GDL-Chef Weselsky spricht bei einer Kundgebung vor dem Dresdner Hauptbahnhof (Bild vom 12.08.2021) | dpa

Bahn und GDL Wochenende ohne Streik - und mit Gesprächen?

Stand: 13.08.2021 15:44 Uhr

Bahnkunden können das Wochenende nutzen, um Zug zu fahren. Denn zumindest dann soll es keine neuen Streiks geben. Und die Bahn hat der GDL Gespräche angeboten. Dass die darauf eingeht, ist aber unwahrscheinlich.

Die Deutsche Bahn hat die Lokführergewerkschaft GDL nach dem Streik-Ende zu sofortigen Verhandlungen aufgerufen. Dazu sei man auch noch am Wochenende bereit, erklärte die Bahn. Von einem verbesserten Tarifangebot ist in der Mitteilung allerdings nicht die Rede. Dieses hatte die GDL als Voraussetzung für Gespräche und einen Verzicht auf neue Arbeitskämpfe genannt.

"Entweder es kommt ein verbessertes Angebot auf den Tisch, oder wir lassen erneut die Züge in diesem Land stehen", hatte GDL-Chef Claus Weselsky kurz zuvor gewarnt. Dass bereits am Wochenende zu einem neuen Streik aufgerufen wird, schloss die Gewerkschaft aber aus. Stattdessen werde es am Dienstag eine Protestveranstaltung vor dem Bahntower in Berlin geben, um "dem Management die rote Karte zu zeigen", sagte Weselsky.

Bahn: "Völlig unnötig und überzogen"

Die Bahn hatte der GDL zuletzt Lohnerhöhungen in zwei Schritten angeboten: 1,5 Prozent zum 1. Januar 2022 und 1,7 Prozent zum 1. März 2023, bei einer Laufzeit bis Ende Juni 2024. Der GDL reicht dies nicht. Sie fordert unter anderem frühere Lohnerhöhungen, eine kürzere Laufzeit und einen Corona-Bonus von 600 Euro.

Bahn-Personalvorstand Martin Seiler sagte, man sei von den Forderungen der GDL nicht weit entfernt. Um weiterzukommen, müsse man sich in der schwersten Krise der Geschichte des Bahn-Konzerns zusammensetzen. "Unsere Reisenden und den Bahnverkehr in der jetzigen Lage weiter mit Streiks zu bedrohen, bringt inhaltlich kein Stück weiter, ist völlig unnötig und überzogen", erklärte Seiler.

Nur jeder vierte Fernzug war unterwegs

Den Erfolg des gut zweitägige Streiks bewerten beide Seiten völlig anders. Die GDL-Spitze habe ihr eigentliches Arbeitskampfziel "nicht erreicht", sagte eine Bahnsprecherin. Ihre Begründung: Zwar hätten sich etwa ein Viertel der Lokführer und Mitarbeiter des Bordpersonals an dem Ausstand beteiligt - sonst aber "so gut wie niemand".

In Deutschland hat die Bahn nach eigenen Angaben insgesamt 217.028 Mitarbeitende. Neben etwa 5400 Lokführern hätten sich gerade einmal 72 Stellwerker, 30 Beschäftigte in der Instandhaltung und 18 Servicemitarbeiter an Bahnhöfen an dem Streik beteiligt, so die Bahn-Sprecherin. "Das steht im kompletten Gegensatz zu den Ankündigungen der GDL-Führung, Beschäftigte im Netz, in den Werkstätten oder an den Bahnhöfen repräsentieren zu wollen."

Massive Auswirkungen hatte der Streik dennoch, weil ohne Lokführer naturgemäß kein Zug fährt: Drei Viertel der Fernverkehrszüge und etwa 60 Prozent der Nahverkehrszüge fielen während der Streiktage aus, Millionen Fahrgäste waren betroffen. Außerdem blieben rund 300 Güterzüge stehen. Angaben zu den wirtschaftlichen Schäden des Streiks machte die Bahn bislang nicht.

Von der GDL heißt es, der Ausstand sei ein "großer Erfolg" gewesen. Weselsky sagte, die Bahn versuche vergeblich, dies kleinzureden. Der Konzern habe - anders als behauptet - nicht einmal einen stabilen Not-Fahrplan mit einem Viertel der Fernzüge fahren können.

Machtkampf zwischen Gewerkschaften

Formal geht es in dem Konflikt zwar um Lohnerhöhungen, im Hintergrund schwelt aber ein Machtkampf zwischen der GDL und der zweiten Bahn-Gewerkschaft, der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Die GDL hat nach eigenen Angaben etwa 37.000 Mitglieder - darunter vor allem Lokführer. Die EVG ist deutlich breiter aufgestellt und hat deutlich mehr Mitglieder. Das Tarifeinheitsgesetz schreibt aber vor, dass in einem Betrieb für alle Mitarbeiter der Tarifvertrag gilt, der mit der Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern ausgehandelt wurde. Die Bahn hat rund 300 Einzelbetriebe - und in den meisten davon ist die EVG die dominierende Gewerkschaft.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), spricht bei einer Presskonferenz zur Bilanz  | dpa

GDL-Chef Weselsky wertete den Streik als Erfolg, muss sich aber den Vorwurf anhören, es gehe ihm in erster Linie um Machterhalt. Bild: dpa

Vorwurf der "Mitgliederwerbung"

Weselsky wird deshalb von mehreren Seiten vorgeworfen, es gehe ihm im Kern gar nicht um den Tarifabschluss, sondern um die Erhaltung seiner Macht. Denn mittels des besseren Abschlusses könnte es ihm gelingen, EVG-Mitglieder zur GDL zu locken und damit in weiteren der 300 Bahn-Einzelbetriebe stärker zu werden als die EVG.

Weselsky weist diesen Vorwurf zurück: "Wir lassen uns nicht einreden, dass dies ein politischer Streik ist", sagte er zu entsprechenden Äußerungen des Bahn-Beauftragten der Bundesregierung, Enak Ferlemann.

"Folge eines völlig verfehlten Tarifeinheitsgesetzes"

Der Streik selbst wird vor allem auch mit Blick auf die steigenden Corona-Zahlen kritisiert, weil die Menschen in vielen der Züge, die noch fuhren, keinen Abstand mehr halten konnten.

Aus Politik und von Experten kommt aber auch deutliche Kritik am Tarifeinheitsgesetz. "Dieser Streik ist nicht zuletzt ein Ergebnis des unsäglichen Tarifeinheitsgesetzes von Union und SPD, das die Konkurrenz der beiden Bahngewerkschaften ohne Not verschärft hat und ein Nebeneinander verschiedener Tarifverträge erschwert", sagte etwa Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter dem "Handelsblatt". Auch die AfD erklärte, der Streik sei "die zwangsläufige Folge eines völlig verfehlten Tarifeinheitsgesetzes".

Der Fahrgastverband Pro Bahn sprach sich für eine Zusammenarbeit der Bahn-Gewerkschaften aus. Diese sollten sich "zusammentun und gemeinschaftlich verhandeln", sagte ihr Ehrenvorsitzender Karl-Peter Naumann dem Sender Phoenix. "Wettbewerb unter Gewerkschaften funktioniert nicht wirklich, das geht letztendlich zu Lasten des Systems Schiene."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2021 um 12:00 Uhr.