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Bilanz nach fünf Jahren Bayers Monsanto-Debakel

Stand: 14.09.2021 08:24 Uhr

Heute vor fünf Jahren stemmte Bayer mit Monsanto den größten Zukauf seiner Geschichte. Doch der Deal wurde zum Alptraum. Gut zehn Milliarden Dollar kostete der Glyphosat-Rechtsstreit bisher. Bleibt es dabei?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Große Versprechungen machte Bayer-Chef Werner Baumann, als am 14. September 2016 die knapp 63 Milliarden Dollar teure Übernahme des Saatgut-Konzerns Monsanto endlich besiegelt war. Der Deal werde sich für die Aktionäre lohnen, prophezeite er.

Die vollmundige Ankündigung erwies sich als leeres Versprechen - bis jetzt. Seit dem größten Kauf in der Unternehmensgeschichte von Bayer ist der Aktienkurs um 50 Prozent abgesackt. Mit 53 Milliarden Euro ist die Marktkapitalisierung inzwischen niedriger als der Preis, den Bayer einst für Monsanto ausgegeben hat.

"Kauf war Fehlentscheidung"

Aktionärsvertreter sind verärgert. "Der Kursverfall seit der Ankündigung der Monsanto-Übernahme ist beispiellos", sagt Ingo Speich, Nachhaltigkeitschef der Deka Bank, die Anteile an Bayer hält. "Hier sind Werte in einem solchen Ausmaß vernichtet worden, dass einem der Atem stockt." Den Kauf von Monsanto nennt der Aktionärsvertreter inzwischen "eine Fehlentscheidung". Auch Fondsmanager Janne Werning von Union Investment hat "große Zweifel, dass aus dem Monsanto-Deal noch eine Erfolgsgeschichte wird".

Tatsächlich sind die Nebenwirkungen des Mega-Deals schwer verkraftbar. Der Kauf des amerikanischen Pflanzenschutz-Riesen zog eine riesige Klagewelle nach sich - wegen des Pestizids Glyphosat, das einige Studien für krebserregend halten. Drei Mal erlitt Bayer vor Gericht in der ersten Instanz eine Schlappe. In zwei der Berufungsverfahren zog der Konzern ebenfalls den Kürzeren. 9,6 Milliarden Dollar zahlte der Pharma- und Agrarchemie-Konzern an Vergleichen für die Beilegung von 96.000 der insgesamt 125.000 Klagen.

Größter Verlust in der Geschichte

Dadurch mussten die Leverkusener hohe Rückstellungen in der Bilanz bilden. Diese führten alleine im vergangenen Jahr zu einem Defizit von 10,5 Milliarden Euro. Das war der größte Jahresverlust in der über 155-jährigen Bayer-Geschichte.

Vor Kurzem sah es danach aus, als könne Bayer nun endlich einen Schlussstrich unter den Glyphosat-Rechtsstreit ziehen. Man stand kurz vor der Einigung. Dann aber lehnte ein Bezirksrichter einen endgültigen Vergleich mit den US-Klägeranwälten ab. Daraufhin änderte Bayer seine Strategie und entwarf einen Fünf-Punkte-Plan. Die Leverkusener reichten einen Antrag auf Revision des Falls Edwin Hardeman beim höchsten US-Gericht ein. Das Verfahren soll also auf höchstrichterlicher Ebene vom Supreme Court geklärt werde. Eine "unendliche Geschichte" werde fortgeschrieben, schreiben die Analysten des Brokerhauses Bryan Garnier.

Hoffen auf den Supreme Court

Entscheidet der Supreme Court zugunsten von Bayer, wäre das ein Befreiungsschlag und wohl das Ende des jahrelangen Rechtsstreits. Die Chancen dafür stünden gut, heißt es aus Leverkusen. Sollte aber das oberste US-Gericht zugunsten der Kläger urteilen oder den Fall nicht verhandeln wollen, drohen weitere Milliardenbelastungen. Vorsorglich hat Bayer im zweiten Quartal schon 4,5 Milliarden Dollar an Rückstellungen beiseite gelegt. Zuvor waren zwei Milliarden Dollar für weitere Klagen vorgesehen worden. Schlimmstenfalls könnte der Glyphosat-Rechtsstreit also bis zu rund 16 Milliarden Dollar kosten.

Bayer-Chef Baumann gibt sich entspannt. Er sieht sich auf der sicheren Seite. Immer wieder betont er, dass der Konzern nicht im Unrecht sei. "Das Leben ist immer lebensgefährlich", sagt Baumann. Glyphosat sei nicht gefährlicher als rotes Fleisch, Matetee oder der Friseurberuf. Baumann verweist auf die internationale Krebsagentur IARC, die den Wirkstoff lediglich als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft hat.

Mehr als 800 Studien würden belegen, dass Glyphosat bei sachgerechter Anwendung nicht gesundheitsgefährdend sei, betonen die Leverkusener Konzern. Die Anwälte der Glyphosat-Kläger halten mit gegenteiligen Studien dagegen. Prominente Unterstützung kommt von Robert Kennedy jr., Anwalt und Neffe des Ex-US-Präsidenten.

Kein Verkauf von glyphotsathaltigen Produkten ab 2023 in den USA

Um eine neue Klagewelle zu vermeiden, will Bayer ab 2023 keine glyphosathaltigen Produkte mehr an Privatkunden in den USA verkaufen. Am Geschäft mit Bauern und professionellen Kunden hält der Konzern aber fest. 2024 verbietet Deutschland den Einsatz von Glyphosat. Ob auch die EU das Pflanzenschutzmittel untersagt, ist noch offen.

Für dieses Jahr verspricht Baumann die erste Ernte aus dem Monsanto-Deal. "Wir gehen davon aus, dass wir alle Synergien aus dem Zusammenschluss bis zum Jahresende 2021 erreichen werden und somit ein Jahr früher als ursprünglich geplant", sagte er gegenüber dem "Handelsblatt". Die Erfolge durch die Übernahme würden sich in den nächsten Jahren deutlich zeigen, verkündete er.

Baumann unter Erfolgsdruck

Der Konzernlenker braucht dringend Erfolgsmeldungen, ansonsten könnte der Rückhalt im Unternehmen schwinden. Sein Vertrag wurde gerade erst um drei Jahre bis 2024 verlängert. Eigentlich hätte Baumann längst seinen Posten räumen müssen, wenn es nach dem Willen seiner Aktionäre geht. Bei der Hauptversammlung 2019 verpassten sie ihm eine historische Ohrfeige. Sie verweigerten ihm die Entlastung. Mehr als 50 Prozent stimmten gegen Baumann. Ein solches Votum hatte es bis dato noch nie in einem DAX-Unternehmen gegeben. Dennoch lehnte Baumann einen Rücktritt ab.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. September 2021 um 13:23 Uhr.