Andy Jassy, Amazon

Bezos tritt ab Jassy übernimmt Amazon-Imperium

Stand: 05.07.2021 14:42 Uhr

Bei Amazon endete eine Ära: Gründer und Chef Jeff Bezos tritt ab. Neuer Boss wird Andy Jassy, der bislang die erfolgreiche Cloud-Sparte leitete. Ein paar Sorgen hat Bezos ihm aber hinterlassen.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

In einer Garage in Seattle gründete Jeff Bezos am 5. Juli 1994 Amazon, einen Online-Buchladen. 27 Jahre später, am 5. Juli 2021, tritt er als reichster Mensch der Welt zurück. "In diesem Moment erleben wir Amazon auf dem Höhepunkt seiner Innovationsfähigkeit, das ist der optimale Moment für den Wandel an der Spitze", hatte der Multimilliardär betont, als er den Wechsel im Februar dieses Jahres ankündigte.

Reichtum und Ruhestand genießen wird der 57-jährige Bezos nicht: "Ich hatte noch nie mehr Energie." Er wird sie unter anderem in sein Lieblingsthema Weltraumfahrt stecken. Im Internet laufen derzeit zwei Online-Petitionen mit dem Ziel, ihm nach seinem geplanten Weltraumflug die Rückkehr auf die Erde zu verweigern. Doch Bezos hat andere Pläne. Er wird dem Konzern als Vorsitzender des Verwaltungsrats erhalten bleiben und damit weiterhin die Geschicke des Technologieunternehmens mitbestimmen.

Längst nicht mehr nur Online-Händler

Aber die operative Verantwortung an der Unternehmensspitze trägt von jetzt an Andy Jassy. Amazon startete als Online-Händler und wird selbst heute noch häufig so bezeichnet. Dabei ist das bestenfalls die halbe Wahrheit. Daran hat Jassy einen großen Anteil. Der heute 53-Jährige landete direkt nach seinem Harvard-Studium der Betriebswirtschaft im Mai 1997 bei Amazon. 2006 gründete er bei Amazon das Cloudgeschäft Amazon Web Services (AWS) mit seinen IT- und Speicherdiensten.

Jassy erkannte früh die Bedeutung der Cloud-Infrastruktur als Motor für die Digitalisierung der Unternehmen und anderer Institutionen. Es gelang ihm, die Sparte zum Marktführer in diesem Segment zu machen. AWS liegt in Sachen Marktanteil global deutlich vor Konkurrenten wie Microsoft, Google oder dem chinesischen Technologie-Konzern Alibaba.

Profittreiber Cloud-Business

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung noch einmal beschleunigt, sodass Amazon derzeit nicht nur von Boom des Online-Handels profitiert. Die Cloud ist mehr als nur ein wichtiges weiteres Amazon-Geschäft wie etwa die Unterhaltung oder die eigene Supermarktkette - es ist das profitabelste Standbein des gesamten Konzerns.   

Der Umsatz der Plattform kletterte im vergangenen Quartal um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 13,5 Milliarden. Das operative Ergebnis stieg um 35 Prozent auf 4,2 Milliarden Dollar. Damit lieferte AWS zuletzt fast die Hälfte des Betriebsergebnisses des gesamten Konzerns. Im Ergebnis bedeutet das: Der Erfolg von Jassys Sparte hilft dabei, andere Projekte und die gesamten Wachstumspläne des Konzerns zu finanzieren.

Amazon, Bezos' Gelddruckmaschine

Aber wohin will Amazon noch wachsen? Das ist eine Frage, die Jassy beantworten muss. Weltweit beschäftigt das Unternehmen deutlich mehr als eine Million Menschen. Mit einem aktuellen Börsenwert von rund 1500 Milliarden Euro gehört Amazon darüber hinaus zu den wertvollsten Unternehmen der Welt - und zu den mächtigsten.

Bezos selbst hat es dank des Erfolgs seines Unternehmens mit einem Privatvermögen von rund 200 Milliarden Dollar zum reichsten Menschen der Welt gebracht. Für Jassy wird sich der Spitzenjob ebenfalls lohnen: Der neue Vorstandschef erhält im Verlauf der kommenden zehn Jahre 61.000 Amazon-Aktien, die aktuell einen Preis von mehr als 200 Millionen Dollar haben. Wie viel sie genau wert sein werden, hängt von der Entwicklung des Aktienkurses ab.

So erfolgreich wie umstritten

Mit Amazon übernimmt Jassy nicht nur eines der erfolgreichsten Unternehmen Welt, sondern auch eines der umstrittensten. Ein paar brisante Themen hat Bezos seinem Nachfolger in die Ablage gelegt - zwecks Wiedervorlage nach seinem Abgang. So warten auf Jassys Schreibtisch zur Bearbeitung unter anderem die Probleme, die Bezos ihm mit den Aufsichts- und Kartellbehörden dieser Welt hinterlassen hat. Aktuell droht dem Tech-Giganten eine Fehde mit den Behörden der Biden-Regierung. Auch das Bundeskartellamt macht sich Gedanken über die Marktmacht Amazons.  

Für den Ruf Amazons müsste Jassy ebenfalls einiges tun, denn die Klagen über die schlechte Behandlung und miese Bezahlung der Mitarbeiter reißen nicht ab. Jassy werde viel Energie in die Beziehungen Amazons zur Gesellschaft als Ganzem und zu den globalen Regulierungsbehörden aufwenden müssen, zitiert die "Financial Times" einen ehemaligen AWS-Mitarbeiter.

Ständig neu erfinden

Hinzu kommt, dass die wichtige AWS-Sparte derzeit zwar globaler Marktführer ist; der Vorsprung ist jedoch keineswegs zementiert, da ebenso erfolgsverwöhnte Technologiegiganten wie Microsoft und Google alles tun, um im lukrativen Cloud-Geschäft weiter aufzuholen. Das würde schließlich bedeuten, dass die AWS-Gewinne schmelzen - und daran hängt ein Großteil des Gesamtgewinn Amazons.

Auf einer Firmenveranstaltung im Dezember des vergangenen Jahres hatte Jassy gesagt, wenn man gesund sei, wolle man sich ständig neu erfinden. Wie lässt sich dieser Sinnspruch auf die moderne Unternehmenswelt übertragen? Amazon ist ein gesundes Wachstumsunternehmen. Wenn es das bleiben will, ist erfinderisch sein keine Frage des Wollens: Es ist ein Zwang.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 05. Juli 2021 um 07:30 Uhr.