Mitarbeiter bei der Montage eines Golf 8 im VW-Werk in Wolfsburg | picture alliance/dpa

Planspiele des Konzerns Bis zu 30.000 VW-Jobs in Gefahr?

Stand: 13.10.2021 16:36 Uhr

Die Umstellung auf Elektroautos hat offenbar zu Streit im VW-Aufsichtsrat geführt. Konzernchef Diess verlangt eine effizientere Produktion in Wolfsburg. Szenarien kursieren, wonach jeder vierte Job bei der Kernmarke bedroht sein könnte.

Der Frieden im Aufsichtsrat von VW hielt offenbar nicht lange: Nach dem inzwischen beendeten Führungsstreit und dem monatelangen Machtkampf zwischen VW-Chef Diess und dem Betriebsrat soll es bei der letzten Sitzung des Kontrollgremiums zu einem neuen Eklat gekommen sein. Diess habe die Aufsichtsräte mit Planspielen zum Stellenabbau überrumpelt und verärgert, berichtet das "Handelsblatt".

Der Chef des Wolfsburger Autobauers hat demnach mehrere Szenarien zur Zukunft von VW durchrechnen lassen. Eines davon: Im Extremszenario seien bis zu 30.000 Stellen in Gefahr, sollte die Kernmarke Volkswagen beim Umbau von Autos mit Verbrennungsmotor auf E-Modelle zu langsam sein, wie auch die Nachrichtenagentur Reuters meldete. Das wäre jeder vierte der 120.000 Jobs in Deutschland. Am Nachmittag hieß es allerdings aus dem Umfeld des VW-Chefs, ein Stellenabbau in diesem Umfang sei "kein Thema". Es gebe dazu keine konkreten Pläne.

Vorbild Tesla

Diess will den Konzern radikal umbauen und dabei den E-Auto-Hersteller Tesla nachahmen. Der US-Rivale plant, in seinem ersten deutschen Werk in Grünheide nahe Berlin jährlich gut 500.000 E-Autos mit gut 10.000 Beschäftigten zu produzieren. Bei VW wurden im Corona-Jahr 2020 ebenfalls gut eine halbe Million Pkws gefertigt - und das bei rund 25.000 Mitarbeiter, die in der Produktion im VW-Stammwerk Wolfsburg arbeiten.

"Tesla in Grünheide wird neue Maßstäbe in der Produktivität und bei den Skalen setzen", sagte ein VW-Sprecher. Daher müsse sich das Volkswagen-Stammwerk mit seiner Wettbewerbsfähigkeit befassen. Konzernlenker Diess hatte auch jüngst bei einem Treffen mit Führungskräften die neue Tesla-Fabrik als Maßstab genannt, in der ein Auto schneller gebaut werde als bei VW.

"Trinity wird Wolfsburg revolutionieren"

Mit dem Projekt "Trinity" soll bei Volkswagen ab 2026 die zweite E-Auto-Generation vom Band laufen. Das Flaggschiff-Modell soll in Wolfsburg gefertigt werden. Mit einer neuen Fahrzeug-Architektur soll die Produktion dann vereinfacht werden. "Trinity wird Wolfsburg revolutionieren", so Diess laut "Handelsblatt" beim Führungskräfte-Treffen.

Einige Werke wie Zwickau und Brüssel hat das VW-Management bereits auf die E-Ära umgerüstet. Die Standorte in Hannover und Emden befinden sich derzeit noch im Transformationsprozess. Eine Sonderstellung nahm bisher das Stammwerk in Wolfsburg esin, wo vor allem der Golf und der Tiguan gefertigt werden.

Widerstand im Aufsichtsrat

Der Aufsichtsrat ist offenbar verärgert über die Stellenabbau-Pläne von Konzernchef Diess. Kontrolleure hätten gefordert, dass Diess keine weitere Szenarien mit massenhaftem Jobstreichungen in Umlauf bringe, heißt es im "Handelsblatt". Das Gremium soll den VW-Chef dazu aufgefordert haben, bei der nächsten Sitzung am 12. November neue Szenarien durchzurechnen - ohne Streichung von Zehntausenden von Arbeitsplätzen.

Bisher hatte VW stets betont, dass der Umstieg auf die Elektromobilität unter dem Strich keine Jobs koste. Auf der Automesse IAA bekräftigte Personalchef und Aufsichtsratsmitglied Gunnar Kilian kürzlich, dass E-Autos kein Jobkiller seien. Eine von VW in Auftrag gegebene Studie des Fraunhofer-Instituts kam zum Schluss, dass produktivitätsbedingt bis 2030 die Zahl der Mitarbeiter an den VW-Standorten in Wolfsburg, Hannover, Enden, Zwickau, Dresden und Osnabrück um rund zwölf Prozent sinken werde. Das Gros der Jobs im Karosseriebau und in der Montage bleibe erhalten.

Zahl der Beschäftigten bereits gesunken

Andere Experten prophezeien jedoch deutlich größere Jobverluste durch die E-Mobilität. Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität sieht bis 2030 fast 410.000 Arbeitsplätze in der Autobranche bedroht. Das Institut für Politikevaluation rechnet mit 600.000 weniger Stellen in der Autoindustrie bis 2040.

Nach Angaben der IG Metall ist der Abbau von Arbeitsplätzen in der gesamten Branche bereits in vollem Gang. Die Beschäftigung in der deutschen Autoindustrie sank 2019 um 1,3 Prozent. 2020 schrumpfte die Zahl der Beschäftigten noch stärker um 2,6 Prozent.

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 13. Oktober 2021 um 12:41 Uhr.