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Bayer-Konzern Zwischen Impfstoff und Gen-Food

Stand: 27.04.2021 16:45 Uhr

Was haben mRNA-Impfstoffe und gentechnisch veränderte Lebensmittel gemeinsam? Beide fußen auf ähnlicher Technologie. Aber während viele Menschen die Impfung kaum erwarten können, schrecken sie vor "Gen-Food" zurück.

Von Michael Heussen, WDR

Der scheinbare Widerspruch zwischen akzeptierter Gentechnik im medizinischen Bereich und der umstrittenen sogenannten grünen Gentechnik in der Landwirtschaft war heute Thema im Vorfeld der Hauptversammlung des Bayer-Konzerns. Es diskutierten Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale, und Matthias Berninger, Chef-Lobbyist von Bayer. Beide saßen gemeinsam als junge Abgeordnete in den 1990er-Jahren für die Grünen im Bundestag, bevor sich ihre Wege trennten. Jetzt waren sie gemeinsam aufs virtuelle Bayer-Podium geladen.

Michael Heussen

Warten auf den CureVac-Impfstoff

Bayer ist eine Kooperation mit dem Tübinger Impfstoffentwickler CureVac eingegangen. Ende des Jahres will man das Vakzin auf den Markt bringen. Ziel sei es, im kommenden Jahr 160 Millionen Impfstoffdosen zu produzieren, sagte Berninger, unter anderem auch im Bayer-Werk in Wuppertal. Das ist Neuland für den Pharmariesen, der bislang keine Humanimpfstoffe produziert hat.

40.000 Probanden seien für die klinische Phase III rekrutiert, erklärte Florian von der Mülbe, Produktionsvorstand von CureVac: "Wir sind drauf und dran, die Studie abzuschließen, und gehen davon aus, dass wir im zweiten Quartal die Zulassung beantragen können." Die Studie läuft in zehn Ländern in Europa, Mittel- und Südamerika; eine Hälfte der Probanden erhält den Impfstoff, die andere Hälfte ein Placebo. Bislang sei es zu keinen nennenswerten unerwünschten Reaktionen gekommen, so der Leiter der Studie, Peter Kremsner vom Tübinger Tropeninstitut.

Für die Antwort auf die Frage, warum man so spät dran sei im Vergleich zu anderen Impfstoffherstellern, griff Berninger tief in die Phrasenkiste: "Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Der zweitbeste ist heute." Man müsse vorbereitet sein auch für künftige Pandemien, ergänzte von der Mülbe, und das leiste sein Unternehmen: Man habe eine Technologie entwickelt, mit der man gemeinsam mit den von Bayer bereitgestellten Produktionskapazitäten schnell auf Mutationen und Krankheitsausbrüche reagieren könne.

Glyphosat und grüne Gentechnik stoßen vielen auf

Bayer steht aber nicht nur für die Pharmasparte, sondern steht auch in der Kritik - seit dem Kauf des amerikanischen Monsanto-Konzerns, Produzent des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat und gentechnisch veränderten Saatguts. Bayer-Sprecher Christian Maertin setzt sich zur Wehr, indem er vom Chef der Verbraucherzentrale wissen will, warum Gentechnik im medizinischen Bereich eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung habe, aber der grünen Gentechnik, die in der Landwirtschaft angewandt wird, so viel Misstrauen entgegengebracht werde. "Wir haben als Verbraucherzentrale das Privileg, nicht dafür oder dagegen zu sein, sondern eine verantwortungsvolle Regulatorik zu fordern", entgegnet Verbraucherschützer Müller.

Es gehe um Risikoabwägung, aber auch um Rückholbarkeit. Benachbarte Felder dürften nicht beeinträchtigt werden, man müsse respektieren, dass viele ohne Gentechnik leben möchten: "Ich glaube, dass kann auch Bayer nicht anders sehen", so Müller. Nicht jeder Zweck heilige die Mittel: "Deswegen sind strenge Zulassungsverfahren und Transparenz wichtig. Ich wünsche mir ein Bekenntnis von Bayer zum Vorsorgeprinzip" - also dass Belastungen und Schäden für die Umwelt und die Gesundheit im Voraus vermieden oder verringert werden. Müller wies auch auf die Hypothek hin, die Bayer mit dem Kauf von Monsanto übernommen hat: Schadenersatzzahlungen, die sich - zusätzlich zum Kaufpreis von 60 Milliarden Euro - mindestens auf weitere zwölf Milliarden Euro belaufen werden und die den Ruf des Unternehmens belasten.

Auf den etwas hilflosen Einwand des Bayer-Sprechers, man habe doch bewiesen, dass grüne Gentechnik keinen Schaden anrichte und dass kleine Unternehmen durch Regulation behindert werden, machte Müller auf die juristischen Auseinandersetzungen in den USA aufmerksam: Nur große Unternehmen seien in der Lage, solche Prozesse zu führen und solche Summen zu zahlen. "Nicht jede kleine Klitsche soll in der Lage sein, mit dem wichtigsten, was wir als Menschheit haben, experimentieren zu dürfen" - mit Lebensmitteln.

Entschuldigung bei den Aktionären

Welche dramatische Auswirkung das Unterschätzen dieser Fragen auf Bayer hat, wurde dann bei der anschließenden Hauptversammlung deutlich. Vorstandschef Werner Baumann entschuldigte sich bei den Aktionären für den schlechten Börsenkurs: "Wir tragen die Verantwortung - und zwar ohne Wenn und Aber. Deswegen ist es mir wichtig, gleich zu Beginn zu betonen: Wir wollen Ihr Vertrauen wieder zurückgewinnen." Der Impfstoff gegen Covid-19 sei ein perfektes Beispiel dafür, wie man mit neuen Technologien und globaler Zusammenarbeit bei den großen Fragen der Zeit vorankomme.

Dass im laufenden Geschäftsjahr die Zusammenarbeit mit CureVac die Unternehmenszahlen beflügeln wird, ist zur Zeit allerdings noch nicht absehbar. Bayer bleibt nach Einschätzung mehrerer Analysten wegen des niedrigen Börsenwerts ein Kandidat für eine feindliche Übernahme. Der Konzern ist das Schlusslicht im DAX und hat einen Verlust von mehr als zehn Milliarden Euro gemacht. Und im Umfeld der Hauptversammlung wird auch die Frage aufgeworfen, ob Baumann seinen bis 2024 laufenden Vertrag erfüllen wird - oder doch schon frühzeitig ausscheiden sollte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. April 2021 um 17:00 Uhr.