Roboter unterstützen bei der Batteriefertigung bei Bosch | picture alliance/dpa/Bosch

Automatisierte Arbeitsabläufe Die Rettung bei Fachkräftemangel?

Stand: 29.07.2022 08:15 Uhr

Der Personalmangel entwickelt sich in Deutschland zunehmend zur Wachstumsbremse. Selbst für einfache Tätigkeiten finden sich kaum noch Mitarbeiter. Ist die Automatisierung ein Ausweg?   

Von Axel John, SWR

In diesen trockenen Tagen einen Termin mit Martin Beinlich zu bekommen, ist nicht leicht. Der Geschäftsführer ist viel unterwegs. Das Familienunternehmen in der dritten Generation hat sich auf Beregnungstechnik für die Landwirtschaft spezialisiert. "Unser Umsatz hat sich zuletzt mehr als verdoppelt", erzählt Beinlich. Grund sei die immer extremere Trockenheit - in Deutschland und auch in anderen Teilen der Welt. "Wir legen Wert auf langfristige Kundenbindung. Tradition ist uns wichtig, aber auch wir müssen uns verändern." Das gilt auch für den Personalbereich.  

Axel John

Personalsuche große "Herausforderung"

Für das mittelständische Unternehmen im rheinland-pfälzischen Ulmen wird es immer schwieriger, geeignete Arbeitskräfte zu finden. "Wir haben viele Jahre Glück mit unseren Leuten gehabt. Ob ich aber jetzt noch zusätzliche Arbeitskräfte kriegen könnte, das bezweifele ich. Die Personalgewinnung ist inzwischen die größte Herausforderung", sagt Beinlich.   

Konkret plant Beinlich deshalb die Anschaffung von Schweißrobotern. Der Grund: Einige Schweißer verlassen in den nächsten Jahren die Firma. Sie gehen in den Ruhestand. "Die Automation ist für standardisierte und wiederkehrende Arbeitsabläufe vorgesehen. Kein Kollege wird durch einen Computer ersetzt. Es wird eine Mischlösung geben. Fachkräfte sind weiter nötig, um die Abläufe und Qualität zu gewährleisten", erklärt Beinlich. Damit folge seine Firma auch dem Trend auf den Arbeitsmärkten - in Deutschland und weltweit.  

"Mangel an Menschen zu groß"

In Kaiserslautern hört Martin Ruskowski die Pläne von Beinlich und nickt. "Ich komme selber aus der Industrie und kenne mich mit Schweißrobotern gut aus. Immer mehr Firmen stellen nach und nach um." Heute arbeitet Ruskowski am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern. Er ist Vorstandsvorsitzender der Technologie-Initiative SmartFactory-KL. In dieser "schlauen Werkstatt" entwickelt künstliche Intelligenz (KI) zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Firmen Programme zur Robotik und Automatisierung.   

Der zunehmende Arbeitskräftemangel überrascht Ruskowski überhaupt nicht, sondern etwas ganz anderes. "Der demografischen Wandel ist seit Jahrzehnten absehbar. Hier müsste von allen Seiten noch viel mehr getan werden", meint er. "Denn es ist klar, dass die Automatisierung nur einen Teil des Verlustes von Arbeitskräften kompensieren kann. Dafür wird der Mangel von Menschen am Markt zu groß."   

Automatisierung frisst keine Jobs mehr

Die Wirtschaft sei hier schon deutlich weiter als die Politik: "Die Nachfrage von Unternehmen nach Automatisierung hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich und stark zugenommen. Selbst den Kleinunternehmern geht es dabei aber nicht darum, Angestellte und damit Geld zu sparen, sondern überhaupt weiter produzieren zu können."   

Lange galten aber vor allem in Deutschland Roboter und Künstliche Intelligenz als Gefahr für Arbeitsplätze. Ruskowsi hält dagegen: "Durch Automatisierung sind stets zusätzliche Jobs geschaffen worden. Maschinen haben den Menschen nicht ersetzt, sondern unterstützt. Es wurden ganze Industriezweige mit vielen Mitarbeitern und eine enorme Wertschöpfung geschaffen."

Bei geringer werdenden Mitarbeiterzahlen könne durch Automation die Produktivität des Unternehmens aufrechterhalten und sogar gesteigert werden. "Schauen Sie auf die technische Entwicklung und die demografische Entwicklung in vielen Industrienationen. Nur die Volkswirtschaften, die die Digitalisierung und Automatisierung schnell umsetzen, werden am Markt überleben."  

"Der Mangel ist der neue Standard" 

"Was wir am Arbeitsmarkt beobachten, ist kein Ausnahmezustand. In diesem Jahrzehnt beginnt die Erwerbsbevölkerung in Deutschland zu schrumpfen. Der Mangel ist der neue Standard", analysiert Wirtschaftsexperte Daniel Stelter. Für den Strategieberater ist die Automatisierung am Arbeitsmarkt eine Möglichkeit. Er sieht aber noch zusätzliche Potenziale: "Wir könnten die Erwerbsquote steigern - etwa Menschen zu motivieren, länger als bis 63 Jahre zu arbeiten, statt den vorzeitigen Ruhestand noch finanziell zu fördern. Wir könnten auch Anreize schaffen, Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu holen." Auch die hohe Steuer- und Abgabenlast mache Arbeit für viele unattraktiv. Allerdings gebe es in der Politik keine Bereitschaft, diese Möglichkeiten zu nutzen.  

Auch deshalb sei eine schnelle Digitalisierung für den Standort Deutschland zwingend. "Die Produktivitätszuwächse haben zuletzt nicht nur hierzulande, sondern weltweit abgenommen. Auch andere Länder haben ähnliche demografische Probleme. Sie werden versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit über Automatisierung zu sichern." Deutschland müsse mitziehen - "Ansonsten ist unser Sozialstaat mit all seinen Versprechungen künftig nicht im Ansatz zu finanzieren."  

Ergänzung, nicht Ersatz

Aber wo stehen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich? "In Japan etwa gibt es Roboter in vielen unterschiedlichen Branchen. Deutschland hat zwar formal eine hohe Zahl, aber vor allem in der Automobilindustrie. Insgesamt besteht in vielen Branchen ein großer Nachholbedarf", so Stelter. Er bemängelt, dass etwa das Augsburger Hochtechnologie-Unternehmen KUKA an China verkauft worden ist. "Damit geht auch viel Spezialwissen verloren, was wir langfristig schmerzlich bei den Fachkräften spüren werden." 

In Ulmen will Unternehmer Beinlich eine neue Produktionshalle für die Automation bauen. "Die Entwicklung hin zu den Schweißrobotern ist zwangsläufig, aber der Königsweg ist das nicht. Fallen die Maschinen wegen einer Störung aus, liegen ganze Produktionsabläufe lahm. Auch hier brauche ich für Wartung und Reparatur Fachkräfte, von denen es nur wenig gibt." Deshalb will der Geschäftsführer künftig auch verstärkt in sein Personal investieren - denn Computer seien für die Kollegen nur eine Ergänzung, aber kein Ersatz.