Eine Lok steht auf einem Gleis in Hagen. | AFP

GDL-Ausstand "Großer Erfolg" oder "Ziel verfehlt"?

Stand: 13.08.2021 12:50 Uhr

Mehr als 200.000 Menschen arbeiten in Deutschland für die Bahn. Etwa 5500 davon haben gestreikt - und die Bahn damit lahmgelegt. Die GDL sieht das als Erfolg. Die Bahn sagt, der Streik habe sein Ziel verfehlt. Wer liegt nun richtig?

War der gut zweitägige GDL-Streik ein Erfolg oder nicht? Die Einschätzungen von Bahn und Lokführergewerkschaft GDL gehen da naturgemäß auseinander. Die GDL-Spitze habe ihr eigentliches Arbeitskampfziel "nicht erreicht", sagte eine Bahnsprecherin. Ihre Begründung: Zwar hätten sich etwa ein Viertel der Lokführer sowie Mitarbeiter des Bordpersonals an dem Ausstand beteiligt - sonst aber "so gut wie niemand".

In Deutschland hat die Bahn nach eigenen Angaben insgesamt 217.028 Mitarbeitende. Neben etwa 5400 Lokführern hätten sich gerade einmal 72 Stellwerker, 30 Beschäftigte in der Instandhaltung und 18 Servicemitarbeiter an Bahnhöfen an dem Streik beteiligt, so die Bahn-Sprecherin. "Das steht im kompletten Gegensatz zu den Ankündigungen der GDL-Führung, Beschäftigte im Netz, in den Werkstätten oder an den Bahnhöfen repräsentieren zu wollen."

Massive Auswirkungen hatte der Streik dennoch - was daran liegt, dass bei der Bahn ohne Lokführer nun mal kein Zug fährt: Drei Viertel der Fernverkehrszüge und etwa 60 Prozent der Nahverkehrszüge fielen während der Streiktage aus, Millionen Fahrgäste waren betroffen. Außerdem blieben rund 300 Güterzüge stehen. Angaben zu den wirtschaftlichen Schäden des Streiks machte die Bahn bislang nicht.

GDL droht mit neuem Streik

Von der GDL heißt es hingegen, der Ausstand sei ein "großer Erfolg" gewesen. GDL-Chef Claus Weselsky sagte, die erste Streikwelle sei hervorragend gelaufen. Die Bahn versuche vergeblich, dies kleinzureden. Der Konzern habe - anders als behauptet - nicht einmal einen stabilen Not-Fahrplan mit einem Viertel der Fernzüge fahren können.

Und Weselsky drohte mit neuen Streiks: "Entweder es kommt ein verbessertes Angebot auf den Tisch, oder wir lassen erneut die Züge in diesem Land stehen." Man werde bis dahin nicht lange warten. Einen neuen Arbeitskampf werde man aber mit einem größeren Vorlauf als den zuletzt etwa 15 Stunden ankündigen. Einen unbefristeten Streik plane man derzeit nicht, so der GDL-Chef.

Zwei konkurrierende Bahn-Gewerkschaften

Um diese unterschiedliche Deutung des Streik-Erfolgs einordnen zu können, muss man sich den Hintergrund des Konflikts genauer anschauen: Formal geht es in dem Konflikt zwar um Lohnerhöhungen, im Hintergrund schwelt aber ein Machtkampf zwischen der GDL und der zweiten Bahn-Gewerkschaft, der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Die GDL hat nach eigenen Angaben etwa 37.000 Mitglieder - darunter vor allem Lokführer. Die EVG ist deutlich breiter aufgestellt und hat deutlich mehr Mitglieder. Das Tarifeinheitsgesetz schreibt aber vor, dass in einem Betrieb für alle Mitarbeiter der Tarifvertrag gilt, der mit der Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern ausgehandelt wurde. Die Bahn hat rund 300 Einzelbetriebe - und in den meisten davon ist die EVG die dominierende Gewerkschaft.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), spricht bei einer Presskonferenz zur Bilanz  | dpa

GDL-Chef Weselsky wertete den Streik als Erfolg, muss sich aber den Vorwurf anhören, es gehe ihm in erster Linie um Machterhalt. Bild: dpa

Weselsky weist Vorwurf zurück

GDL-Chef Weselsky wird deshalb von mehreren Seiten vorgeworfen, es gehe ihm im Kern gar nicht um den Tarifabschluss, sondern um die Erhaltung seiner Macht. Denn mittels des besseren Abschlusses könnte es ihm gelingen, EVG-Mitglieder zur GDL zu locken und damit in weiteren der 300 Bahn-Einzelbetriebe stärker zu werden als die EVG.

Weselsky weist diesen Vorwurf zurück: "Wir lassen uns nicht einreden, dass dies ein politischer Streik ist", sagte er zu entsprechenden Äußerungen des Bahn-Beauftragten der Bundesregierung, Enak Ferlemann.

"Folge eines völlig verfehlten Tarifeinheitsgesetzes"

Aus Politik und von Experten wird auch das Tarifeinheitsgesetz kritisiert. "Dieser Streik ist nicht zuletzt ein Ergebnis des unsäglichen Tarifeinheitsgesetzes von Union und SPD, das die Konkurrenz der beiden Bahngewerkschaften ohne Not verschärft hat und ein Nebeneinander verschiedener Tarifverträge erschwert", sagte etwa Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter dem "Handelsblatt". Auch die AfD erklärte, der Streik sei "die zwangsläufige Folge eines völlig verfehlten Tarifeinheitsgesetzes".

Der Fahrgastverband Pro Bahn sprach sich für eine Zusammenarbeit der Bahn-Gewerkschaften aus. Diese sollten sich "zusammentun und gemeinschaftlich verhandeln", sagte ihr Ehrenvorsitzender Karl-Peter Naumann dem Sender Phoenix. "Wettbewerb unter Gewerkschaften funktioniert nicht wirklich, das geht letztendlich zu Lasten des Systems Schiene."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. August 2021 um 12:00 Uhr.