Corona-Sequenzierung im Labor | picture alliance / Neumayr Fotog
Hintergrund

Branche sammelt Milliarden ein Rekordsummen für Biotech-Firmen

Stand: 15.06.2021 10:46 Uhr

Die Erfolge von Biotech-Unternehmen wie BioNTech locken Investoren an: Die Branche verzeichnet in Deutschland einen Finanzierungsrekord. Aber auf den Überschwang könnte Ernüchterung folgen.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Die gesamte Biotechbranche profitiert derzeit stark von der Aufmerksamkeit, die durch die schnelle und erfolgreiche Entwicklung von Corona-Impfstoffen geschaffen wurde. Mit der Pandemie ist es zu einem Schub gekommen für einen Sektor, der aufgrund des technologischen und medizinischen Fortschritts der vergangenen Jahre ohnehin schon im Fokus vieler Investoren steht.

Wie die "Financial Times" (FT) berichtet, sammelte der Wagniskapitalgeber Flagship Pioneering - einer der wesentlichen Investoren des Impfstoffherstellers Moderna - für einen neuen Fonds rund 3,5 Milliarden Dollar ein. Er soll die nächste Generation von Biotech-Unternehmen fördern.

Fonds versucht ein neues Modell

Beim Investieren in die Biotech-Branche müssen die Kapitalgeber mit besonderen Risiken kalkulieren. Viele der Unternehmen, in die investiert werden soll, haben noch kein Produkt auf dem Markt. Ob das jemals der Fall sein wird, ist ungewiss, da der Weg von der Erforschung bis zum marktfähigen Produkt sehr weit ist und oft misslingt.

Flagship Pioneering versucht nun einen anderen Weg. Das Besondere ist laut "FT", dass das Ziel des Fonds nicht die übliche Suche nach frisch gegründeten Unternehmen ist, in die dann investiert wird. Vielmehr sollen unter dem Dach des Fonds moderne Biotechnologien in bestimmten Segmenten selbst entwickelt werden. Erst anschließend ist es geplant, Unternehmen als Ableger zu gründen.

Die Gewinne sprudeln

Es ist nicht überraschend, dass die Kapitalgeber auf der Suche nach Geschäftsideen sind; sie wittern ein gigantisches Geschäft. Schon der Blick auf die rasant steigenden Aktienkurse vieler Unternehmen in den vergangenen Monaten zeigt, wie sehr die Marktakteure von einer lukrativen Zukunft des Sektors überzeugt sind. Tatsächlich sprudeln die Gewinne - zumindest bei den bekanntesten Vertretern, die erfolgreich Produkte lanciert haben.

So erwirtschaftete BioNTech im ersten Quartal 2021 einen Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2020 musste das Unternehmen mit Sitz in Mainz noch einen Nettoverlust von 53 Millionen Euro hinnehmen wegen hoher Forschungs- und Entwicklungskosten.

Der US-Impfstoffhersteller Moderna machte im ersten Quartal erstmals Gewinn - gleich in Höhe von einer Milliarde Dollar. Im Vorjahr hatte Moderna noch einen Verlust von 124 Millionen zu verkraften. Der Umsatz vervielfachte sich von acht Millionen auf 1,9 Milliarden Dollar. 1,7 Milliarden Dollar davon fallen auf Einnahmen durch Corona-Impfstoff zurück.

Während Moderna-Aktien in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 200 Prozent zulegten, gewannen BioNTech-Papiere im gleichen Zeitraum über 340 Prozent. 

Vor allem Leuchtturm-Firmen profitieren 

In Deutschland verzeichnete die Biotech-Branche im vergangenen Jahr einen Finanzierungsrekord. Wie die Fachleute der Prüf- und Beratungsgesellschaft EY in ihrem Biotech-Report 2021 ausgerechnet haben, erreichte die Finanzierung in Deutschland 2020 mit 3,1 Milliarden Euro einen Höchststand.

Die Größenordnung zeigt ein Vergleich mit den USA. Dort flossen laut EY rund 100 Milliarden Dollar in die Biotech-Finanzierung von Risikokapitalgebern.

"Für die gesamte Biotechnologie-Industrie ist Covid-19 ein Riesenkatalysator", so Alexander W. Nuyken, Leiter des Sektors Life Sciences im Bereich Strategy and Transactions bei EY und Mitautor der Studie. Die Fachleute von EY weisen in ihrem Bericht zwar darauf hin, dass sich die Investitionen im Wesentlichen auf die Leuchtturm-Unternehmen BioNTech bezögen, die allein 51 Prozent des Finanzierungsvolumens 2020 auf sich vereinten. Biotechnologie ist laut Nuyken aber Teil der Lösung eines Problems, das für die Menschheit eine Schicksalsfrage sei. "Das ist ins Bewusstsein gerückt."

Noch mehr Hilfe vom Staat?

In diesem Jahr ist geht es mit hohem Tempo weiter: Das "Handelsblatt" zitiert aus vorläufigen Zahlen des Verbands Bio Deutschland. Demnach habe die Branche von Januar bis Mai insgesamt 870 Millionen Euro Kapital erhalten. Das sei rund dreieinhalbmal so viel wie zum selben Zeitraum des Vorjahres.

Nuyken wirbt dafür, dass der Staat noch mehr hilft: "Ich hoffe, dass die Politik mehr Willen zeigt, Rahmenbedingungen zu verbessern." Für die Biotech-Szene bestehe jetzt die Chance, hierzulande dauerhaft eine große oder in der Zukunft noch größere Rolle zu spielen.

Hoffnung auf neue Produkte

Tatsächlich haben die Steuerzahler bereits einen großen Beitrag geleistet, damit sich die Branche so erfolgreich entwickeln kann: Regierungen stellten seit Beginn der Pandemie dutzende Milliarden für die Forschung und Entwicklung an Impfstoffen bereit, die jetzt bei den Unternehmen für Umsatz und Gewinne sorgen.

Ob jetzt dank der vielen frischen Milliarden der Nachschub an innovativen medizinischen Produkten einen Sprung macht, ist allerdings ungewiss. Nuyken warnt vor enttäuschten Erwartungen: "Wenn Investoren ohne Erfahrung mit Biotech glauben, hier jetzt eine schnelle Mark machen zu können, liegen sie falsch." Nach dem Boom, warnt der Fachmann, könne auch schnell Ernüchterung eintreten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. April 2021 um 14:00 Uhr.