Hauptverwaltung der Deutschen Bahn in Berlin | dpa

Deutsche Bahn Fehlende Transparenz bei Gehaltsstruktur

Stand: 08.09.2021 13:22 Uhr

Mit markigen Worten prangert GDL-Chef Weselsky die Vergütung von Bahn-Führungskräften an. Deren Bezahlung stehe im Gegensatz zur Lohnentwicklung der restlichen Belegschaft. Doch stimmt das überhaupt? Und wie reagiert das Unternehmen?

Von Andreas Clarysse, hr

Wenn es um die Vergütung der Führungskräfte bei der Bahn AG geht, gerät Claus Weselsky schnell in Rage. "Das Mittelalter" sei zwar "längst vorbei", so der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) aufgebracht, aber die Führungsriege der Bahn "predigt den Eisenbahnern Wasser und badet selbst im Schampus!" - Soll heißen: Während die Mitarbeiter auf einen Sanierungskurs "eingeschworen" werden und geringen Lohnsteigerungen zustimmen sollen, machen sich Vorstände, Geschäftsführer und Führungskräfte angeblich die Taschen mit Bonuszahlungen voll. Ist es so schlimm bei der Bahn? Stimmen diese Vorwürfe? Oder ist alles nur "Kettengerassel" im laufenden Tarifstreit?

Andreas Clarysse

Wie freiwillig ist der Verzicht auf Boni?

Erst einmal muss festgehalten werden, dass Bahn-Chef Richard Lutz und weitere sechs Konzernvorstände im vergangenen Monat auf Boni für das Jahr 2021 verzichtet haben. Aber die Topmanager des staatseigenen Unternehmens verzichten nicht freiwillig, sondern kommen auch einer Forderung des Haushaltsausschusses des Bundestags nach. Die Parlamentarier hatten den Verzicht im Gegenzug für geplante Milliardenhilfen für die Bahn verlangt. Auch für 2020 hatte es einen solchen Verzicht gegeben. Immerhin liegt der aktuelle Schuldenstand der Bahn bei mehr als 30 Milliarden Euro.

Die Bahn mauert

Aber wie hoch sind die Boni und variablen Gehaltsbestandteile überhaupt? Ist es wahr, dass da etwa 220 Millionen Euro pro Jahr zusammenkommen, wie die GDL behauptet? Auf Nachfrage verweist Bahn-Konzernsprecher Armin Stauß freundlich an die Fachabteilung. Man rufe zurück, heißt es. Dieser Anruf erfolgt auch, aber damit beginnt das Problem. Alle Infos seien "als reiner Hintergrund" zu verstehen, sagt Elke Schänzler, immerhin stellvertretende Leiterin Kommunikation Personal und Recht. Zitiert werden dürfen die wenigen Sätze nicht.

In einem zweiten Telefongespräch ist die Bahn-Vertreterin noch zugeknöpfter. Am Ende dauert es fast zwei Tage, bis eine kurze, aus drei Sätzen bestehende, schriftliche, abgestimmte und zitierfähige Antwort über variable Zusatzversorgungen bei der Bahn vorliegt. Von Boni ist da nicht die Rede.

Vergütungssystem schwer vermittelbar

Hintergrund dieser zurückhaltenden Kommunikation ist möglicherweise die Einschätzung der Bahn, dass das Vergütungssystem der Führungskräfte bei dem hoch verschuldeten Staatsunternehmen nicht mehr vermittelbar ist. Dabei besteht ein Problem der Bahn in der schieren Größe des Unternehmens mit mehreren Hundert Betrieben und Tochtergesellschaften. Neben einer Handvoll Konzernvorständen gibt es noch weitere 68 Vorstände und Geschäftsführer und dazu noch 3500 Führungskräfte. Und alle erhalten variable Gehaltsbestandteile, die zum Teil 50 Prozent der gesamten Einkünfte der Spitzenkräfte ausmachen. Transparent aufgeschlüsselt werden die einzelnen Bestandteile in den Jahresberichten des Unternehmens aber nur für die wenigen Mitglieder des Konzernvorstands.

Bei der Stellungnahme der Bahn zu den Zusatzversorgungen überrascht eine plötzlich auftauchende neue Zahl. Statt 3500 Personen (laut GDL) sollen laut Bahn sogar 23.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter variable Vergütungen bekommen: "Rund 23.000 Beschäftigten der DB steht neben dem Festgehalt eine variable Vergütung arbeitsvertraglich zu. Die Höhe hängt von Faktoren wie Pünktlichkeit, Kundenzufriedenheit, Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Erfolg ab und wurde um bis zu 49 Prozent gekürzt", so die Bahn.  

Diese Angaben sind dann doch wieder eine Vorlage für die GDL, die dazu anmerkt: "Hier kommt wieder die Methode tricksen, täuschen, Taschen füllen zum Tragen. Die DB versucht die Zahlung der Boni und variablen Leistungen für Führungskräfte zu verschleiern, indem sie die Bezugsgröße verändert." Fakt sei, so die Gewerkschaft: "3500 leitende Mitarbeiter aus dem Kreis der Konzernführungskräfte, also der obersten und leitenden Führungskräfte, haben im Krisenjahr 51 Prozent ihrer Boni erhalten. Bei den genannten 23.000 Beschäftigten handelt es sich um betriebliche Führungskräfte, die keine Boni, sondern Jahresabschlussgratifikationen in weit geringerer Höhe erhalten." Die Reaktion der GDL überrascht kaum. Im Streit um die Deutungshoheit im Tarifstreit werden Fakten so dargestellt, dass jede Seite einen Vorteil daraus zu ziehen versucht.

Ist die Bahn reformbereit?

Dass einiges im Argen liegt, sieht offensichtlich auch der Vorstand der Bahn. Bei seinem Verzicht auf die Boni für 2021 bekräftigte er zugleich, dass die variable Vergütungsmethodik überarbeitet werden müsse - ein Schritt hin zu mehr Transparenz.

Doch die GDL kritisiert: "Zwar verzichtet der Konzernvorstand auf die variablen Vergütungsbestandteile, allerdings nur dieses Jahr, dann will er wieder kassieren", heißt es von Seiten der Gewerkschaft, und weiter: "Ab 2023 sollen DB-Chef Richard Lutz, Fernverkehrsvorstand Berthold Huber und Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla dann zehn Prozent mehr bekommen. Bei Lutz steigt das Gehalt dann von 900.000 auf 990.000 Euro, bei Huber und Pofalla von 650.000 auf 715.000 Euro." Was sagt die Bahn dazu? Kein Kommentar.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 03. September 2021 um 19:13 Uhr.