Die BASF-Mitarbeiter Klaas Lohmann und Martin Dust untersuchen junge Weizenpflanzen im Fungizid-Gewächshaus des Konzerns | obs

Chemiekonzern BASF Suche nach einer grüneren Zukunft

Stand: 11.12.2021 16:30 Uhr

Der Chemiekonzern BASF rückt das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund und verweist auf seine Forschung. Kritiker sind skeptisch. Wie passen Umweltschutz und Chemieindustrie zusammen?

Von Christian Kretschmer, SWR

"Der Klimawandel ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts", sagt Melanie Maas-Brunner. Sie ist Technikvorstand des Chemiekonzerns BASF. Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit, das Einhalten des Pariser Klimaabkommens seien Ziele des Unternehmens, verkündete BASF bei seiner Forschungspressekonferenz in diese Woche. Nur: Ankündigen ist das eine, umsetzen das andere. Angesichts des Klimawandels wolle BASF selbst bilanziell klimaneutral werden. "Bis 2050 streben wir für die BASF Netto-Null-Emissionen" an, sagt Maas-Brunner. Dafür setze man neue Technologien ein.

Christian Kretschmer

Testanlage für türkisen Wasserstoff

Am Standort in Ludwigshafen läuft eine Testanlage für sogenannten türkisen Wasserstoff. Dabei wird aus Methan Wasserstoff erzeugt. Der ist ein wichtiger chemischer Rohstoff und kann auf verschiedene Weise gewonnen werden. Das von der BASF erprobte Verfahren spare viel CO2 ein und könne damit sogar helfen, dem Klimawandel entgegenzuwirken, sagt Maas-Brunner.

Die industrielle Anwendung des neuen Verfahrens soll vor 2030 starten. Fachleute betonen, dass es bei diesem Verfahren besonders darauf ankomme, dass weder Methan noch Kohlenstoff in die Umwelt gelange - denn ansonsten sei die Technologie nicht nachhaltig.

Nachhaltigere Produktentwicklung

BASF will nach eigenen Angaben auch bei der Produktentwicklung verstärkt auf Nachhaltigkeit setzen. Besonders brisant ist das im Bereich Landwirtschaft, weil BASF Pflanzenschutzmittel herstellt. Das Unternehmen setzt hier auf ein neu entwickeltes Fungizid: Revysol. Bei der Entwicklung habe die Umweltverträglichkeit am Anfang des Entwicklungsprozesses gestanden, sagt Projektleiter Manuel Medinger.

Was für den Laien selbstverständlich klingt, ist für die Branche offenbar ungewöhnlich. Revysol sei nachhaltig, sagt Medinger, da es besonders effektiv und langanhaltend wirke: "Der Landwirt kann damit höhere Erträge erzielen und weniger Pflanzenschutzmittel dabei ausbringen." Eine Milliarde Euro Umsatz will die BASF danach mit Revysol machen.

"BASF reagiert letztlich auf Druck"

Dass BASF auf neuartige Pestizide setze, habe wenig mit Nachhaltigkeit zu tun, sondern viel mit Druck von außen, sagt Katrin Wenz, Agrarpolitik-Expertin beim Naturschutzverband BUND. "Eine Strategie der EU sieht vor, bis 2030 den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden um die Hälfte zu reduzieren und besonders toxische Stoffe zu verbieten", sagt Wenz. "Viele Pestizide werden bereits gar nicht mehr zugelassen. Da reagiert die BASF letztlich auf diesen Druck." Aber auch neuartige Pestizide seien nicht per se umweltfreundlicher.

Ähnlich sieht das auch das Umweltbundesamt. Die Behörde teilt auf Anfrage mit, dass Revysol bei der Umweltbewertung zwar besser abschneide als Produkte mit vergleichbarem Wirkstoff, fügt aber hinzu: "Allerdings baut dieser Wirkstoff in der Umwelt nur sehr langsam ab, sodass er über lange Zeit im Boden verbleiben kann. Der Einsatz kann daher nicht als 'nachhaltig' betrachtet werden."

Effizienterer Einsatz dank Satellitendaten

Um zukunftsfähig zu sein, investieren Chemieunternehmen auch in digitale Anwendungen: Smart beziehungsweise Precision Farming lauten hier die Stichworte. BASF stellte etwa Software vor, mit der Landwirte ihre Felder mittels Satelliten- und Wetterdaten unter die Lupe nehmen können. Dank all dieser Daten gibt die Software dann Hinweise, wo genau im Feld und zu welchem Zeitpunkt Pflanzenschutzmittel angewendet werden sollten. Dadurch steige die Effizienz. Weniger Verbrauch an Pestiziden sei das Resultat, sagt BASF-Vorstand Maas-Brunner.

"Es fehlen die Belege von unabhängigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, dass dadurch tatsächlich weniger Pestizide eingesetzt werden", sagt BUND-Expertin Wenz. Vom Umweltbundesamt heißt es, zum Beispiel die "Gefahr der Fehlanwendung" der Pestizide könne durch die digitalen Helfer reduziert werden. "Die dadurch ermöglichten Einsparungen von Pflanzenschutzmitteln sind allerdings als zu gering zu bewerten, um einen maßgeblichen Beitrag zur Eindämmung der Risiken des großflächigen Pestizideinsatzes zu leisten. Denn bisher stehen bei den Entwicklungen vornehmlich ökonomische Aspekte im Vordergrund, ohne dass damit ökologische Vorteile verbunden sein müssen."

Ökologische, vor allem aber auch ökonomische Vorteile dürfte sich BASF von seiner Forschung im Bereich der Automobilindustrie versprechen, dem nach eigenen Angaben wichtigsten Markt für den Konzern. 20 Prozent seines Umsatzes macht BASF mit Kunden aus diesem Bereich, wie Maas-Brunner sagt. In Zukunft dürfte der Anteil noch steigen: Denn für die Elektroautos steige der Bedarf an chemischen Komponenten im Vergleich zu Verbrennern um mehr als das Doppelte, sagt sie.

Benötigt werden zum Beispiel verschiedene Kunststoffbauteile oder auch spezielle Kühlmittel für die Auto-Batterien. Dabei ergeben sich laut BASF unterschiedliche Herausforderungen für das Unternehmen. So müsse etwa das Kühlmittel für Autobatterien eine sehr niedrige elektrische Leitfähigkeit besitzen, was nicht leicht umzusetzen sei. Letztlich komme es darauf an, "Nachhaltigkeit und Leistungsfähigkeit" der Batterien zu verbessern, sagt Maas-Brunner. Das ist natürlich nicht nur im Sinne der Umwelt, sondern auch ein wirtschaftliches Interesse der BASF-Kunden.