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VW-Mitarbeiter gegen Audi Gender-Streit vor Gericht

Stand: 19.05.2021 14:42 Uhr

Die VW-Tochter Audi verwendet seit März eine gendersensible Sprache, um die geschlechtliche Vielfalt besser sichtbar zu machen. Ein VW-Mitarbeiter fühlt sich diskriminiert und klagt nun dagegen.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Der seit Monaten schwelende Gender-Streit bei Audi eskaliert. Nachdem die VW-Tochter eine Unterlassungserklärung gegen den Gender-Leitfaden unbeantwortet ließ, hat ein VW-Mitarbeiter, vertreten durch die bekannten Rechtsanwälte Burkhard Benecken (Marl) und Dirk Giesen (Düsseldorf), nun am Montag eine Klage gegen Audi beim Landgericht Ingolstadt eingereicht. Das bestätigte Burkhard Benecken im Gespräch mit tagesschau.de. "Wir sind der Auffassung, dass ein Konzern seinen Mitarbeitern nicht eine konkrete Art der Sprache vorgeben darf", so Benecken. Audi habe mit den seit März geltenden sprachlichen Leitplanken eine Grenze überschritten, wodurch das Persönlichkeitsrecht der Mitarbeiter betroffen sei.

Die Anwälte erhoffen sich ein Grundsatzurteil zur Frage, ob ein Konzern seinen Mitarbeitern die Verwendung einer bestimmten Sprache vorgeben dürfe. Ein solches Urteil zu dieser Frage gebe es bislang in Deutschland nicht, sagte Benecken. Deshalb betrete man mit der Klage "absolutes Neuland". Dem Verein Deutsche Sprache (VDS), der den klagenden VW-Mitarbeiter unterstützt, erklärten die Anwälte: "Unser Mandant fühlt sich durch das Gendern massiv gegängelt. Er ist entsetzt, dass die Audi AG von oben herab geradezu diktatorisch eine Sprache ihren Mitarbeitern verordnen will, die der Prüfung durch die amtliche Rechtschreibung nicht im Ansatz standhält."

"Eine Frage des Respekts"

Bei ihrem Mandanten handelt es sich um einen langjährigen Mitarbeiter des Mutterkonzerns VW, der in verschiedenen Gremien tätig sei, in denen er auch auf Audi-Mitarbeiter treffe. Er sei daher direkt von den Gender-Leitlinien betroffen, weil er keine Wahl mehr habe, wie er angesprochen werden möchte. Das sei diskriminierend, so die Anwälte.

Tatsächlich gilt seit Anfang März im Audi-Konzern eine neue Richtlinie für eine gendergerechte Sprache. "Wertschätzung, Offenheit, Verantwortung und Integrität sind die Basis unserer Unternehmenskultur", begründet Sabine Maaßen, Vorständin für Personal und Organisation der Audi AG, den Leitfaden. "Dies machen wir auch in unserer Sprache deutlich." Gendersensibel zu kommunizieren sei eine Frage des Respekts und Ausdruck einer Haltung gegen Diskriminierung und für Vielfalt.

"Führungskraft" statt "Chef"

Es gebe grundsätzlich zwei Möglichkeiten, schriftlich gendersensibel zu kommunizieren. Zum einen mithilfe von neutralen Formulierungen: "Mitarbeitende" statt "Mitarbeiter" oder "Führungskraft" statt "Chef", so Audi in einer Mitteilung. Die zweite Möglichkeit sei das Sichtbarmachen: "Es erfolgt bei Audi mithilfe des sogenannten Gender-Gaps". Diese Schreibweise verbindet die männliche und die weibliche Form mit einem Unterstrich, wie zum zum Beispiel Mitarbeiter_innen. Dadurch würden alle "nicht-binären Geschlechtsidentitäten" zwischen Mann und Frau repräsentiert, heißt es bei Audi weiter.

Um die "Audianer_innen" dabei zu unterstützen, hat der Konzern sogar eine eigene Intranet-Seite eingerichtet. Auf ihr seien alle Informationen, ein Glossar mit Anwendungsbeispielen sowie ein Animationsfilm zum Thema zu finden, betont Audi.

Walter Krämer vom Verein Deutsche Sprache (VDS) in Dortmund hält das Vorgehen von Audi für arrogant. Er wirft dem Konzern Gängelei vor. "Das Aufzwingen einer Sprache, die keine rechtliche Grundlage hat, erinnert doch stark an Unrechtssysteme wie das der DDR oder an Dystopien wie '1984' von Orwell", so Krämer. Unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung werde durch das Gendern das Kommunikationsmittel Sprache geopfert.

Audi will sich nicht äußern

Während Anwalt Benecken der Klage "gute Erfolgschancen" einräumt, hat Audi jetzt Zeit, die Klage zu erwidern. Mit einem Urteil rechnet er spätestens in einem Jahr. Nach Angaben eines Audi-Sprechers liegt dem Autobauer bisher keine Klageschrift vor. Zudem bat er um Verständnis dafür, "dass wir uns zu laufenden juristischen Vorgängen nicht äußern".

In den sozialen Medien hat der Streit zu heftigen Debatten geführt, die auf Twitter unter dem Hashtag #Gendergaga ausgetragen werden. Die Reaktionen auf die von Audi ergriffene Initiative fallen überwiegend negativ aus. In Frankreich geht man übrigens noch einen Schritt weiter: Dort ist das schriftliche Gendern mit Sonderzeichen wie Sternchen oder Unterstrichen seit vergangener Woche an Schulen verboten. Begründung: Die "inklusive" Schrift stimme nicht mit den in den Lehrplänen vereinbarten Regeln überein. Allerdings werden die Lehrkräfte auch dazu aufgefordert, durch rechtschreibkonforme Sprache die Gleichstellung zu fördern.