Eine Arbeiter in der Impfstoffproduktionsanlage von BioNTech in Marburg.  | dpa

Impfstoffforscher-Ehrung Boost für die deutsche Biotech-Branche? 

Stand: 05.11.2021 09:58 Uhr

Vom weltweiten Erfolg des Mainzer Impfstoffherstellers BioNTech profitiert eine ganze Branche. Deutsche Biotechfirmen sehen neue Chancen - müssen hierzulande aber Hürden überwinden.

Von Axel John, SWR Mainz

Ohne die beiden Wissenschaftler wäre eine Preisverleihung in dieser Art wohl nicht möglich gewesen: Özlem Türeci und Uğur Şahin vom Mainzer Unternehmen BioNTech haben den "Ehrenpreis für wissenschaftliches und gesellschaftliches Engagement" erhalten. Türeci und Şahin hatten bereits sehr früh die große Gefahr durch Corona erkannt. Sie waren mit der Impfstoffentwicklung ein hohes unternehmerisches Risiko eingegangen. Es folgte die Kooperation mit dem US-Konzern Pfizer. Auch hier haben sie in den Augen der Jury "Forschung, Ökonomie und gesellschaftliche Wirkung mit viel Weitsicht verbunden und vorangetrieben", erklärt Wolfgang Glauner, Executive Director bei Ernst & Young.

Axel John

Türeci und Şahin wurden zur gestrigen Veranstaltung "Entrepreneur of the year" in Berlin zugeschaltet. Beide betonten, dass der Erfolg des Corona-Impfstoffes ohne die Leistung des gesamten BioNTech-Teams nicht möglich gewesen wäre. Beide Forscher blickten aber auch in die Zukunft und auf das Ziel, weswegen BioNTech eigentlich gegründet wurde: die Bekämpfung von Krebs durch Immuntherapien. "Krebs ist eine sehr komplexe Erkrankung, aber wir sind zuversichtlich, dass wir das alle noch erleben werden", sagte Türeci.   

Von der Wissenschaft in die Wirtschaft 

Ebenfalls in Mainz sitzt Krishnaraj Rajalingam in den neuen Räumen des Startups KHR Biotec. Er schaut konzentriert in ein Mikroskop und untersucht eine Gewebeprobe. Der Krebsspezialist ist Leiter der Cell Biology Unit (CBU) an der Universitätsmedizin Mainz. Gleichzeitig ist Rajalingam seit wenigen Monaten Chef von KHR Biotec. Das Unternehmen wurde im Mai aus der Universitätsmedizin ausgegründet.

"Unsere Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung möchte ich für die Patienten umsetzen. An der Universität haben wir dafür nicht genügend finanzielle Ressourcen. Mit der Ausgründung habe ich ganz andere Möglichkeiten, neue Therapien im Kampf Krebs zu finanzieren und zu entwickeln", erklärt der Zellforscher, der jetzt auch Unternehmer ist. Damit geht Rajalingam den Weg von Türeci und Şahin, die 2009 BioNTech ebenfalls aus der Universitätsmedizin Mainz heraus an den Markt gebracht haben.

Rajalingam erforscht bei KHR Biotec ein bestimmtes Gen. Es kommt in vielen Tumoren vor und sorgt für ein unkontrolliertes Zellwachstum. Erste Krebspräparate gegen dieses Gen gibt es bereits. Rajalingam möchte mit seiner Methode aber das Umfeld angreifen, die Signalübertragung unterbrechen und so das Tumorwachstum stoppen. "Ich will mit diesem Verfahren auch die Behandlung von Tumoren individualisieren."

Die BioNTech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci. | via REUTERS

Die BioNTech-Gründer Ugur Sahin and Özlem Türeci. Bild: via REUTERS

Private Investoren finanzieren die Forschung bei KHR Biotec. Zuvor war seine universitäre Arbeit jahrelang von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell unterstützt worden. Derzeit hat KHR fünf Mitarbeiter und ist auf der Suche nach weiteren Spezialisten, denn im nächsten Jahr sollen klinische Studien beginnen. Das Patent für den Wirkstoff ist schon angemeldet. 

Kooperation und Netzwerke

Das junge Unternehmen KHR Biotec kooperiert eng mit einem Hamburger Unternehmen - der Firma Indivumed. Diese verfügt über eine der weltweit größten Tumordatenbanken. Geschäftsführer ist Hartmut Juhl, der Rajalingam schon seit Jahren durch mehrere Forschungsprojekte kennt. "Wir haben bei Indivumed ein weltweit einzigartiges System aufgebaut, mit dem man Krebs datentechnisch entschlüsseln kann - auch mittels künstlicher Intelligenz", erklärt Juhl. 

Beide Unternehmen wollen so mit ihren spezifischen Fähigkeiten neue Therapien gemeinsam voranbringen. Dafür brauchen sie aber dauerhaft privates Kapital. Juhl ist hier zuversichtlich: "Durch den Erfolg von BioNTech ist die Akzeptanz der Branche sehr gestiegen - vor allem in den USA. Es dürfte leichter werden, von dort Risikokapital zu bekommen. In Deutschland dagegen bin ich skeptisch, weil es hier keine Wagniskultur gibt." 

In Mainz sind es von KHR Biotec bis zum Firmengebäude von BioNTech nur zehn Minuten zu Fuß. Wissenschaftlich und wirtschaftlich liegen aber Welten zwischen beiden Unternehmen. Rajalingam fühlt sich dennoch ermutigt. "BioNTech hat mich schon lange vor ihren Erfolgen gegen Corona motiviert. Es freut mich sehr, dass sie jetzt ein Unternehmen mit Weltruhm sind." Das sei das Ergebnis von fast drei Jahrzehnten harter Arbeit. "Türeci und Şahin sind ein weiteres Beispiel dafür, warum Grundlagenforschung dauerhafte Unterstützung braucht, um dann auch den Patienten wirklich helfen zu können."

Standort Deutschland: Licht und Schatten 

Beim Verband der chemischen Industrie (VCI) beobachtet Ricardo Gent Firmen wie KHR Biotec. Gent ist Geschäftsführer der Industrievereinigung Biotechnologie im VCI. Die Zahl der Mitarbeiter in der medizinischen Biotechnologie sei zuletzt auf mehr als 44.000 gestiegen. Auch der Umsatz der Biopharmazeutika wuchs im vergangenen Jahr um 14 Prozent auf mehr als 14 Milliarden Euro. Das entspreche einem Drittel des gesamten Pharmamarktes in Deutschland. "Im europäischen Vergleich ist die Forschung hierzulande gut aufgestellt. International sind aus vielen Gründen die USA führend", sagt Gent. 

Er sieht trotz der positiven Gesamtentwicklung am deutschen Markt aber auch strukturelle Nachteile wie schwache Digitalisierung oder zu viel Bürokratie: "Es dauert zu lange, aus einer Idee ein Produkt zu machen. In Österreich, Tschechien oder Spanien gehen die Zulassungen für Produktionsanlagen viel schneller." Auch das seien Gründe, warum Deutschland seit Jahren als Produktionsstandort im globalen Vergleich zurückfalle.

BioNTech-Mitgründerin Türeci betonte beim Festakt in Berlin, dass auch vor ihrem Unternehmen weiter große Herausforderungen lägen: "Wir sind jetzt nicht nur Arzneimittelentwickler, sondern auch Arzneimittelhersteller mit einer großen Verantwortung. Wir müssen uns als Unternehmen weiter transformieren." BioNTech steht aufgrund seiner Erfolge wohl auch künftig im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Oktober 2021 um 06:28 Uhr.