Züge stehen auf Gleisen in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs | AFP

Langwierige Maßnahmen Zweifel an den Zielen der Bahn

Stand: 10.03.2022 10:20 Uhr

Die Bundesregierung hat ehrgeizige Ziele für die Bahn ausgegeben: eine Verdopplung der Fahrgastkilometer und 25 Prozent mehr Transport auf der Schiene bis 2030. Wie soll das gelingen?

Von Inga Thiede, WDR

Die Klimaziele der neuen Bundesregierung sind ehrgeizig. Auch der Verkehrssektor soll endlich seinen Anteil an der CO2-Reduktion leisten. 2020 betrug der CO2-Ausstoß des Verkehrssektors laut Umweltbundesamt 147 Millionen Tonnen CO2. Die Emissionen sollen bis 2030 auf höchstens 85 Millionen Tonnen sinken. Da im Bahnverkehr deutlich weniger CO2 ausgestoßen wird als bei einer Autofahrt oder dem Warentransport mit dem Lkw, soll die CO2-Reduktion auch über eine Verlagerung auf die Schiene erreicht werden.

Deutschlandtakt soll Bahnfahren modern machen

Noch die alte Bundesregierung hat das Ziel beschlossen, dass die Züge irgendwann im sogenannten Deutschlandtakt fahren sollen. Das bedeutet: Zwischen den großen Städten sollen alle Züge halbstündlich, zwischen den Mittelzentren stündlich verkehren. Für die Umsetzung der Ziele steht der Bahn in diesem Jahr ein Rekordbudget von 13,6 Milliarden Euro zur Verfügung. Aber das Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene kritisiert, dass für den künftigen Deutschlandtakt noch keine einzige Infrastrukturmaßnahme in der konkreten Planung sei. Und zwischen Beginn der Planung und dem Moment, in dem der Zug auch rollt, könnten leicht mehr als zehn Jahre liegen, schätzt Lukas Iffländer vom Fahrgastverband Pro Bahn.

Ein Beispiel: Eine der Hauptstrecken für die Verwirklichung des Deutschlandtakts zwischen Ruhrgebiet und Berlin ist die Strecke Hannover-Bielefeld. Hier muss eine Neubaustrecke für einen Hochgeschwindigkeitszug gebaut werden. Aber Iffländer warnt: "In einer perfekten Welt können wir vielleicht über 2028 diskutieren, dass der Bagger rollt, und das sind dann locker noch mal vier Jahre mehr an Bauzeit drauf. Das heißt, wir bewegen uns dann eher Richtung Mitte der 2030er-Jahre in der optimistischen Betrachtung. Und wenn dann noch Bürgerinitiativen quer schießen, dann kann das noch viel länger dauern."

Fahrgäste können eher verschreckt werden

Die Aufgaben der Bahn sind riesig. Seit 1994 sind 6000 Kilometer Schiene abgebaut worden, vieles muss also reaktiviert werden. Neben den Umbauten für den Deutschlandtakt sollen bis 2030 auch noch 75 Prozent der Schienen elektrifiziert sein. Heute sind es gerade mal 62 Prozent. Dafür müssten jedes Jahr 500 Kilometer Schiene elektrifiziert werden - unter der alten Bundesregierung waren es im Schnitt 65 pro Jahr, so die Allianz pro Schiene. 

Die Folge all dieser Maßnahmen: Baustellen - die wiederum die Fahrgäste verschrecken, weil sie zu Verspätungen führen können. Im vergangenen Jahr hatte jeder vierte Fernzug Verspätung, zum Unmut der Reisenden. Es müsse verhindert werden, dass durch schlecht gemachte Baustellen mehr Fahrgäste abwanderten als nach den Baumaßnahmen gewonnen werden könnten, so Iffländer. "Wenn da plötzlich überall Schienenersatzverkehr ist, dann ist die Hälfte der Fahrgäste weg. Dann haben wir keine Fahrgastverdoppelung, sondern das genaue Gegenteil erreicht."

Bahn-Ziele zu ehrgeizig

Selbst der Bahn-Aufsichtsrat und EVG-Gewerkschaftschef Klaus-Dieter Hommel ist skeptisch, ob die Ziele der Koalition erreichbar sind. "Der Planungshorizont, um diese ganzen Dinge zu erfüllen, sowohl die Instandhaltung und die Modernisierung der Infrastruktur, inklusive der digitalen Schiene, des Einsatzes der modernen Mittel, der künstlichen Intelligenz, bis hin zur Umsetzung des Deutschlandtakts - da bin ich mir ziemlich sicher, vergehen die nächsten 30 Jahre", sagt Hommel.

Selbst der neue Bahnbeauftragte Michael Theurer ist nicht überzeugt, ob die selbst gesetzten Ziele erreichbar sind. "Das ist absolut die Quadratur des Kreises. An manchen Stellen kann man auch gar nicht verhindern, dass es erst schlechter werden muss, damit es besser werden kann", sagt der FDP-Politiker. "Also: Der gesamte Deutschlandtakt, das lässt sich bis 2030 nicht umsetzen. Aber es wäre falsch zu sagen, das klappt eh nicht", sagt Theurer im Interview gegenüber dem ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus.

Um die Ziele doch noch zu erreichen, fordert die Allianz pro Schiene drei Milliarden Euro jährlich für Neu- und Ausbau. Die Bundesregierung geht allerdings von zwei Milliarden Euro aus.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus am 09.03.2022 um 22:05 Uhr.