. In Studien erwies sich der Novavax-Wirkstoff zu 90 Prozent wirksam gegen das Coroavirus. Die Nebenwirkungen waren ähnlich wie bei anderen Impfstoffen und betrafen hauptsächlich Schmerzen an der Einstichstelle. Berichte über Blutgerinsel oder Herzprobleme habe es keine gegeben, versichert Novavax-Chef Erck.

Saponin als Impfverstärker

Der Novavax-Impfstoff funktioniert ähnlich wie Grippeimpfstoffe. Er wird mit im Labor gezüchteten Kopien des Spike-Proteins hergestellt, das das Coronavirus umhüllt. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung damit Antikörper gegen das Protein und kann so eine Covid-19-Erkrankung abwehren. Zudem enthält das Novavax-Vakzin Saponin als Impfverstärker. Über die Nebenwirkungen von Saponin wurde bislang noch nicht viel geforscht.

Novavax löse eine ähnliche Immunantwort wie BioNTech/Pfizer und Moderna aus, sagt der Infektiologe Peter Kremsner, Leiter des Instituts für Tropenmedizin am Uniklinikum Tübingen. "Die Proteinsequenz ist fast gleich wie die bei BioNTech und Moderna in der RNA-Sequenz."

Auch andere Hersteller entwickeln Protein-Impfstoffe

Der US-Hersteller ist nicht der einzige, der auf proteinbasierte Impfstoffe setzt. Auch der Pharmakonzern Sanofi arbeitet an einem solchen Protein-Impfstoff gegen Covid-19 und erwartet entscheidende Studiendaten im ersten Quartal 2022. Erfahrungen mit Protein-Impfstoffen gibt es bereits seit längerem, etwa beim Einsatz gegen Grippe oder Hepatitis B.

Experten sind überzeugt davon, dass Novavax den beiden mRNA-Impfstoffherstellern BioNTech/Pfizer und Moderna Marktanteile abjagen wird. "Novavax dürfte zu einer guten Alternative werden - vor allem für Leute, die Angst vor mRNA haben", sagt Infektiologe Kremsner.

Allerdings dürfte es für die US-Firma sehr schwer werden, an der führenden Stellung der beiden mRNA-Spezialisten zu rütteln. Vom Vakzin der Hersteller BioNTech und Pfizer werden in diesem Jahr wohl gut 2,5 Milliarden Dosen eingesetzt. Einnahmen von insgesamt 16 bis 17 Milliarden Euro wird das Mainzer Biotech-Unternehmen BioNTech dabei erwirtschaften, die Hälfte davon als Gewinn. In der EU werden die Hersteller 2021 gut drei Milliarden Dosen produzieren.

Für Schwellenländer besonders interessant

Großes Potenzial dürfte Novavax nach Ansicht von Experten vor allem in den Schwellenländern haben. Denn das Mittel kann bei Kühlschrank-Temperaturen gelagert werden. Schon jetzt wird das Vakzin massenhaft in Indonesien und auf den Philippinen verimpft.

Novavax erreichte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 476 Millionen Dollar. Die US-Firma hat sich auf die Entwicklung von Impfstoffen gegen Grippe und das tödliche Ebola-Virus spezialisiert. Mit einem Vakzin gegen sogenannte respiratorische Synzytial-Viren, die unter anderem Bronchitis verursachen können, scheiterte Novavax allerdings zwei Mal. 2015 bekam Novavax einen Zuschuss von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung in Höhe von 89 Millionen Dollar. Für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs erhielt das Unternehmen 2020 rund 1,6 Milliarden Dollar von der US-Regierung unter Ex-Präsident Donald Trump. Die internationale Impfstoffallianz Cepi unterstützte es für die Vakzin-Entwicklung mit rund 400 Millionen Dollar - und bekommt dafür 380 Millionen Dosen geliefert.

Die 1987 gegründete Biotech-Firma notiert an der Technologie-Börse Nasdaq. Die Aktie hat in den letzten beiden Jahren massiv zugelegt. Nachdem sie Ende 2019 noch bei fünf Dollar stand, notiert sie nun bei über 200 Dollar.

Novavax-CEO Stanley Erck | picture alliance / Kevin Dietsch

Novavax-Chef Stanley Erck Bild: picture alliance / Kevin Dietsch

Bisher sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit 26 Impfstoffe zugelassen. Einige weitere dürften noch folgen. Insgesamt befinden sich rund 350 Vakzine gegen Covid-19 in der Entwicklung. "Das sind viel zu viele", meint Infektiologe Kremsner. "Zehn bis 20 gute reichen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Dezember 2021 um 17:00 Uhr.