Lastwagen stehen in langen Schlangen auf einer Autobahn in Südengland | AP

Deutsche Firmen und der Brexit "Eine große Enttäuschung"

Stand: 16.06.2021 17:08 Uhr

Neue Zollkontrollen, mehr Bürokratie, zusätzliche Kosten: Der Brexit lässt so manche deutsche Firmen überlegen, ob sie Standorte in Großbritannien noch aufrechterhalten können.

Von Aylin Dülger, tagesschau.de

Das Wenigste, was Heller herstellt, bleibt in England. Das Unternehmen aus Nürtingen bei Stuttgart ist weltweit tätig. Der Maschinenbauer exportiert Komponenten, die am englischen Standort Redditch in der Grafschaft Worcestershire in Maschinen zum Fräsen von Motoren- und Metallteilen eingebaut werden. Von dort aus gelangen sie zu Endkunden vieler verschiedener Branchen. Sowohl der Export als auch der Import gehören zum Tagesgeschäft. Der Brexit stellt dieses Geschäft auf eine harte Probe.

"Wir haben lange der Illusion angehangen, dass am Ende eine partnerschaftliche Lösung herauskommt", so Heller-Chef Klaus Winkler. Stattdessen sei mit den Brexit-Vereinbarungen ein sehr bürokratisches Konstrukt entstanden.

Der Lkw braucht acht Tage statt drei

Wie viele der kleinen und mittleren Unternehmen, die das Rückgrat der exportorientierten deutschen Wirtschaft bilden, hat Heller nun mit zusätzlichen Zollkontrollen und Bürokratie zu kämpfen. "Wir haben einen völlig anderen Formularkrieg", sagt Winkler. "Ein Lkw, den wir von Nürtingen nach England losschicken, braucht heute zwischen acht und zehn Tagen. Früher haben wir das in drei Tagen geschafft."

Klaus Winkler, CEO Heller Gruppe

Klaus Winkler, Chef der Heller Gruppe: "Lange einer Illusion nachgehangen"

Im April zog auch die Industrie- und Handelskammer British Chamber of Commerce in Germany eine erste ernüchternde Brexit-Bilanz. Zwei Drittel der befragten Unternehmen beurteilten die Auswirkungen der neuen Außenhandelsregeln mit Großbritannien negativer als noch zu Jahresbeginn erwartet. Mehr als drei Viertel aller Befragten berichteten von Schwierigkeiten beim Warenverkehr. Und fast jedes fünfte Unternehmen hat demnach beschlossen, den Außenhandel mit der Insel ganz einzustellen.

Angst vor dem Rückzug

Auf den Außenhandel mit Großbritannien komplett zu verzichten, ist für Heller ein Horrorszenario, das die Firma abzuwenden versucht. Das Geschäft sei gewaltig gebremst worden, so Winkler. "Wir mussten den Kollegen in Großbritannien glaubwürdig vermitteln, dass wir nicht vorhaben, den Standort in Redditch in Frage zu stellen, sondern, wenn es sich irgendwie machen lässt, zu erhalten."

Um seine Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden, muss der Spezialmaschinenbauer die Situation in der nächsten Zeit immer wieder neu bewerten. Denn wenn die Produkte zu teuer werden, drohen die Kunden zu Wettbewerbern auszuweichen - der Standort wäre nicht mehr zu halten.

Kleinere Firmen stärker betroffen

Besonders kleinere Firmen litten unter dem zusätzlichen administrativen Aufwand, so Ulrich Hoppe, Chef der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in London. Das mache es für viele derzeit wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll, den britischen Markt zu bedienen. "Die mittleren und großen Unternehmen, die im Vereinigten Königreich aktiv sind, kämpfen natürlich auch mit dem Mehraufwand, können diesen aber deutlich besser abfedern", erklärt Hoppe.

Trotz der Mehrkosten werde der britische Markt aufgrund seiner strategischen Bedeutung weiterhin sehr wichtig bleiben. Im Jahr 2020 wurden von Deutschland Waren im Wert von 66,85 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert. Das waren rund 5,5 Prozent der Gesamtexporte. Damit war das Vereinigte Königreich zuletzt der fünftwichtigste Exportmarkt für die Bundesrepublik.

Damit deutsche Unternehmen die Insel künftig nicht verlassen, wünscht sich Heller-Chef Winkler vor allem Erleichterungen im Warenverkehr. Von Seiten der englischen Behörden erhofft er sich weniger Bürokratie, damit der Zusatzaufwand wieder auf ein erträglicheres Maß reduziert wird. Einstweilen aber dominiert die Ernüchterung. Auch wenn Heller an seinem britischen Standort festhalten will: "Der Brexit ist für uns insgesamt eine große Enttäuschung."