Der Chef des AstraZeneca-Konzerns, Pascal Soriot, im Dezember 2020. | Reuters

Umstrittener Konzernchef Wie tickt AstraZeneca?

Stand: 18.03.2021 19:01 Uhr

Für AstraZeneca könnte der Lieferstopp seines Impfstoffs in zahlreichen Ländern zu einem Problem werden. Kritik entzündet sich vor allem an Vorstandschef Pascal Soriot.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Als Pascal Soriot im Februar in einer Videokonferenz mit Europaabgeordneten erklären sollte, warum AstraZeneca seine Lieferzusagen nicht einhalten kann, gab er sich gewohnt schmallippig. "Wir alle sind enttäuscht", sagte er von Australien aus, das er inzwischen als seine Heimat betrachtet, weil dort seine beiden Kinder und die Enkel leben. Aber bei der Produktion neuer Medikamente und Impfstoffe seien Probleme nun einmal an der Tagesordnung.

Auch hartnäckige Kritik scheint an dem 61jährigen Franzosen abzuprallen wie Regentropfen an einem Wasserglas. Dabei nahm die finnische Linken-Europaabgeordnete Silvia Modig bei der Befragung kein Blatt vor den Mund: "Monsieur Soriot, Sie sind wie ein Stück nasse Seife. Man kann danach greifen wie man will, Sie entwischen uns immer wieder." Die niederländische Christdemokratin Esther de Lange warf Soriot sogar vor, sich wie ein "unzuverlässiger Gebrauchtwagenhändler" zu benehmen.

"Monsieur kann oder will nicht"

Eine überzeugende Antwort bekamen die Abgeordneten dennoch nicht. "Monsieur Soriot will oder kann uns einfach nicht wirklich erklären, warum sein Unternehmen deutlich weniger Impfstoff in die EU liefert als vertraglich zugesagt", beklagten sich die Deputierten im Straßburger Parlament.

Tatsächlich wiederholt Soriot immer wieder, dass der Produktionsprozess eines Impfstoffs hoch "hochkomplex" sei, er von "Tausenden von Parametern" abhänge, für deren Zusammenspiel ein Unternehmen normalerweise viel mehr Zeit brauche. Dabei wird Soriot nicht müde zu betonen, dass AstraZeneca den Impfstoff als einziger Hersteller ohne Gewinnabsicht produziere.

Typischer Vertreter der Technokratenkaste

Doch hinter dem heute so defensiv auftretenden Manager verbirgt sich ein Kämpfer. Als der US-Pharmariese und Viagra-Hersteller Pfizer 2014 versuchte, sich den britisch-schwedischen Konzern AstraZeneca einzuverleiben, lief Soriot zu Hochform auf und bekämpfte den feindlichen Übernahmeversuch mit allen Mitteln. Dabei verstand er es auch, die Politik auf seine Seite zu ziehen. Denn eine Übernahme durch Pfizer hätte die Forschung in Großbritannien in Frage gestellt. Am Ende musste Pfizer sein Angebot zurückziehen, Soriot triumphierte.

Der Franzose war erst 2012 zu dem Unternehmen mit Sitz in Cambridge gestoßen, nach Stationen bei den Pariser Pharmakonzernen Roussel Uclaf und Aventis. Bevor er zu AstraZeneca kam, war in leitenden Position bei dem Schweizer Pharmariesen Roche tätig. Soriot ist ein typischer Vertreter der französischen Technokratenkaste. Nach dem Abitur studierte er zunächst Tiermedizin, ging dann an die Elitehochschule HEC, der französischen Kaderschmiede für Manager.

Bisher kein Impfstoffspezialist

Nach seiner Ankunft bei AstraZeneca krempelte er das Unternehmen komplett um, trennte sich von Geschäften und entließ Tausende Mitarbeiter. Der Umsatz sank auf 20 Milliarden Dollar, 13 Milliarden weniger als 2011. Gleichzeitig investierte Soriot riesige Summen in die Entwicklung neuer Medikamente. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz wieder, der Gewinn kletterte auf 3,2 Milliarden Dollar.

Das Geld verdient der Konzern aber nicht mit Impfstoffen. Es sind vor allem neue Krebstherapien, etwa gegen Lungenkrebs, sowie Therapien gegen Atemwegs- und Herzerkrankungen, mit denen AstraZeneca punkten kann. Dass der Konzern dennoch ein Vakzin gegen Covid-19 entwickelte, verdankt er einer Anfrage der Universität Oxford. Deren Forscher benötigten vor allem die Infrastruktur eines großen Pharmakonzerns, um ihr Projekt voran zu treiben - so wie sich auch das Mainzer Unternehmen BioNTech mit Partner Pfizer zusammengetan hat.

Doch die zunehmenden Lieferprobleme bei dem Covid-Impfstoff machen die Investoren nervös. Seit seinem Hoch im vergangenen Jahr ist der Aktienkurs um 20 Prozent gefallen. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat die Papiere nach der Aussetzung der Impfungen in Deutschland zum "Verkauf" empfohlen.

Katastrophale Kommunikation

Zuletzt ist AstraZeneca wiederholt durch eine katastrophale Kommunikation aufgefallen. Gleich bei der Veröffentlichung der ersten Studienergebnisse sorgte das Unternehmen für Verwirrung. Denn die stark abweichende Wirksamkeit des neuen Covid-Vakzins je nach Dosierung war für die Fachwelt rätselhaft.

Während das Unternehmen von einem "glücklichen Zufall" sprach, nannte die Universität Oxford die geringere Dosierung eine “bewusste Entscheidung” - ein ungewöhnlicher Widerspruch zwischen großen Institutionen, die an einem Schlüsselprojekt zusammenarbeiten. Bis heute sind sich die beiden Partner nicht einig darüber, wie die Studienergebnisse letztlich zustande kamen. Weiteres Vertrauen verspielte das Unternehmen dann mit seinen meist kurzfristig veröffentlichten Entscheidungen, in den nächsten Wochen weniger Impfstoffdosen produzieren zu können.

Größter Zukauf in der Firmengeschichte

Pascal Soriot ficht das nicht an. Er ist bereits mit einem ganz anderen Projekt beschäftigt: der Integration der amerikanischen Biotechfirma Alexion Pharmaceuticals. Sie hat AstraZeneca im vergangenen Dezember für 39 Milliarden Dollar übernommen - der teuerste Zukauf in der Firmengeschichte. Die Briten wollen damit ihr Geschäft im Bereich seltener Erkrankungen und der Immunologie stärken.

Das US-Unternehmen mit Sitz in Boston und rund 2500 Mitarbeitern ist spezialisiert auf Medikamente, die das sogenannte Komplementsystem dämpfen - und damit einen Teil der angeborenen Immunabwehr des Menschen. Der Ansatz hat sich bei einigen sehr seltenen immunologischen Krankheiten als erfolgreich erwiesen und wird auch in der Behandlung von schweren Covid-Erkrankungen getestet.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 11. Februar 2021 um 11:20 Uhr.